Kunst
Die «Central Station» ist eine kleine Utopie mitten in Basel

Klaus Littmann erobert dank Mäzenen ein Kommerz-Gebäude für ein Stückchen heile Kunst-Welt zurück. Auch wenn das Projekt vor einer ersten Fertigstellung steht, soll es sich konstant weiterentwickeln.

Samuel Hufschmid
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Die drei Inititanten von links: Klaus Littmann, Enrique Fontanilles und Franz Burkhardt
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Eine Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch: Im Soussol des ehemaligen Migros Kirschgarten ist eine Stadt in der Stadt entstanden.
Klaus Littmann führte die Medien durch die Central Station.
Liebe zum Detail.
Central Station in Basel

Die drei Inititanten von links: Klaus Littmann, Enrique Fontanilles und Franz Burkhardt

Kenneth Nars

Im 2000-Quadratmeter-Untergeschoss der ehemaligen Kirschgarten-Migros ist eine Stadt in der Stadt entstanden, mit rund 20 kleinen, liebevoll gestalteten Häuschen. Am Freitag werden die ersten Geschäfte sowie die Bar eröffnet, weitere Angebote folgen in den nächsten Wochen. Obwohl die einzelnen Mini-Gebäude bereits fix zugeteilt sind – «hier kommt ein Grafik-Studio, hier ein Brockenhaus, da eine Galerie, ein Sprachlabor, ein Video- und ein Massagestudio» – sind Littmanns Ideen noch schwer greifbar. Sicher ist: Alle Anbieter haben ein «Kulturelles Extra» dabei, die Tattoos sind nicht «billig und hässlich», sondern verfügen über eine «besondere Ästhetik». Der Lebensmittelhändler handelt fair, regional und biologisch. Und im Brocki werden die angebotenen Gegenstände als «Kunstinstallation» inszeniert.

«Es ist auf jeden Fall ein grosses Wagnis, aber eines, das sich lohnt. Die Kunst und die schönen Dinge des Lebens, die wegen steigender Mieten immer weiter in die Peripherie gedrängt werden, diese Gegenden attraktiv machen und deshalb erneut verdrängt werden, haben sich das Stadtzentrum zurückerobert», sagt Initiant Klaus Littmann. Ermöglicht wird das auf drei Jahre ausgelegte Experiment durch Roger und Irene Diener, denen die Liegenschaft an der Sternengasse gehört und die sie Littmann kostenlos zur Verfügung stellen.

Bubentraum geht in Erfüllung

Für die involvierten Künstler, allen voran der in Belgien lebende Zeichner und Bildhauer Franz Burkhardt, ist die Realisierung dieser begeh- und belebbaren Installation ein Bubentraum. Entsprechend liebevoll und detailverliebt hat Burkhardt die einzelnen Bauten gestaltet. «Nichts ist echt und dennoch, hoffe ich, sind wir weit vom Kommerz-Kitsch von Restaurant-Ketten oder Themenparks entfernt», sagt der 50-Jährige. Tatsächlich verrät erst der Tastsinn, dass es sich bei den alten Mauern oder beim knorzigen Riemenboden um in Handarbeit hergestellte Imitate handelt. Auch der antike Zigarettenautomat ist nicht antik, sondern vom Künstler aus Holz hergestellt, genauso wie die verwitterten Plakate am nachgebauten Stromkasten.

Doch die Installation, an der das Team seit Mai arbeitet und die «kurz vor einer ersten Fertigstellung steht», wobei es nie ganz fertig sein werde, sondern sich ständig weiterentwickele, sei nur die Verpackung. «Den Inhalt wird das echte Leben bringen», sagt Littmann. Dabei sieht sich der Künstler selbst ebenfalls in der Pflicht: «Wir müssen dafür sorgen, dass die Strasse lebendig wird. Strassenmusiker gehören dazu, Demos, Verkäufer, ein ‹Speakers Corner›.» Doch mindestens so wichtig sei das gastronomische Angebot. Eine Küche und ein Sandwich-Stand stehen bereits, ebenso «Larry’s Bar» («mit Fumoir», betont Littmann). Die in Anlehnung an die legendäre «Harry’s Bar» in Venedig benannte Schenke wird am Donnerstag und Freitag jeweils «bis nach Mitternacht» offen sein. Auch mit dem weiteren Gastro-Konzept will Littmann ein Zeichen setzen: «Plastikgeschirr und immer die gleichen, unappetitlichen Sandwiches mit wässrigen Tomaten – mir persönlich geht das auf den Geist. Hier wird es weisse Tischtücher geben, der Liter Mineralwasser wird aber trotzdem keine zwölf Franken kosten, wie es andernorts mittlerweile ist.»

Damit diese «Rückeroberung eines kommerziellen Un-Orts» möglich ist, wird den Betreibern in den ersten Monaten die Miete komplett erlassen. Danach würden gemeinsam Konditionen ausgehandelt, damit die kleinen Kunst- und Handwerkerbuden bestehen können. Littmann: «Sicher ist: Wenn eines der Angebote nicht funktioniert, dann wird es ersetzt. Aber es sollen nicht rein wirtschaftliche Zwänge sein, die über Sein oder Nichtsein entscheiden. Und ein H&M oder ein Swisscom-Shop wird sicher nie in einen dieser Läden kommen.»

Die temporäre Kunst- und Alltagskulturintervention «Central Station» befindet sich im Untergeschoss der ehemaligen Migros Kirschgarten an der Sternengasse 19. Die Öffnungszeiten sind von Montag bis Mittwoch sowie am Samstag von 9 bis 20 Uhr, Donnerstags und Freitags bis 1 Uhr morgens. www.centralstation.me

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