Neuanfang, Umbruch, Wandel: Im Zusammenhang mit den Gemeindewahlen vom 26. Januar sind diese Schlagworte in Riehen oft zu hören. Vor allem das bürgerliche Lager sieht nach der Ankündigung von Willi Fischer, nach neun Jahren an der Spitze der Gemeinde nicht mehr anzutreten, eine günstige Gelegenheit, der EVP das Präsidium endlich abzuluchsen – das diese seit 44 Jahren ununterbrochen besetzt hält.

Auf dem Papier sind das nicht die besten Voraussetzungen für Christine Kaufmann, die in Fischers Fussstapfen treten will. Dass sie die Tochter ist von Gerhard Kaufmann, welcher der Gemeinde 28 Jahre lang vorstand, macht es nicht einfacher. Schliesslich verkörpert Vater Kaufmann – dem der Ruf eines Dorfkönigs anhaftete – just jene Tradition, unter die in Riehen viele einen Schlussstrich ziehen möchten.

Christine Kaufmann erweckt im Gespräch mit der bz allerdings nicht den Eindruck, als würde sie diese Tatsache sonderlich beschäftigen: «Ich trete nicht mit dem Anspruch an, das Gemeindepräsidium wie ein Erbe weiterzuführen.» Parteikollegin Annemarie Pfeifer – sie will am 26. Januar in den Gemeinderat wieder gewählt werden – hält vom Geschwätz um den Neuanfang ohnehin nicht viel: «Mit Christine Kaufmann würde doch der geforderte Wandel am ehesten eintreten», sagt Pfeifer.

Kaufmann wäre die erste Gemeindepräsidentin Riehens, mit 45 ist sie die jünger als ihre drei männlichen Mitbewerber, die alle über 50 sind. Kaufmann ist, das attestieren selbst ihre politischen Gegner, eine Politikerin moderner Prägung.

Grünen-Chefin wirbt für Kaufmann

Die Grünen haben für die Präsidiumswahl Stimmfreigabe beschlossen. Diese Meldung liess Ende vergangener Woche aufhorchen: Eigentlich hätte man erwartet, dass diese sich hinter SP-Mann Guido Vogel (50) stellen. Vogel sei ein sehr kompetenter und guter Kandidat, findet Marianne Hazenkamp. Gleichwohl sitzt die Grünen-Präsidentin im Komitee für Christine Kaufmann: «Sie ist eine Brückenbauerin», lobt Hazenkamp.

Kaufmann zeigt ein Faible für ökologische Themen; vor allem der Weg hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt sie. Jüngst forderte die Fraktionschefin der EVP im Gemeindeparlament eine Vorlage zur Erstellung von Solaranlagen auf gemeindeeigenen Liegenschaften. Damit punktete sie nicht nur bei den Grünen, sondern bei einer Mehrheit des Einwohnerrates.

Bei anderen Themen präsentiert sich Kaufmann wirtschaftsnah: Gemeinsam mit den Bürgerlichen machte sie sich für den Verkauf des Kabelnetzes der Gemeinde stark; dieser scheiterte allerdings in einer Referendumsabstimmung. Im Einwohnerrat fiel sie zudem immer wieder mit Vorstössen zur Förderung des Gewerbes auf. «Im Gegensatz zu anderen Gemeinden geht’s in Riehen nicht ohne staatliche Eingriffe. Der Boden ist zu teuer für das Gewerbe», erklärt sie.

Hoffnungen setzt Kaufmann in den Zonenplan der Gemeinde, der Arbeitszonen ausscheidet wie das Gewerbegebiet auf dem Züblin-Areal am Rüchligweg oder ein Gewerbegebiet am Hörnli, das derzeit noch für Familiengärten genutzt wird. Daneben schlägt sie vor, das unternutzte Areal der Friedhofsgärtnerei in die Arbeitszone zu integrieren. «Wenn, wie auch vorgeschlagen, der Werkhof der Gemeinde dorthin zügeln könnte, würde der heutige Werkhof selber für eine gewerbliche Nutzung frei.»

«Glauben ist private Angelegenheit»

Und wie hälts die EVP-Politikerin mit der Religion? «Für mich ist der Glauben eine private Angelegenheit.» Sie sei aber aus Überzeugung Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche – auch wenn sie heute nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe. Bei Kaufmann kommen christliche Grundwerte in Form von sozialliberalen Überzeugungen zum Tragen. Familienpolitik spielt für sie eine wichtige Rolle, sie hat selber ein modernes Familien-Modell gewählt.

Christine Kaufmann wird von Kollegen im Einwohnerrat als präzise, analytisch stark und dossierfest beschrieben. «Sie arbeitet sehr sachbezogen und macht keinen grossen Wirbel um ihre Person», sagt Parteikollegin Pfeifer. Letzteres könnte denn auch als Schwäche ausgelegt werden: Kaufmann gilt als etwas trocken und – im Gegensatz zu ihrem Vater – nicht sehr charismatisch.

Dennoch werden ihr grosse Chancen attestiert: «Die Konstellation mit vier Kandidierenden ist sehr spannend. Christine wird es aber in den zweiten Wahlgang schaffen», sagt Marianne Hazenkamp. Und selbst wenn sie dieses Ziel nicht erreichen würde: Der bescheidenen und besonnenen Christine Kaufmann würde dies kaum den Schlaf rauben.