Uraufführung

Die Erweckung und der grosse Hammer im Basler Schauspielhaus

Alles gut gemeint: Pia Händler, Ingo Tomi, Leonie Merlin Young, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel und Vincent Glander (v.l.) vor der Lebenskulisse. Sandra Then

Alles gut gemeint: Pia Händler, Ingo Tomi, Leonie Merlin Young, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel und Vincent Glander (v.l.) vor der Lebenskulisse. Sandra Then

Viel lautes Theater für den gut gemeinten Denkanstoss: Philipp Löhles Auftragsstück «Schlaraffenland» polarisiert im Basler Schauspielhaus.

Eine Familie sitzt am gedeckten Tisch. Man isst im Winter Erdbeeren, wohnt immer grösser, macht teure Ferien, und der Sohn hat mit 19 ein Auto, geht auf Weltreise und leistet sich eine Rockband. Bevor er einen Chefposten bekommt, den er für Sexspiele nutzt.

Es gibt keine «Probleme». Gegen Vaters Glatze und Mutters alternde Haut gibt es potente Mittel. Und die hinfällige Oma wird per Sterbehilfe ins Jenseits befördert – das sei «so so schön» gewesen, auch für sie selbst, finden alle (Vater: Florian von Manteuffel. Mutter: Nicola Kirsch. Sohn: Vincent Glander. Tochter: Leonie Merlin Young; dazu kommen noch Ingo Tomi als Onkel sowie Pia Händler als Frau des Sohnes). Doch die Idylle trügt.

Schwarz gekleidete Männer gehen immer wieder über die Bühne, agieren zwar als Helfer, sind aber Techniker. Das Haus ist eine von hinten abgestützte Fassade, und der Luxus erkauft; die «Schwarzen», ihr ganzer «Riesenapparat», halten ihn aufrecht.

Eine schöne szenische Idee: die Welt, in der wir uns gemütlich eingerichtet haben, buchstäblich als Kulisse zu zeigen. Und die «schmerzliche Einsicht, dass alles, was die Familie konsumiert oder verbraucht, auf Kosten anderer mühsam hergestellt werden muss», wie es im Vorschautext heisst, treibt das Stück an. Es hat trotz wohlfeiler Scherze – wenn etwa der Vater, auf die billigen Eier angesprochen, die er eingekauft hat, sagt, er habe noch nie einen armen Bauern gesehen – ein ehrliches Anliegen. Auch wenn es zu absehbar umgesetzt wird.

Wir Schmarotzer

Es geht um die Einsicht in unser Schmarotzertum auf Kosten vieler anderer. Das Programmheft zitiert die Tatsache, dass 10 Prozent (und nicht «1 Prozent») der Weltbevölkerung 86 Prozent aller verfügbaren Ressourcen besitzen. Für den Sohn ist sie ein «Erweckungserlebnis». Mario Fuchs spielt jetzt den Doppelgänger des Sohnes und gleichzeitig einen schwarzen Mann, gehört also in beide Lager.

Er wird zum Agitator, bedrängt und bedroht seine Familie, doch die erklärt ihn kurzerhand für verrückt. Worauf das Stück die Familie stehenlässt und im Finale vor dem roten Samtvorhang aktuelle Weltpolitik zitiert und Terroraktionen zu verständlichen Reaktionen darauf erklärt, weil die allein «noch gehört» würden heutzutage.

Dazu singen die Darsteller: Zeilen aus Grimms «Märchen vom Schlauraffenland» sind es, von dieser verkehrten Welt, wo der Honig bergauf fliesst, und eine Schnecke zwei Löwen erschlägt. Und wo – wird zuletzt angefügt – das Spiel von einer Bühne herunter noch etwas bewirkt.

Das klingt, als entzöge der junge hochgelobte Dramatiker Philipp Löhle dem Stück zuletzt den Boden. Vertraut er ihm nicht? Und die Regie (Claudia Bauer. Bühne/Kostüme: Dirk Thiele) treibt es von Anfang an mit hampelnder Grand-Guignol-Derbheit in die Klamotte. Die Familien-Darsteller tragen dümmliche Maskenköpfe, rudern mit den Armen und spielen auf Pointe.

Die «Erweckung» des Sohnes bekommt das Publikum nach der Pause von mehreren Figuren abwechselnd vorgespielt, als sei sie nicht seine eigene, persönliche politische Entwicklung. Als die Familie ihn verhöhnt, holt er einen riesigen Holzhammer und haut damit auf den Tisch, zerschlägt zuletzt sogar die Hauswand. Nützt aber nichts. Keiner will sehen, was dahinter ist.

Deshalb muss am Schluss ein schwarzer Chor – zu den Darstellern gesellen sich auch einige der «Techniker» – fast schon melancholisch an uns appellieren. Alle tragen dabei klassische Kostüme: enge schwarze Käppchen wie Gründgens’ Mephisto und Shakespeare’sche Kurzhöschen mit Holzdolch über den Strumpfbeinen. Viel lautes Theater für den gut gemeinten Denkanstoss.

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