Bildung

Die Einführungsklasse drängt zurück in die Stadt

Die zweijährige Einführungsklasse ermöglicht den Kindern einen Schuleinstieg mit weniger zeitlichem Druck. (Symbolbild))

Die zweijährige Einführungsklasse ermöglicht den Kindern einen Schuleinstieg mit weniger zeitlichem Druck. (Symbolbild))

Basler Lehrer fordern die Wiedereinführung der EK – offenbar per Initiative in Riehen.

Wenn es um Einführungsklassen (EK) geht, dann werden die Worte rasch kriegerisch. An «mehreren Fronten» werde für deren Wiedereinführung gekämpft, ist zu lesen, von «Behördenmissbrauch», von einer Motion, die «rechtlich nicht zulässig» sei. Und nun scheint das Vokabular um einen weiteren militärstrategischen Begriff erweitert werden zu müssen – in Riehen nämlich bahnt sich ein Stellvertreterkrieg an, mit dem Zweck, auf halbautonomem Gebiet Tatsachen zu schaffen.

Er hat nur ein Ziel: beim Kanton einen Nachvollzug zu erzwingen. Dass die Einführungsklassen abgeschafft wurden, ist in der Stadt schon länger ein Politikum. Ganz anders in Baselland: Dort gibt es nach wie vor insgesamt 39 EK.

Die bz weiss, dass in Riehen derzeit Unterschriften für die Wiedereinführung der EK gesammelt werden. Und das, obwohl der Gemeinderat aktuell damit beschäftigt ist, im Auftrag des Einwohnerrats ein Konzept für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen auszuarbeiten.

Die zuständige Riehener Gemeinderätin Silvia Schweizer stellt jedoch klar: «Es geht dabei nicht um eine Einführungsklasse im herkömmlichen Sinn, das ist für die Gemeinde zum aktuellen Zeitpunkt gar nicht möglich, da wir uns ans geltende kantonale Schulgesetz halten müssen.» Ein Rechtsgutachten, das der Gemeinderat erstellen liess, habe dies eindeutig bestätigt. «Deshalb hat der Einwohnerrat im Leistungsauftrag den Begriff weiter gefasst.» Mittels Lehrerbefragungen seien daraufhin Alternativen geprüft worden. «Diese Arbeit ist abgeschlossen und erste Resultate wurden der zuständigen Kommission vorgelegt. An die Öffentlichkeit treten wir erst, wenn Beschlüsse gefasst worden sind», sagt Schweizer.

Riehen wartet auf Basler Motion

Bereits Einsicht in die Riehener Pläne hatte EVP-Einwohnerrat Alfred Merz. Er hält sich ans Kommissionsgeheimnis, sagt aber, dass die EK ein «altbewährtes Mittel sei, das man nicht einfach so preisgeben sollte». Dieser Meinung ist auch sein Fraktionskollege Thomas Widmer-Huber, der in einem Vorstoss den Riehener Gemeinderat fragte, ob Einführungsklassen im Kanton Basel-Stadt wirklich kein Thema seien. «Die Kinder werden beim Einschulen immer jünger, entsprechend steigt der Anteil Kinder, die noch nicht schulreif sind.»

Widmer glaubt nicht, dass der Gemeinderat den bestehenden rechtlichen Spielraum voll ausnützen wird, um, wie in anderen Kantonen auch, auf Gemeindeebene wieder eine EK einzuführen: «Der Gemeinderat will zurzeit keine Einführungs- oder Erfahrungsklasse.» Er werde sich vermutlich erst dann in diese Richtung bewegen, wenn die Kantonsregierung eine hängige Motion, welche die Wiedereinführung der Einführungsklasse fordert, positiv aufnimmt. Widmer-Huber spricht lieber von «Erfahrungsklasse», welche ebenfalls zwei Jahre Zeit für die erste Klasse liesse. Es gehe darum, Erfahrungen zu machen und lasse «Raum für nötige Anpassungen».

Eingereicht hat besagte Motion SP-Grossrätin Kerstin Wenk. Grosse Hoffnungen auf eine tatsächliche Wiedereinführung macht sie sich trotz deren verbindlichen Charakters nicht. «Ich habe es verpasst, eine verbindliche Frist in die Motion aufzunehmen – so wird man sich bereits an den Schulbetrieb ohne EK gewöhnt haben und sehen, dass es ja trotzdem irgendwie geht.» Sie habe schon länger die Vermutung, dass die Schülerzahlen der EK künstlich zurückgefahren worden sind, seit bekannt wurde, dass Basel-Stadt dem Harmos-Konkordat mit integrativen Schulen beitreten wird.

EK für Ausländer missbraucht?

Diesen Verdacht stützen auch die Zahlen der bz: So haben 2005 noch 162 Schülerinnen und Schüler die EK besucht, ab 2010, als der Harmos-Beitritt zum Thema wurde, sanken die Zahlen drastisch unter die Hundertergrenze. Gleichzeitig wird auch die Vermutung zumindest erhärtet, dass die Klassen zweckentfremdet wurden, indem vermehrt Kinder zugeteilt wurden, deren Muttersprache nicht deutsch ist. So sprachen dort ab Schuljahr 2012/13 nur noch 13 Prozent Deutsch als erste Sprache. Zuvor lag der Schnitt jahrelang bei rund 30 Prozent, dies bei einem konstanten Anteil von rund 50 Prozent in der Primarschule.

Der Basler Bildungsdirektor, Conradin Cramer, bestreitet die Zweckentfremdung zur Deutschförderung. Der sinkende Anteil Schweizer Kinder habe mit der geringeren Akzeptanz der Eltern für einen längeren Schulweg zugunsten einer Einführungsklasse zu tun. Er gibt aber zu, dass «zunehmend Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Auffälligkeiten im Sozialverhalten unterrichtet wurden». Pläne für eine allfällige Wiedereinführung hingegen kommentiert er wegen der hängigen Motion nicht, sagt aber, dass dies sehr kostenintensiv wäre und «eine massive Einschränkung in anderen Unterstützungsbereichen zur Folge hätte».

Taktisches Vorgehen

Dass nun in Riehen mittels Unterschriftensammlung Druck gemacht wird, könnte auch ein taktisches Vorgehen der EK-Befürworter auf Kantonsebene sein. Dafür spricht, dass mehrere bildungspolitische Änderungen zunächst auf kommunaler Ebene in Riehen umgesetzt wurden, zuletzt die Weiterbildung von Kindergärtnern sowie der Betrieb von Tagesstrukturen während der Schulferien. «Es kann schon sein, dass das eine Strategie ist und vielleicht gar keine schlechte», sagt Wenk.

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