Auch die Queen grüsst das Volk auf diese Art. Mit einer eleganten Handbewegung, einem leichten Knicks. Nie würde sie ihren Hut lupfen. Wohl aus demselben Grund wie Pia Inderbitzin am Cortège: «Dann hätte ich ja immer eine kaputte Frisur.» Ihr Hut ist rot, dazu passend der Schal. In den Ohren stecken goldene Räppli. Hat sie eigens für die Fasnacht anfertigen lassen, aus altem Gold.

Bei einem Mann würden keine drei Zeilen für Äusserlichkeiten verwendet. Frauenfeindlich? Im Gegenteil: Die schwarz gekleideten Comité-Männer, die 108 Jahre lang auch Obmänner waren, sind nicht mehr als eine Zeile wert. Es erklärt ja auch niemand Jahr für Jahr, was ein Waggis ist. Oder eine Trommel. Erst das Aussergewöhnliche gibt eine Schlagzeile her: eine Laterne, vom Winde umgeweht; ein gestürztes Pferd; Cliquen, die Rassismus mit Humor verwechseln. Oder eben: weibliche Chefs.

«50 Prozent der Fasnächtlerinnen sind Frauen»: Comité-Obfrau Pia Inderbitzin im Interview und bei der Arbeit

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Feigenblatt oder Pionierin?

Pia Inderbitzin ist die erste Comité-Obfrau überhaupt. Und erst noch selbstsicher: «Ich habe das Gefühl, akzeptiert zu werden in der Fasnachtswelt.» Wow! Super! Emanzipierte Fasnacht! Oder ist Pia Inderbitzin vielleicht doch nur ein Feigenblatt im Männerdschungel?

Als sie ein Kind war, sah die Fasnachtswelt noch anders aus: «Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich wahrscheinlich fürs Trommeln entschieden und nicht fürs Pfeifen. Doch Mädchen, die trommeln – das war noch ein Tabu. So etwas wäre einem Mädchen gar nicht in den Sinn gekommen.» Ungerecht! Gemein! Männerbund! Wohl wahr, aber seither sind mehr als fünfzig Jahre vergangen.

Eine neue Generation ist längst erwachsen. Wenn die 56-jährige Pfeiferin Nicole Wick von den Seibi-Mysli ihren jungen Kolleginnen von ihrer eigenen Jugend erzählt, können die kaum glauben, was sie hören: «Als Kind habe ich die Zeitungsinserate nach dem einzigen Kriterium studiert, welche Junge Garden Mädchen aufnehmen.» Die Auswahl war stark eingeschränkt.

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Junge Garde ja, Stamm nein

Inzwischen gibt es noch sieben reine Männercliquen, eine kleine Minderheit. Empören kann sich deswegen keiner an der Fasnacht. Sollen die Jungs doch unter sich bleiben, wenn sie unbedingt wollen. Machen die Mädels teilweise ja auch. Stimmt. Allerdings haben Frauencliquen einen anderen Hintergrund. Die Abverheyte, die erste Basler Frauenclique, gründeten ein paar Frauen 1938, weil sie sonst auf die Fasnacht hätten verzichten müssen. Und nicht, weil sie als Frauen unter sich sein wollten wie die Männer.

Als Nicole Wick mit 18 Jahren der Jungen Garde entwachsen war, stand sie sozusagen auf der Strasse. Der Seibi-Stamm wollte noch keine Frauen bei sich haben. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich den Seibi-Mysli anzuschliessen, der Frauen-Abteilung der Clique. Ein paar Jahre früher – und sie hätte vielleicht aufgehört zu pfeifen. Denn die Mysli gab es erst seit 1971. Pia Inderbitzin erging es gleich. Auch sie durfte nicht von der Jungen Garde in den Stamm ihrer Clique wechseln. Weil sie ein Mädchen war.

Doch jetzt scheint die Gleichberechtigung an der Basler Fasnacht angekommen zu sein. Das zeigt sich vor allem am Cortège. Dort sind die Hälfte der Aktiven inzwischen Frauen und Mädchen. Und auch sonst hat sich viel getan: Ein Mädchen kann wählen, in welche Clique es möchte. Bloss die Welt der Männercliquen ist noch verschlossen. Warum also sollten sich Frauen aufregen? Von einem der Unterhaltung dienenden Traditionsanlass wie der Fasnacht kann man nicht erwarten, dass ausgerechnet er Ungerechtigkeiten, die in der Gesellschaft herrschen, bekämpft.

Obfrau Pia Inderbitzin

  

Pia Inderbitzin wurde Obfrau, weil sie die Fasnacht kennt wie kaum eine Zweite. Und nicht, weil es eine Quotenlady brauchte. Alles hat sie schon gemacht, sogar Schnitzelbänke gesungen. Etwas, was sich die wenigsten Frauen zutrauen. Oder warum sonst singen praktisch nur Männer, und die Frauen halten, wenn überhaupt, den Helgen? Eine Antwort kennt niemand. Vielleicht ist es aber auch hier wie sonst in der Welt. Ein Beispiel: Frauen lehnen viel öfters Einladungen in Talkshows ab, weil sie sich nicht stattelfest genug für das Thema fühlen. Oft sagt zur selben Show ein Mann zu, der nachweislich weniger sattelfest ist als die Frau.

Bei den Schnitzelbängg verhält es sich ähnlich: Viele Männerformationen trauen sich zu, lustig zu sein, sind es aber nicht. Nimmt man Intensität und Dauer des Lachens im Saal als Gradmesser, könnte man sogar sagen: Sie sind nachweislich nicht lustig. Trotzdem exponieren sie sich auf einer Bühne. Frauen sind da vorsichtiger, bestimmt oft zu Unrecht. Aber die Möglichkeit, zu singen, hätten sie. Also bloss kein Aufschrei. Ist doch alles gut?

Ist es das? Ist die Fasnacht gleichberechtigt, bloss weil Mädchen trommeln und Pia Inderbitzin Chef ist? Eine Frage, die Aussenstehende offenbar interessiert, die meisten Fasnächtler aber kaum diskutieren oder mit einem klaren «Ja» als erledigt betrachten.

Entsprechend schwierig ist es, eine andere mögliche Antwort zu finden. Denn an der Fasnacht, da sind andere Kriterien wichtig für das perfekte Miteinander. «Die Fasnacht ist ein Familienfest», sagt die Obfrau. Und bringt es damit auf den Punkt. Aktive Fasnächtler bilden als Gruppe eine Art Blase – oder eben: eine Familie. Nur sie verstehen, was wirklich abgeht. Solange sie eine Einheit bilden, spielt die Welt ausserhalb eine untergeordnete Rolle.

Fremder Dialekt stört mehr

Wer dabei ist, weiss, was er tut und warum – ob er eine Frau ist, ein Mann oder etwas dazwischen. Sobald Fasnächtler im Kostüm stecken, geht es nicht mehr um Geschlechterfragen. Das Gemeinschaftsgefühl steht über allem. Ein fremder Dialekt stört mehr als ein Weib. Aber das ist eine andere Geschichte. Sparen wir sie uns auf für nächstes Jahr, wenn Pia Inderbitzin keine Schlagzeile mehr her gibt, sondern mit ihren Queen-Gesten so selbstverständlich dazugehört wie ein Waggis, eine Trommel – oder ein schwarz gekleideter Comité-Mann.