Abschluss
Die Berufsmatur hat in Basel-Stadt nur wenige Fans

Nur gerade 7 Prozent aller Schulabgänger haben vergangenes Jahr in Basel-Stadt die Berufsmatur abgelegt. Das ist neben dem Kanton Genf der schlechteste Wert der Schweiz. Im Gegenzug drängen zu viele an die Gymnasien zur klassischen Matur.

Eva Wieser
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Labor, Fachunterricht und Berufsmaturitätsschule: dreifache Belastung für diejenigen, welche sich die Matur berufsbegleitend erarbeiten.

Labor, Fachunterricht und Berufsmaturitätsschule: dreifache Belastung für diejenigen, welche sich die Matur berufsbegleitend erarbeiten.

Noch ist der Jubel über die bestandene Matur nicht ausgebrochen. Prüfungsstress, Adrenalinschübe und Nervosität müssen die Schülerinnen und Schüler vor dem Abschluss über sich ergehen lassen – betroffen sind in Basel rund 40 Prozent der Jugendlichen. Dass die kantonale Maturitätsquote hoch ist, ist nicht neu. Und wird oft als städtisches Phänomen bezeichnet.

Hans Georg Signer, Leiter Bildung im Erziehungsdepartement entschärft: «Die Summe der beruflichen und gymnasialen Maturität liegt nur drei Prozent über dem Schweizer Durchschnitt.» Das würde dem Bedarf an sehr gut ausgebildeten Menschen entsprechen. Dennoch gibt es einen Haken: «In Basel liegt das Problem nicht in der Höhe der Maturitätsquote, sondern bei der Aufteilung», weiss Signer. Die Berufsmaturitätsquote sei mit 7 Prozent zu tief, die Quote der gymnasialen Matur mit 29 Prozent zu hoch.

Trotz gutem Ruf und präsenter Kampagne: Die Basler Berufsmaturitätsquote liegt weit unter dem Schweizer Durchschnitt. Nur der Kanton Genf weist eine ähnlich tiefe Quote auf. «Die Berufsmaturität ist in Basel bei den Eltern – und leider oft auch bei einigen Lehrpersonen – zu wenig bekannt», stellt die Leiterin der Berufsmaturitätsschule Anna-Lora Amrein fest. Das Gymnasium hingegen kenne aus Tradition jeder.

Gymnasium – was sonst?

Dass sich eine Mehrheit nach der Orientierungsschule für das Gym interessiert, liegt für Hans Georg Signer auch am Schulsystem: «Wenn sich die Schüler bereits zwei Jahre vor Ende der obligatorischen Schulzeit für oder gegen das Gymnasium entscheiden müssen, gibt es keine vergleichbaren Alternativen, denn die Berufsmatur beginnt erst zwei Jahre später.» Mit der Strukturreform Harmos würden alle Jugendlichen zur selben Zeit einen Entscheid treffen. Tatsache wird dies erstmals im Jahr 2018: Dann beendet der erste Jahrgang nach 11 Schuljahren (inklusive Kindergarten) gleichzeitig die obligatorische Schulzeit.

Zwar erhofft man sich mit Harmos einen Aufschwung für die Berufsbildung. Doch zuerst muss das «ungerechtfertigte Vorurteil», welches, wie Signer sagt, auf der Berufsbildung lastet, aus dem Weg geräumt werden. «Die Eltern müssen früher informiert werden, dass die beiden Wege gleichwertig sein können», erklärt Signer. Auch die Migrantenfamilien seien sich oft nicht bewusst, «dass eine Lehre in Kombination mit der Berufsmatur einen hohen Stellenwert hat und besonders viele Türen öffnet».

Die Türen schwingen besonders weit auf, wenn nach der Berufsmaturität das Passerelle-Angebot angehängt wird. In einem Jahr werden die Berufsschüler auf die Universitäten und Hochschulen vorbereitet.

Als guten Weg, um die eigenen beruflichen Ziele neu zu positionieren, bezeichnet die Leiterin der Berufsmaturitätsschule Anna-Lora Amrein die Passerelle. Entsprechende Motivation und hohe Lernbereitschaft sei notwendig, um das sicher nicht einfache Schuljahr erfolgreich abzuschliessen. «Rund zwei Drittel der Passerelle-Absolventen bestehen die Abschlussprüfung», weiss Amrein.

Anspruchsvolle Lehre

Die Hürde zwischen Berufsmatur und Uni-Studium scheint hoch zu sein. Das sieht Peter Nebel, Leiter Berufsbildung bei der Firma Fr. Sauter AG, ähnlich: «Ich stelle fest, dass vielen Lernenden nach vier Jahren Ausbildung mit Berufsmatur die Energie fehlt, die Passerelle noch anzuhängen.» Viele würden sich dann sagen, dass sie höchstens berufsbegleitend eine Weiterbildung machen oder die Fachhochschule besuchen.

Dass sich die Berufslehre in den letzten Jahren – vor allem in der Technik – entwickelt habe, betont Nebel. «Es sind nicht mehr die dreckigen Berufe von gestern.» Wer bei Sauter eine Lehre mache, müsse schulisch auf einem hohen Niveau sein. Nebel: «Wir brauchen gute, praktisch orientierte Leute. Wenn alle ans Gymnasium gehen, fehlen diese in den Betrieben.»