Hyperwerk Basel

Die Exotin unter den Hochschulen: Hier in Basel lernst Du Freiheit

Matthias Böttger leitet das Hyperwerk in Basel seit 2017.

Das Hyperwerk Basel ist seit 20 Jahren die Exotin unter den Hochschulen. Ihre Offenheit ist eine Herausforderung.

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Schule, an der Sie Freiheit studieren können. Eine Schule ohne Stundenplan, an der alles freiwillig ist, an der Sie nicht einen Beruf erlernen, sondern einen erfinden können.

In Basel gibt es diese Schule seit zwanzig Jahren. Das Hyperwerk auf dem Dreispitz-Campus feiert seinen Geburtstag mit einem zwanzig Stunden dauernden Fest. Gelegenheit also, die Exotin unter den Hochschulen genauer anzuschauen. Aber aufgepasst: Die offizielle Kommunikation des Instituts wirbt nicht mit einfachen Schlagworten für die eigene Sache. «Das Hyperwerk versteht sich als Lernlabor, das mit flexiblen Versuchsanordnungen auf die aktuelle Entwicklung zur postindustriellen Gesellschaft reagiert und den experimentellen Wandel seiner eigenen Methoden sucht.»

Und weiter: «Was damit gemeint ist, wird von den verschiedenen am Hyperwerk tätigen Individuen von ebenso vielen unterschiedlichen Aspekten her untersucht.»

Die Studenten und Studentinnen sind also dazu aufgefordert, zu untersuchen, was genau gemeint ist mit der Versuchsanordnung der Schule. Ein gewagtes Konzept – mit Erklärungsbedarf.

Matthias Böttger, der neue Leiter des Hyperwerks HGK FHNW, ist sich des Zwiespalts bewusst: «Wir versuchen, unser Profil möglichst gut zu kommunizieren, gleichzeitig ist die Offenheit Teil des Programms. Es geht um Prozesse und nicht Produkte.» Und ja, hinter dem Studiengang stehe kein klar definiertes Berufsbild. «Es geht darum, zu lernen, wie wir zusammenleben können, wie wir unsere Gesellschaft gestalten können.» Und er bestätigt: «Welchen Beruf jemand nachher ausübt, das kann er oder sie im Grunde hier erfinden.» Das sei natürlich ein hohes Risiko. «Wir stellen jedoch infrage, ob diese Berufsbilder in Zukunft überhaupt noch existieren.» Es sei eben auch eine grosse Chance, neue Berufsfelder zu entdecken.

Beim Versuch, wirklich zu begreifen, was Hyperwerk macht, watet der Fragende rasch im Ungefähren. In einem Text des Instituts heisst es gar, selbst die Studierenden würden manchmal an den Rand der Verzweiflung geraten bei der Frage, was denn dieses postindustrielle Design überhaupt sein soll.

Vielleicht liegt der Grund für diese Unschärfe aber auch darin, dass das Hyperwerk seit Jahren auf einer Welle reitet, die kaum gleichzeitig surfbar und beschreibbar ist.

Aus dem Start-up wird eine Hochschule

Am Anfang stand das Basler Start-up Hyperstudio von Mischa Schaub, spezialisiert auf neue Technologien. Ende Neunzigerjahre waren das Internet und Computer. Zur selben Zeit gab es in der Schweiz eine Bildungsoffensive. Wegen des digitalen Umbruchs sahen die Hochschulen Handlungsbedarf. Gesucht war Know-how. Das konnten Schaub und seine Mitstreiter bieten. Aus dem Start-up wurde ein Bildungsinstitut, angegliedert an die heutige Fachhochschule Nordwestschweiz.

Von Beginn weg richtete das Hyperwerk den Fokus jedoch nicht auf technologische Ausbildung. Es ging um grössere Fragen: Wie gehen wir mit dieser gewaltigen Transformation der Gesellschaft um? Wo liegen Chancen und Gefahren? Wie nutzen wir neue Technologien, um gut zu leben?

Und da diese Entwicklung seither in immer grösserem Tempo voranschreitet, muss sich ein Institut, das in Theorie und Praxis auf der Höhe der Zeit sein will, laufend neu erfinden, also grösstmögliche Offenheit bieten.

Aber was genau bringt einen Bachelor-Studenten ans Hyperwerk? «Ein Interesse an Gestaltung ist sicher von Vorteil», sagt Institutsleiter Böttger. Jeweils 26 Studierende werden pro Jahr aufgenommen. Nicht über die Einreichung eines Portfolios, sondern erst mal über ein Motivationsschreiben. Danach geht es zum Retreat in die Freiburger Voralpen. Denn auch soziale Kompetenz sei gefragt, so Böttger.

Für Ungewohntes müssen die Studenten auch nachher fit sein. Sie verwalten den Hauptraum mit ihren Studienplätzen selbst. Der sieht aus wie eine riesige Bastelbude. Werkstätten für Analoges wie Holz und Metall stehen ebenso zur Verfügung wie neuste Elektronik. Das Institut ist 24 Stunden geöffnet. Und ja, es gibt keinen Stundenplan. Nur alle drei Wochen ein Meeting und die Gespräche mit den persönlichen Mentoren.

Es gibt nur wenig Pflicht, sondern viel Eigenverantwortung. Wenn jemand sage, er müsse jetzt diese Bücher lesen oder jene Landschaften fotografieren, könne er es tun, so Böttger. «Verlangt wird jedoch, dass diese Prozesse dokumentiert und erklärt werden.»

Intrinsische Motivation, also Eigen-Motivation, heisst das Zauberwort. Niemand befiehlt. Du musst Dir selbst alles geben. Dabei entsteht Erstaunliches. Roboter werden so programmiert, dass sie eine Bar bedienen oder Fingernägel bemalen können. Eine Pflanze erklärt die Welt aus ihrer Sicht. Oder das Projekt «Was weiss der Tisch», das die Kulturgeschichte des Tisches mit Fragen wie dieser beleuchtet: Was ist alles in ihn eingeschrieben? Ein anderes Projekt sammelt Kompost im Gundeli-Quartier und liefert den Kunden des Dienstes gleichzeitig Brot.

Mit klarer Haltung zum Kapitalismus

Übers Ganze entsteht eine bunte Mischung zwischen Kunst, Design und alternativem Wirtschaften. «Wir sind der Meinung, dass es Menschen braucht, die nicht schon eh das können, was andere auch können. Wir brauchen Menschen, die ganz anders an die Welt herangehen», sagt Böttger. Das ist durchaus politisch gemeint: «Mit Sicherheit sehen wir den Kapitalismus in seiner aktuellen Ausprägung kritisch. Seine Produktionsbedingungen sind mit dafür verantwortlich, dass wir so viele Probleme haben.»

Am Ende des Studiums steht kein Diplom, das die Abgänger mit einer klaren Bezeichnung in die Geschäftswelt begleitet. Das ist ein Risiko und ruft Skeptiker auf den Plan. 2015 stand das Fortbestehen des Instituts auf der Kippe. Eine Studie aus dem Jahr 2016 erzählt aber vom Erfolg: 80 Prozent der Abgänger gelingt der Berufseinstieg in kurzer Zeit. Die Löhne sind hoch. Die Hälfte werden Teamleiter. Viele gründen eigene Start-ups in Basel, wie die Macherschaft, die Kult-Bäckerei, das Café Tante, das Kochkollektiv Hasoso oder die Agentur für Design, PR und Management.

Böttger sagt: «Wenn sie ein Auge dafür haben, begegnen Sie den Spuren des Hyper-werks überall in der Stadt.»

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