Cortège am Mittwoch
Die Fasnacht ist eine Frau – der lange Weg zur ersten Obfrau

Sogar ausländische Zeitungen berichten fleissig: An der Spitze der Basler Fasnacht steht erstmals eine Frau. Einzig an der Fasnacht selber spricht kein Mensch darüber. Das hat Gründe.

Martina Rutschmann
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Cortége 2019 Cortége Mittwoch 2019
77 Bilder
Cortège Mittwoch BATZEGLEMMER-WAGGIS, Waage Sujet: Dr Drägg muess ewägg
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht RUMPEL CLIQUE 1923 Alti Garde zusammen mit Wettstai, Alti Garde Sujet «kamMUBAlismus»
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht GUNDELI Stammclique, Cliquepartnerschaft mit de Schrubberli 99, Gruppe Sujet Nit ganz hundert
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Cortège Mittwoch DAIG-AFFE-CLUB, Waage Sujet: Ojee – dä Abschiid duet wee!
Cortège Mittwoch OLYMPIA, Stammclique Sujet: Olympia – Du faltschi Schlange!
Cortège Mittwoch HORBURGSCHLURBI, Guggemuusig Sujet: Mir funggzioniere mechanisch
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Cortège Mittwoch SCHRÄNZ-GRITTE 1950, Guggemuusig Sujet: Mer sin uff em Stäärn
Cortège Mittwoch SCHOPF-SPRYSSE, Waage Sujet: Mir als Boschtauti, dasch dr Hit, wils am Änd me Subvenzioone git
Cortège Mittwoch PIERROT-CLIQUE, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: Leybel-Bschiss – S Gligg vo de Hiener isch nimm wie friener
Mittwuchs-Cortège | Basler Fasnacht 2019
Cortège Mittwoch GÜLLE-SCHLÜÜCH, Guggemuusig Sujet: 40 Joor d Schlüüch
Cortège Mittwoch SCHOTTE-CLIQUE 1947, Guggemuusig Sujet: Mir kämpfe fir d Glaibasler Fasnacht
Cortège Mittwoch GRACHSYMPHONIKER, Guggemuusig Sujet: Miir Basler zeerscht hösch!
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Cortège Mittwoch HORBURG-RUECHE, Waage Sujet: Dur Reegle und Verbott, degradiert ze faarbloose Marionette, spränge mir an der Fasnacht unseri Kette
Cortège Mittwoch RÄTZ-CLIQUE 1923, Stammclique Sujet: Mir dryybes bunt und mache blau
Cortège Mittwoch DIE ANONYME PICCOHOLIGER, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: Bäärgab
Cortège Mittwoch Chaise D KAFFI-BOHNE
Cortège Mittwoch RÄTZ-CLIQUE 1923, Stammclique Sujet: Mir dryybes bunt und mache blau
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Cortège Mittwoch Fasnachts-Comité Obfrau Pia Inderbitzin
Cortège Mittwoch JOKER WAGGIS, Waage Sujet: Bis zem Mond und kai Schritt wyter
Cortège Mittwoch CRÈME-WAGGIS 1976, Waage Sujet: Aadie Basel – mir gseen schwaarz
Cortège Mittwoch CRÈME-WAGGIS 1976, Waage Sujet: Aadie Basel – mir gseen schwaarz
Cortège Mittwoch BASLER BEBBI VÖLKERSCHAU BASEL, Stammclique Sujet: Bimbotown – Neuigkaite us em Dschungel
Cortège Mittwoch BASLER BEBBI VÖLKERSCHAU BASEL, Stammclique Sujet: Bimbotown – Neuigkaite us em Dschungel
Nach dem Vorfall passieren die Chaisen trotzdem noch den Steinenberg. Sie werden um die rutschige Platte geleitet.
Mittwuchs-Cortège GLAIBASLER MIGGELI Chaise, Sujet Mir fyyre 30 Joor Glaibasler Miggeli
Hier ist die Welt noch in Ordnung. Die Chaise Lämpelyysi vor dem Auftritt am Cortège.
An praktisch derselben Stelle wie am Montag (Bild) ist schon wieder ein Pferd gestürzt.
Noch die letzten Räppli loswerden.
Vor dem Theater kann man mit der Silberzahn-Clique anstossen.
Die Kratzbyrste machen ein Affentheater beim Marktplatz.
Sogar Donald Trump ist ein Fasnächtler. Awesome!
Däfilutscher
Happy End – Die bz-Blondine hat sich mit dem Waggis versöhnt.
Cortège SPALE-CLIQUE Alti Garde Sujet: Nostalgie – es isch verby. Aadie MUBA
Cortège GLUNGGI, Stammclique Sujet: Vom BaLLASCHt ersTIGGt
Cortège D BÂLOINESE Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: What e Mäss!
Cortège RHYGWÄGGI, Stammclique Sujet: Nätt, pfläggt – bolitisch korräggt
Cortège COCKTAIL BÂLOIS, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: PETMEN rettet d Wält
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht Stimmungsbild mit der Guggemuusig Räpplispalter mit Sujet Zytsprung in Externis
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht Märtplatz-Clique die Alte zusammen mit den BMG Runzle mit Sujet Deutschland wieder über Alles
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht BREO STAMM 1896 Stammclique , Sujet Halt d Schnuure!
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht BREO STAMM 1896 Stammclique , Sujet Halt d Schnuure!
Cortège Mittwoch SCHOPF-SPRYSSE, Waage Sujet: Mir als Boschtauti, dasch dr Hit, wils am Änd me Subvenzioone git
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht GAMMLER-WAGGIS 1975 Waage, Sujet Ojee, FC Wee!
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht GIFTSCHNAIGGE Stammclique , Sujet Brutaal neitraal
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht ALTI RICHTIG Stammclique, Sujet Sueche Dir en au?
Mittwoch 19, Cortège Fasnacht SCHNOOGGEKERZLI Stammclique, Sujet: Mer saage nyt
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019 Rolling Stones Alti Stainlemer 2019
Cortége 2019 Rolling Stones Alti Stainlemer 2019
Cortége 2019 Daig Affe-Club 1933
Cortége 2019 Nasegnybler Basel 1959
Cortége 2019 Schnäderänte Basel 1947
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019 Rolling Stones Alti Stainlemer 2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019 Schnäderänte Basel 1947
Cortége 2019 Alti Bäbeli Clique 1947-2019
Cortége 2019
Cortége 2019
Cortége 2019 Bodega Rueche
Cortége 2019 Bodega Rueche
Cortége 2019 Alti Bäbeli Clique 1947-2019

Cortége 2019 Cortége Mittwoch 2019

Juri Junkov

Auch die Queen grüsst das Volk auf diese Art. Mit einer eleganten Handbewegung, einem leichten Knicks. Nie würde sie ihren Hut lupfen. Wohl aus demselben Grund wie Pia Inderbitzin am Cortège: «Dann hätte ich ja immer eine kaputte Frisur.» Ihr Hut ist rot, dazu passend der Schal. In den Ohren stecken goldene Räppli. Hat sie eigens für die Fasnacht anfertigen lassen, aus altem Gold.

Bei einem Mann würden keine drei Zeilen für Äusserlichkeiten verwendet. Frauenfeindlich? Im Gegenteil: Die schwarz gekleideten Comité-Männer, die 108 Jahre lang auch Obmänner waren, sind nicht mehr als eine Zeile wert. Es erklärt ja auch niemand Jahr für Jahr, was ein Waggis ist. Oder eine Trommel. Erst das Aussergewöhnliche gibt eine Schlagzeile her: eine Laterne, vom Winde umgeweht; ein gestürztes Pferd; Cliquen, die Rassismus mit Humor verwechseln. Oder eben: weibliche Chefs.

Feigenblatt oder Pionierin?

Pia Inderbitzin ist die erste Comité-Obfrau überhaupt. Und erst noch selbstsicher: «Ich habe das Gefühl, akzeptiert zu werden in der Fasnachtswelt.» Wow! Super! Emanzipierte Fasnacht! Oder ist Pia Inderbitzin vielleicht doch nur ein Feigenblatt im Männerdschungel?

Als sie ein Kind war, sah die Fasnachtswelt noch anders aus: «Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich wahrscheinlich fürs Trommeln entschieden und nicht fürs Pfeifen. Doch Mädchen, die trommeln – das war noch ein Tabu. So etwas wäre einem Mädchen gar nicht in den Sinn gekommen.» Ungerecht! Gemein! Männerbund! Wohl wahr, aber seither sind mehr als fünfzig Jahre vergangen.

Eine neue Generation ist längst erwachsen. Wenn die 56-jährige Pfeiferin Nicole Wick von den Seibi-Mysli ihren jungen Kolleginnen von ihrer eigenen Jugend erzählt, können die kaum glauben, was sie hören: «Als Kind habe ich die Zeitungsinserate nach dem einzigen Kriterium studiert, welche Junge Garden Mädchen aufnehmen.» Die Auswahl war stark eingeschränkt.

Junge Garde ja, Stamm nein

Inzwischen gibt es noch sieben reine Männercliquen, eine kleine Minderheit. Empören kann sich deswegen keiner an der Fasnacht. Sollen die Jungs doch unter sich bleiben, wenn sie unbedingt wollen. Machen die Mädels teilweise ja auch. Stimmt. Allerdings haben Frauencliquen einen anderen Hintergrund. Die Abverheyte, die erste Basler Frauenclique, gründeten ein paar Frauen 1938, weil sie sonst auf die Fasnacht hätten verzichten müssen. Und nicht, weil sie als Frauen unter sich sein wollten wie die Männer.

Als Nicole Wick mit 18 Jahren der Jungen Garde entwachsen war, stand sie sozusagen auf der Strasse. Der Seibi-Stamm wollte noch keine Frauen bei sich haben. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich den Seibi-Mysli anzuschliessen, der Frauen-Abteilung der Clique. Ein paar Jahre früher – und sie hätte vielleicht aufgehört zu pfeifen. Denn die Mysli gab es erst seit 1971. Pia Inderbitzin erging es gleich. Auch sie durfte nicht von der Jungen Garde in den Stamm ihrer Clique wechseln. Weil sie ein Mädchen war.

Doch jetzt scheint die Gleichberechtigung an der Basler Fasnacht angekommen zu sein. Das zeigt sich vor allem am Cortège. Dort sind die Hälfte der Aktiven inzwischen Frauen und Mädchen. Und auch sonst hat sich viel getan: Ein Mädchen kann wählen, in welche Clique es möchte. Bloss die Welt der Männercliquen ist noch verschlossen. Warum also sollten sich Frauen aufregen? Von einem der Unterhaltung dienenden Traditionsanlass wie der Fasnacht kann man nicht erwarten, dass ausgerechnet er Ungerechtigkeiten, die in der Gesellschaft herrschen, bekämpft.

Cortège Mittwoch

Cortège Mittwoch

Kenneth Nars

Pia Inderbitzin wurde Obfrau, weil sie die Fasnacht kennt wie kaum eine Zweite. Und nicht, weil es eine Quotenlady brauchte. Alles hat sie schon gemacht, sogar Schnitzelbänke gesungen. Etwas, was sich die wenigsten Frauen zutrauen. Oder warum sonst singen praktisch nur Männer, und die Frauen halten, wenn überhaupt, den Helgen? Eine Antwort kennt niemand. Vielleicht ist es aber auch hier wie sonst in der Welt. Ein Beispiel: Frauen lehnen viel öfters Einladungen in Talkshows ab, weil sie sich nicht stattelfest genug für das Thema fühlen. Oft sagt zur selben Show ein Mann zu, der nachweislich weniger sattelfest ist als die Frau.

Bei den Schnitzelbängg verhält es sich ähnlich: Viele Männerformationen trauen sich zu, lustig zu sein, sind es aber nicht. Nimmt man Intensität und Dauer des Lachens im Saal als Gradmesser, könnte man sogar sagen: Sie sind nachweislich nicht lustig. Trotzdem exponieren sie sich auf einer Bühne. Frauen sind da vorsichtiger, bestimmt oft zu Unrecht. Aber die Möglichkeit, zu singen, hätten sie. Also bloss kein Aufschrei. Ist doch alles gut?

Ist es das? Ist die Fasnacht gleichberechtigt, bloss weil Mädchen trommeln und Pia Inderbitzin Chef ist? Eine Frage, die Aussenstehende offenbar interessiert, die meisten Fasnächtler aber kaum diskutieren oder mit einem klaren «Ja» als erledigt betrachten.

Entsprechend schwierig ist es, eine andere mögliche Antwort zu finden. Denn an der Fasnacht, da sind andere Kriterien wichtig für das perfekte Miteinander. «Die Fasnacht ist ein Familienfest», sagt die Obfrau. Und bringt es damit auf den Punkt. Aktive Fasnächtler bilden als Gruppe eine Art Blase – oder eben: eine Familie. Nur sie verstehen, was wirklich abgeht. Solange sie eine Einheit bilden, spielt die Welt ausserhalb eine untergeordnete Rolle.

Fremder Dialekt stört mehr

Wer dabei ist, weiss, was er tut und warum – ob er eine Frau ist, ein Mann oder etwas dazwischen. Sobald Fasnächtler im Kostüm stecken, geht es nicht mehr um Geschlechterfragen. Das Gemeinschaftsgefühl steht über allem. Ein fremder Dialekt stört mehr als ein Weib. Aber das ist eine andere Geschichte. Sparen wir sie uns auf für nächstes Jahr, wenn Pia Inderbitzin keine Schlagzeile mehr her gibt, sondern mit ihren Queen-Gesten so selbstverständlich dazugehört wie ein Waggis, eine Trommel – oder ein schwarz gekleideter Comité-Mann.