Als hätte der Wettermoderator im Radio geahnt, was auf dem Tagesprogramm steht, spricht er von einer «ausgezeichneten Fernsicht». Es ist Samstagmorgen und die Fahrt hoch zur St. Chrischona verspricht einen grossartigen Tag der offenen Tür auf dem Sendeturm. Die Vorfreude steigt von Meter zu Meter, der das beeindruckende, 250 Meter hohe Bauwerk näher kommt. Oben am Fusse des Turms angekommen: blankes Staunen. So ging es wohl den meisten der 700 Besucher, die ein Ticket für den Rundgang ergattert hatten. In vier Stunden waren diese vergriffen. Der Sendeturm St. Chrischona fasziniert die Menschen der Region auch nach dreissig Jahren.

Im Viertelstundentakt fährt der Lift die Besucher auf die Aussichtsplattform im 46. Stockwerk. 799 Stufen, 137 Meter Höhe. Die Aussicht ist grossartig. Trotzdem hat der Wettermoderator im Radio etwas übertrieben. Leichter Dunst trübt die ganz perfekte Weitsicht. «Bei optimalen Bedingungen sieht man den Rigi, den Säntis und die Berner Alpen. Das Wetter heute ist trotzdem sehr gut. Es kommt selten vor, dass man die Vogesen sieht», erklärt Urs Keller. Er ist als Regionalleiter Mitte zuständig für Betrieb, Unterhalt und die Sicherheit des Funknetzes. Seit 31 Jahren arbeitet er bei der Swisscom und deren Vorgängerin PTT. «Wenn man den Turm umkippen würde, müssten wir das schon verzollen», umschreibt er bildlich das höchste Gebäude der Schweiz.

Als hätte der Chef sie persönlich bestellt, fliegt am Vormittag auch noch die Super Constellation vorbei.

Technik ist heute sehr viel kleiner

Nach der Aussichtsplattform, auf die alle Besucher rauf dürfen, führt Keller die regionale Medienschar auf eine weitere Terrasse in 145 Metern Höhe, die für Besucher geschlossen ist. Die Aussicht ins freie Gelände ohne Fensterfront ist noch berauschender. Ein paar Stockwerke tiefer geht es mit Urs Keller hinaus zu den Richtfunkantennen, von denen rund fünfzig Stück am Sendeturm montiert sind. Die meisten von ihnen sind rund und gleichen einer Trommel. Sie sind für die Punkt-Punkt-Richtfunkverbindungen zuständig und können gleichzeitig Signale von A nach B senden und empfangen. «Jede Antenne hat irgendwo im Gelände eine Gegenstation, die punktgenau auf die Antenne abgestimmt ist», erklärt Keller. Je grösser die Distanz und je höher die Frequenz, desto grösser die Trommel. «Die Kernaufgabe des Turms sind die terrestrischen Signale durch die Luft zu übermitteln», so Keller. Einst war der Chasseral eine solche Gegenstation des Sendeturms.

Wie sich die Technik und damit auch die Bedeutung des Turms in dreissig Jahren verändert hat, zeigt der Technikraum. Dieser ist gemäss Urs Keller das Herz der ganzen Anlage. «Auf einen Sender kommen heute viel mehr Programme.»
Früher waren die Gerätschaften für die analogen Sender um etliches grösser. Die Gestelle – die sogenannten Racks – sind heute viel weniger geworden. Sie sind gefüllt mit Technikanlagen und funktionieren gemäss Techniker Roland Wullschleger wie ein eigenes Internet.

Wer heute zu Hause den Fernseher anstellt, braucht den Sendeturm nicht mehr direkt. «Das Fernsehsignal kommt heute über Kabel, Satellit oder halt Swisscom TV», sagt Swisscom-Sprecher Willy Koch. Der Turm habe schon etwas an Bedeutung verloren. «Wäre er aber auf einmal weg, wäre dies für die Swisscom eine grosse Herausforderung.» Die heutigen Aufgaben der Sendestation sind unter anderem die Verbreitung nationaler UKW-Radioprogramme, der digitalen Radioprogramme (DAB) und die nationale TV- Versorgung mittels DVB-T. Zudem befindet sich auf rund 105 Metern Höhe ein Wasserreservoir für die St. Chrischona.

Stolze ehemalige Mitarbeiter

Vor allem für ältere Menschen steht der Sendeturm für Aufbruch und Erinnerung. Die ehemaligen Mitarbeiter erhielten einen separaten Einblick ins heutige Geschehen. Unter ihnen war auch der pensionierte Muttenzer Teddy Flury. «Zu Beginn war er hauptsächlich für das Radio und dann für das Fernsehen mit dem Sendedreieck Titlis-Chasserall-St. Chrischona.» Für Teddy Flury war der Sendeturm ein spezieller Arbeitsplatz. «Man wusste immer, dass man etwas ganz Wichtiges für die Bevölkerung tut. Wir wussten, dass wir auch in einer Notsituation senden könnten.» Flury arbeitete in der Technik und erinnert sich noch heute genau, wie er mit den Kollegen beim Turmaufbau die Kabel hochzog. «Für uns Mitarbeiter war der Turm ein Wahrzeichen.»