Warte, luege, loose, lauffe» hat sie vermutlich schon tausend Mal gesagt. Dabei zeigte sie allen Kindern, wie man die Strasse richtig überquert. Noch heute wird sie von den meisten erkannt. Brigitta Fumagalli-Benz war die erste Frau bei der Sicherheitspolizei Basel-Stadt. Sie nennt sich eine «Macherfrau» und rechtfertigt dies mit ihrer Karriere: Von 300 Bewerberinnen und 100 Prüfungsschreiberinnen wurden nur 5 Frauen zugelassen. Sie war eine davon, eine unter den ersten 5 Frauen bei der Basler Polizei um 1980.

Hartnäckig wie sie ist, will sie ihr Alter nicht bekannt geben. «Über 60» bleibt ihre einzige Antwort.

Nichts konnte sie aufhalten

Zu Beginn kümmerte sie sich um Parksünder, war ein «Schuggermüsli», wie sie selber sagt, rasch wurde sie aber als Polizistin bei der Sicherheitspolizei zugelassen und arbeitete nach einer Weiterbildung als Verkehrsinstruktorin. Danach sammelte sie auf dem Sozialdienstamt Erfahrungen, bis sie nach einem Jahr wieder zur Polizei zurückkehrte. Schliesslich übernahm sie 2013 die Stelle als Ressortleiterin des Polizeipostens Spiegelhof.

Dort sitzt sie, als sie über ihre Vergangenheit erzählt, verdeutlicht dabei jede Einzelheit mit lebendiger Gestik und blickt ihrem Gesprächspartner direkt in die Augen. Sie beginnt ganz am Anfang: Fumagalli-Benz wollte die Polizeiausbildung bestreiten. Da hiess es beim Vorstellungsgespräch: «Das gibt es gar nicht!» So zitiert sie den damaligen Stadtschreiber. Für Frauen existierte eine solche Stelle nicht.

Aufgrund eines Glückfalls konnte sich Fumagalli-Benz dann aber doch bewerben: Ein neuer Kommandant kam, mit modernen Ansichten. Er sprach sich für eine Frauenpolizei aus. Sie bestand die Aufnahmeprüfung und hatte dann gleich ihren ersten Einsatz mit ihrem zukünftigen Mann: Silvio Fumagalli. Auch er arbeitete bei der Kantonspolizei. Danach ging’s schnell: Im Mai 1982 heirateten sie in der St. Jakobskirche.

Während des ersten Dienstjahres musste sie sich viele Sprüche anhören, die sie als Frau diskriminierten. Keine einfache Zeit. Aber sie hielt durch. Am Anfang bestand ihr Alltag aus dem Ordnungsdienst, doch ihr bekanntestes Bild wird sie als Verkehrsinstruktorin abgeben. 15 Jahre lang half sie auf den Strassen aus, sorgte für Sicherheit und lernte der Jugend aufmerksames Verhalten im Verkehr.

Ihr Mann arbeitete ebenfalls bei der Verkehrsinstruktion, was berufliches Zusammensein auf engstem Raum bedeutete. «Das war überhaupt kein Problem», kommentiert sie. «Dadurch konnten wir verstehen, wenn der andere mal nicht zum Abendessen erscheinen konnte.»

Weshalb gerade Polizistin?

Bevor sie sich in Basel dem Polizistenberuf widmete, verbrachte sie zwei Jahre in Madrid und betreute behinderte Kinder. Zurück in der Schweiz, ging sie entschieden in eine andere Richtung. Auslöser war ein tragisches Ereignis: Im damals von der ETA terrorisierten Spanien wurde vor ihren Augen eine Familie von Polizisten erschossen. Sie hielten die Familie für ETA-Angehörige. Da wurde ihr mit einem Schlag bewusst: «In der Schweiz würde so etwas nie passieren. Die Schweiz ist ein sicheres Land.» Weil sie sich als «Macher» sieht, wollte sie zu Hause für diese Sicherheit sorgen, sie bewahren.

Die soziale Ader in ihr pulsiert noch heute. Sie bezeichnet sich selber als «sozial adätscht» und hat gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Söhnen vor 20 Jahren eine Fussballmannschaft für Behinderte ins Leben gerufen. Diese trainiert sie regelmässig und begleitet das Team an Turniere.

Als Polizistin kam sie auf einer anderen Ebene mit Fussball in Kontakt: Während Jahren leistete sie Einsätze beim St. Jakob-Park – auch die «Schande von Basel» am 13. Mai 2006 hat sie miterlebt. Die Krawallbrüder der Muttenzerkurve nennt sie die «Dotteli vom Joggeli» und anerkennt sie nicht als wahre Fans, weil es ihnen nicht um den Fussball, sondern um Eskalation ginge.

Haarscharf davongekommen

Ganz plötzlich erinnert sie sich an eine gefährliche Verfolgungsjagd: Bei einem Auswärtsspiel musste sie die Rückkehr der «Dottelis» überwachen und filmte die Ankunft zur Beweissammlung. Nach kurzer Zeit wurde sie von den Hooligans entdeckt. Dann musste sie rennen. Eine Wand von Krawallbrüdern kam auf sie zu. «Wenn nicht ein Kollege mit dem Auto gekommen wäre, hätten sie mich bald eingeholt», erinnert sie sich. Was dann geschehen wäre, will sie sich gar nicht vorstellen.

Die Familie freut sich über einen extrem guten Zusammenhalt. Sie bezeichnet sie als «Sippe». Jeden Donnerstag verbringt sie oder ihr Mann Zeit mit den Zwillingen ihres ersten Sohnes Marco. Ihr zweiter Sohn heisst Tobias. Der dritte, Fabian, ist verstorben. Hier weicht die Polizistenmaske aus ihrem Antlitz – die gutherzige Grossmutter zeigt sich. Sie erinnert sich mit einem Lächeln an die Zeit, als ihre Kinder noch jünger waren: «Ich war diejenige, die hart durchgegriffen hat. Mein Mann war da eher weich.»

Solch ein voll gepackter Alltag will gut strukturiert sein. Fumagalli-Benz spricht von einem System namens «5 F». Sie zählt auf: «Familie, Freunde, Fussball, Fasnacht, Fabian». Das alles hat sie über Jahrzehnte hinweg unter einen Hut gebracht. Dafür macht sie ihr Lebensmotto verantwortlich: «Der Tag hat 25 Stunden und die Woche 8 Tage. Und wenn das nicht reicht, bleibt mir noch die Nacht.»

Für Fumagalli-Benz war der «Schugger» ein Traumberuf. Die präventive Wirkung und die persönliche Unterstützung, die sie draussen den Menschen direkt leisten konnte, stimmten sie damals zufrieden. Wieder dringt die soziale Ader durch. Heute sagt sie aber: «Den Beruf würde ich wahrscheinlich nicht mehr wählen.» Er sei zu repressiv geworden, dafür macht sie die zahlreichen Krawalle und Schlägereien verantwortlich. «Bei manchen Menschen», hat sie fest gestellt, «fehlt der Respekt vor dem Nächsten.»

Eine Frau mit vielen Facetten

Bei all den Ausführungen, Gesten und der Mimik bewegen sich ihre roten Haarsträhnen. Dann erzählt sie, was es mit diesen auf sich hat: Das rote Haar symbolisiert ihren verstorbenen Sohn Fabian. Auch das Knochenmark eines Spenders konnte seine Leukämie nicht heilen. Die rote Strähne steht für den Schmetterling, der zum Himmel steigt. Die Metapher zieht sich aber über den ganzen Körper: Am Fussgelenk hat sie sich eine Raupe tätowiert, ein Schmetterling ziert die rechte Brust, der dann über ihr Haar zum Himmel fährt. Der Schmerz sass tief.
Brigitta Fumagalli-Benz ist Polizistin, aber auch Fussballtrainerin, Grossmutter, Ehefrau und vor allem ein Mensch mit Werten. Zwischen diesen Rollen muss sie immer wieder wechseln – etwa, wenn sie mit ihrem Team ein Turnier bestreitet oder wenn sie wie bei den Public Viewings der EM 2016 in Basel für Sicherheit und Ordnung sorgt.

Für die meisten wird sie aber immer die Verkehrsinstruktorin bleiben: «Warte, luege, loose, lauffe.»