Sie beginnen den Schauspielauftakt sehr klassisch mit Strindberg und Schiller. Warum haben Sie sich als junge Regisseure für diese alten Stoffe entschieden?

Simon Solberg: Ich habe ein Faible für Klassiker. Ich finde, dass die archaischen Probleme, die da festgehalten sind, uns bis heute umtreiben – deswegen wurden sie auch zu Klassikern. Die grosse Herausforderung ist, deren Kern herauszuschälen und mit heutigen Bezügen aufzuladen. Sozusagen zu schauen, wo die Sehnsucht liegt, das Schmerzzentrum, und weshalb das heute noch relevant ist. Wir haben uns in vielen Punkten nicht verändert, warum? Das finde ich das Erschreckende und Spannende an klassischen Stoffen.
Tomas Schweigen: Ich und meine Gruppe – Far A Day Cage, die nun Teil des Ensembles ist – hatten Lust, wieder mit einem klassischen Text umzugehen. «Traumspiel» von Strindberg ist ein tolles Stück, das sich erstmal allgemein mit unserem Leben, unseren Realitäten beschäftigt. Gleichzeitig ist es ganz stark ein Stück über das Theater und seine Form. Das fanden wir gerade als Eröffnungsstück genau das Richtige.

Generell hat es eher wenig moderne Stücke im Programm.

Martin Wigger: Ist das so? Wir bringen auch moderne Stücke: Unser Hausautor Gabriel Vetter beschäftigt sich mit der Schweiz nach der Bankenkrise, ein Stück über Expats ist geplant, Tomas Schweigen macht «Like A Rolling Stone». Natürlich haben wir auch Goethe, Frisch, die Bibel – aber diese Texte werden aufgebrochen durch das Denken junger Regisseure.

Was sind denn für Sie die thematischen und formalen Schwerpunkte der Saison? Worum geht es Ihnen?

Alle: «Vollkontakt!»
Wigger: Wir haben überlegt: Was fehlt den Baslern? Wie kann man das Schauspielhaus anders rocken? «Vollkontakt!» bedeutet auch Energie und Leidenschaft, dafür stehen all die neuen Regisseure. Wir brauchen einen anderen Charme-Faktor.
Schweigen:
Das Programm ist so breit gefächert, da gibts für jeden Andockpunkte. Es braucht Leidenschaft fürs Theater, aber auch für die Themen. Das geht nur, wenn diese brennen.

Was sind es denn für Themen, die in Ihnen brennen?

Schweigen: Im «Traumspiel» wird eine Welt beschrieben mit lauter Menschen, die jammern und leiden. Wie überall in Mitteleuropa: Jammern auf hohem Niveau. Aber eigentlich müsste man mal aufwachen. Sind wir abgekoppelt von der Realität? In welchem Traum sind wir? Das finde ich ein Riesenthema.Solberg: In «Don Carlos» wird die Thematik der Bilderstürmer aufgegriffen, daran knüpft auch der arabische Frühling an. Es geht um den Kampf um Mündigkeit. Was zwingt einen alles zum Funktionieren? Und was geht verloren, bei dem ganzen Funktionieren? Wie kann man sich daran aufreiben, wie gross ist die Gefahr, dabei draufzugehen?
Wigger: Bei Max Frisch, unserer dritten Schauspielproduktion, hat man die Möglichkeit, mit den Mitteln des Theaters sein Leben noch einmal durchzuspielen. Was wäre, wenn man sich an den entscheidenden Stellen des Lebens anders entscheiden könnte? Macht man dann alles anders? Beim «Werther» überprüfen wir moderne Liebeskonstellationen. Hochaktuelle Fragen, die uns alle bewegen.

Welches Publikum wollen Sie neu auch ansprechen?

Schweigen: Die, die sich noch nicht angesprochen fühlen. Und mehr aus unserer Generation. Es gibt auch eine generelle Verjüngung des Ensembles.
Wigger: Auf jeden Fall sollen sich alle angesprochen fühlen, es ist keine Altersfrage.
Schweigen: Wir wollen das Theater wieder in die Köpfe kriegen als ein Medium, von dem man sich gerne eine Geschichte erzählen lässt. Wir wollen ins Bewusstsein bringen: Ah, da findet etwas statt, das sich mit unserem Leben auseinandersetzt, Sachen hinterfragt, und auch Spass macht, spannend ist, live.
Wigger: Es wäre schön, wenn man wieder über uns und unsere Inszenierungen sprechen würde. Wir müssen die Stadt wieder auf uns aufmerksam machen.

Sie wollen dem gezielt nachhelfen. Sie haben angekündigt, regelmässig mit dem Lastwagen aufs Land zu fahren und spontan etwas aufzuführen. Werden Sie das neben dem Normalbetrieb schaffen?

Solberg: Absolut. Spätestens im Frühjahr, bei gutem Wetter, bis dann gibts auch genug, das wir zeigen können. Dann sagen wir zum Beispiel: In einer Woche sind wir in Dornach beim Kreisel.
Wigger: Es gibt auch ein Wohnungsprojekt, man kann die Schauspieler für Veranstaltungen mieten.
Schweigen: Es geht darum, die Schwelle niedriger zu machen. Wir sitzen nicht nur hier und warten, bis Leute zu uns kommen. Beim Stück «Urwald» am Theaterfestival waren wir auch draussen. Schon beim Aufbau des Containers kamen so viele Leute, die sich total dafür interessierten und wir kamen ins Gespräch.

Das Theater muss sparen, viele Politiker und Kulturmanager verlangen Subventionskürzungen. Mit welchen Argumenten wehren Sie sich? Wozu braucht es das Theater?

Solberg: Ich glaube, man merkt es an den Staaten in Europa, wo Theater nicht mehr möglich ist, zum Beispiel in Ungarn, was das für ein Riesenkulturgut ist. Ein Ort, an dem sich zum Teil wahnsinnige Leute den politischen und gesellschaftlichen Problemen immer wieder stellen, in einem lustvollen, geschützten Rahmen. Da werden Fragen aufgeworfen, die im schnellen, konformen Mainstream untergehen. Zur Persönlichkeitsentwicklung und zum Hinterfragen von Sachen ist darstellende Kunst wie Theater enorm wichtig. Ich glaube, wir würden es total bereuen, wenn wir es sukzessive so privatisieren würden, dass es dann nur noch Musicals und anderes gibt, das so funktioniert.
Wigger: Was wäre, wenn das Theater nicht mehr wäre? Wenn man sieht, was alles läuft, der erschreckende Fremdenhass, die Konformität fordernde Industrie – wo gibt es dann ein Gegengewicht? Wo gibt es die Menschen, die sich damit auseinandersetzen, die eine intellektuelle und künstlerische Kraft haben? Leute, die sich mit wesentlichen Themen des Menschseins beschäftigen? Und wo gibt es sonst Versammlungsorte dieser Grössenordnung in einer Stadt wie Basel? Wo man vor, während und nach den Vorstellungen Menschen anregt, nachzudenken.
Schweigen: Wirtschaftlich ist es ein Unfug, Theater zu machen, so gesehen müsste man es zusperren. Ich glaube, es muss generell ein Umdenken geben, weil wir total in eine Sackgasse laufen, wenn wir nur noch erlauben, was ganz viel Gewinn abwirft. Das Theater ist ein Paradebeispiel dafür, was man diesem Denken entgegensetzen kann.

Sie sind allesamt Männer. Wäre es nicht gut, in einem Leitungstrio eine Frau dabei zu haben?

Wigger: Das war gar nie Thema. Dafür haben wir zwei Dramaturginnen.
Solberg: Wäre einer von uns eine Frau gewesen, wäre es genauso selbstverständlich gewesen, dass sie Teil des Teams wird.

Ist diese sogenannte Interims-Lösung wirklich nur für diese Saison, oder dürfen Sie länger machen, wenn Sie sich bewähren?

Wigger: Wir haben mittlerweile einen Vertrag für zwei Saisons unterschrieben mit der Möglichkeit, um eine weitere zu verlängern. Diesen Entscheid wird Georges Delnon bereits diesen Oktober fällen.

Das dritte Jahr ist noch offen. Trauen Sie sich unter diesem Druck etwas Sperriges, vielleicht gar Unpopuläres auf die Bühne zu bringen?

Wigger: Wir wollen nicht populär sein in dem Sinn, dass wir Stoffe nur auswählen, um ein Publikum zu ködern; aber wir wollen natürlich eines haben.
Solberg: Es geht uns vor allem um den Inhalt, aus dem Drang heraus, uns für das Theater und für diese Stadt einsetzen zu wollen. Es geht um die gesellschaftlich-kulturelle und politische Relevanz von Theater. Es geht immer darum: Können wir uns an einer Geschichte andocken. Wenn wir dafür Energie aufbringen, dann wird sich der Funke übertragen.