Wenn Sie dachten, Nicola Mastroberardino habe Sie schon so tief berührt, wie ein Schauspieler einen Zuschauer überhaupt berühren kann, dann haben Sie ihn noch nicht als Pferd gesehen. Ausgerechnet ein gelbes Pferd unter drei hellblauen Pferden lehrt uns einiges über die grosse Sehnsucht des Menschen: Dazuzugehören.

«Einer für alle. Alle für einen» eben. Was in Bezug auf Alexandre Dumas Kultbuch seit 1844 viele verwirrt, ist die Frage, warum von den vier Helden Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan nur drei im Titel erwähnt sind. Ausgehend von dieser Frage liessen sich Federico Bellini und Antonio Latella gemeinsam mit Carmen Bach zu einer Komödie inspirieren, die sich philosophisch mit Dumas Stoff beschäftigt.

Dass die Bühne zu Beginn ganz leer ist, ist ein Statement: Diese vier Schauspieler Michael Wächter (Athos), Elias Eilinghoff (Porthos), Vincent Glander (Aramis) und Mastroberardino (D’Artagnan) brauchen nichts ausser ihr Talent, sagt es. Und behält in hohem Masse Recht.
Wer Ritter mit Degen erwartet, wird zuerst von den Männern im Harlekin-Gewand (Kostüme: Simona D’Amico) überrascht sein, gegen Ende aber doch noch auf seine Kosten kommen. Denn fechten können sie auch noch (Kampftraining: Francesco Manetti). Was, fragt man sich, können die denn nicht?

Mit Galopp in die Zuschauer

Ein starker Boygroup-Auftritt eröffnet den Abend. Jeder der Schauspieler verkörpert einen Helden, dessen Diener, aber auch: Sein Pferd. Mit weit aufgerissenem Mund, Steppschuhen und Gesangseinlagen galoppieren die Schauspieler darauf auf der Bühne, tanzen Pferdeballett und traben in die Zuschauerreihe, dass es ein Vergnügen ist. Die vierte Wand wird nicht nur gebrochen, sondern auch thematisiert. Wenn im Theater über Theater gesprochen wird, kann das ätzend selbstreferenziell sein. Nicht so hier. Die Meta-Ebene wirkt klug und leichtfüssig.

In ihrer Übersetzung schafft Kathrin Hammerl lustige Bezüge, etwa im Kalauer Mastroberardino sei aus Heu-Zeck (Woyzeck) und Ampferdion (Amphitryon) bekannt. Das Ensemble sprüht vor Sprachwitz und Grimassen. Ganz gross: Wächter als Grimaud. Diese Bühne hat wohl noch nie ein so hinreissend lustiges Gesicht gesehen.

Wenn der Abend eine Schwäche hat, dann die, dass die spannende Figur Lady Winter auf die Tatsache reduziert wird, gleich mit zwei der Freunde geschlafen zu haben. Eine für alle halt. Darauf folgt in einem (grossartigen!) Medley italienischer Popsongs ein Lobgesang auf die Frau als solche. Sie sei die Quelle jeder Inspiration. Hure oder Heilige halt. Die Szenen sind aber ironisch genug, dass man diesen Blick auch als kritischen Kommentar verstehen kann. Mit einem Pferdeballett endet das Spektakel. Der Applaus ist – zurecht – frenetisch.

Es ist ein Theaterabend, an dem man glücklich nach Hause galoppiert, um für die nächste Aufführung desselben Stückes eine Karte zu reservieren. Oder besser gleich drei. Das heisst: vier.