Lehrstellen

Die Berufslehre hat im städtischen Umfeld ein Imageproblem

«Körperlich anstrengende Arbeit, bei der man dreckig werden kann, ist nicht gerade in», sagt Reto Baumgartner, Leiter Berufsbildung beim Basler Gewerbeverband. (Symbolbild)

«Körperlich anstrengende Arbeit, bei der man dreckig werden kann, ist nicht gerade in», sagt Reto Baumgartner, Leiter Berufsbildung beim Basler Gewerbeverband. (Symbolbild)

Bei anspruchsvollen Berufen spitzt sich der Nachwuchsmangel zu: Für Lehrbetriebe in der Region wird es immer schwieriger, offene Stellen zu besetzen. Mit neuen Ideen sollen die Lehren attraktiver gestaltet werden. Im Raum steht eine zusätzliche Ferienwoche für Lehrlinge.

Die Situation auf dem Lehrstellenmarkt verschärft sich - allerdings nicht so, wie wir das aus den 1990er-Jahren kennen: Damals bekundeten in der Region viele Schulabgänger Mühe, eine Lehrstelle zu finden. Heute ist es genau umgekehrt: Lehrstellen wären in beiden Basel genügend vorhanden, doch bekunden viele Unternehmen Mühe, diese zu besetzen. Der Trend hat sich zuletzt stark zugespitzt.

Imageproblem in der Stadt

Der Kampf um die Talente auf dem Lehrstellenmarkt hat verschiedene Gründe. Erstens demografische: Die Anzahl der Jugendlichen, die überhaupt eine Lehrstelle antreten könnten, ist in den beiden Basel insgesamt leicht rückläufig. 2011 lebten in den beiden Basel 23340 15- bis 19-Jährige; derweil wurden in beiden Basel 10876 Lehrverträge registriert. Einem relativ starken Rückgang in Basel-Stadt steht eine stabile Anzahl im Baselbiet gegenüber.

Zweitens hat die Berufslehre vor allem im städtischen Umfeld ein Imageproblem: «Körperlich anstrengende Arbeit, bei der man dreckig werden kann, ist nicht gerade in», sagt Reto Baumgartner, Leiter Berufsbildung beim Basler Gewerbeverband. Ein schlechtes Image hat die Berufslehre nicht «nur» in Akademikerkreisen, in denen es zum guten Ton gehört, dass der Nachwuchs das Gym besucht. Dasselbe gilt für Familien mit Migrationshintergrund: «Viele kennen das einzigartige duale Berufsbildungssystem der Schweiz gar nicht», fügt Baumgartner an.

Umgekehrt präsentiert sich das wirtschaftliche Umfeld seit Jahren solide - entsprechend hoch ist die Anzahl der Lehrstellen, dies notabene in einer zunehmenden Anzahl von Berufsfeldern. Diese gegenläufigen Tendenzen führen dazu, dass die Schere zwischen Lehrstellenangebot und -nachfrage immer weiter aufgeht. Nur teilweise gemindert wird das Problem, indem in einigen Branchen - zum Beispiel bei den Life Sciences - Lehrlinge aus anderen Schweizer Landesteilen rekrutiert werden.

Imagekampagnen reichen nicht

Allerdings mangelt es nicht in allen Branchen an Lehrlingen. «Für Schulabgänger mit geringeren Qualifikationen ist es nach wie vor nicht einfach, eine Lehrstelle zu finden», erklärt Christoph Marbach, Leiter Berufs- und Erwachsenenbildung beim Kanton Basel-Stadt. Umgekehrt ist der Nachwuchsmangel bei anspruchsvollen Lehren umso gravierender, etwa bei Polymechanikern, Laboranten und generell den Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Stellt sich die Kardinalsfrage, was gegen die mangelnde Nachfrage unternommen werden kann. Die beiden Basel haben das Problem erkannt und unter anderem die Kampagne «Berufslehre plus Berufsmaturität» ins Leben gerufen. Doppelplakate, die junge Erwachsene mit Bauarbeiterhelm und mit Doktorhut zeigen, sind derzeit im Stadtbild präsent. Solche Kampagnen helfen, das Imageproblem zu mindern. Doch das reiche nicht, heisst es in Berufsbildungskreisen hinter vorgehaltener Hand. Die Berufe müssten nicht «nur» besser vermarktet, sondern attraktiver gestaltet werden.

Eine Idee: Den Lehrlingen mehr als die heutigen fünf Wochen Ferien geben. Vor allem für Neulinge wäre ein sanfterer Einstieg ins Berufsleben hilfreich. Christoph Marbach meint vorsichtig: Für den Kanton wäre es heikel, in dieses Gefüge einzugreifen; die Berufsbildung sei stark wirtschaftsgesteuert und werde vor allem auf Bundesebene geregelt. Persönlich würde der Bildungsfachmann eine zusätzliche Ferienwoche für Lehrlinge aber begrüssen. Der Kanton als prominenter Ausbildner könnte hier eine Vorreiterrolle spielen, sagt Marbach, fügt aber an: «Der Anstoss müsste von politischer Seite kommen.»

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