Ganz neu könnte und will Calixto Bieito Georges Bizets Oper «Carmen» nicht mehr inszenieren. Das wird sofort spürbar im Gespräch, das die bz mit dem katalanischen Regisseur führt, der bekannt ist für seine radikale und unsere Abgründe aufdeckende Bildsprache, die in der Malerei Spaniens fusst. Für ihn gibt es auch zwölf Jahre nach der Premiere seiner Arbeit am Peralada-Festival in Katalonien keine andere Möglichkeit, diese spanische Geschichte zu erzählen - mit einer bis heute wirkenden Obsession nahm er sich damals «Carmen» an.

Er blies allen folkloristischen und romantisierenden Staub, der sich in der langen Aufführungsgeschichte angesammelt hat, aus dem Werk und führte es zurück auf seine Essenz. «Die Tragödie der Liebe von Carmen und Don José, die in der Ermordung der Carmen endet, das ist die Geschichte», erklärt Bieito. Jeder Zusatz an Regieeinfällen wäre hier fehl am Platz, ist er überzeugt. Die nach Bizets frühem Tod von Ernest Guiraud dazu komponierten Rezitative verfälschen für ihn das Werk.

Bieito kippte sie raus, verzichtet aber auch weitgehend auf die Dialoge der Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy aus der Urfassung. «Die Dialoge stimmten für die Opéra comique» - heute würden sie lächerlich wirken. Bieito fokussiert die «Carmen» auf die «wunderbare Musik» und gibt der Oper eine Stringenz, wie sie für ihn noch Alban Bergs «Wozzeck» und «Lulu» haben.

Carmen mit klaren Konturen

Obwohl das Inszenierungskonzept Bieitos von 1999 stammt, erachtet er es nicht als alt. Wenn er sein Jugendwerk, wie er selbst seine «Carmen» gern bezeichnet, mit neuen Sängerinnen und Sängern erarbeite, verändere es sich. «Grandiose Sängerinnen wie Tanja Ariane Baumgartner als Carmen oder Alexia Voulgaridou als Micaela bringen Neues in die Inszenierung.» Er schwärmt von seiner Carmen-Darstellerin, die der Figur klare Konturen gebe, sie mit ihrer Persönlichkeit und ihren Emotionen fülle.

Erstmals seit den vielen Wiederaufnahmen seiner «Carmen» ist Bieito schon zu Beginn der Proben mit dabei gewesen. Die Basler Aufführung wird nun viel mehr als die Auffrischung einer bestehenden Arbeit. Sie erhält Authentizität.

Leben, Liebe und Tod

«Carmen» spielt in der Schicht der Armen, in der Welt der Schmuggler. Die Oper erzähle die Geschichte einer Frau, die frei leben will, so wie es gerade kommt, die sich nicht an einen Mann binden, ihre Sexualität frei leben will - dies mit der Konsequenz des eigenen Todes. «Das ist so simpel und zugleich so komplex, das macht die Oper zu einem grossen Meisterwerk», erläutert Bieito. «Wir versuchen doch auch im Alltag - wie Don José es tut - einen solchen Charakter zu zerstören.»

Bieito erwähnt, dass in Spanien viele Frauen unter der Gewalt ihrer Männer litten, so manche von ihrem Mann gar umgebracht werde - und er nennt die Nummer des Nottelefons für Frauen in Spanien, die rege benutzt werde. Für Bieito ist «Carmen» eine traurige, aber fast alltägliche Geschichte. Er habe vor allem Mitleid mit Carmen, aber auch etwas mit Don José, der verdammt sei, von Anfang an gewalttätig und krank, der ins Militär fliehen musste, weil er früher einen Mann erstach. «Es ist wie in der Corrida, man leidet mit dem Stier mit und mit dem Torero.»
Bieito vergleicht «Carmen» mit der Corrida, dem Stierkampf, diesem kultischen archaischen Konzentrat des Lebens auf Liebe und Tod: «Der Torero liebt den Stier, den er später umbringt.» Den

Escamillo, Don Josés Nebenbuhler, deutete Bieito als das Symbol der Gefahr von Leben und Tod, das Carmen anzieht. «Die Figur versteht nur, wer die Corrida kennt.»