Herr Guggenbühl, die Nachhilfe ist auch auf Grundschulstufe eine grosse Industrie geworden. Warum?

Allan Guggenbühl: Es gibt verschiedene Gründe. Verbreitet ist die Überzeugung, dass Kinder so früh wie möglich selbstständig Lernen sollen. Es wird dann bereits von Grundstufenschülern verlangt, dass sie selbsttätig lernen und bei Unklarheiten ihre Kollegen fragen sollen. In diesem Alter sind Kinder jedoch meist überfordert. Sie wenden sich dann mit ihren Fragen an die Eltern, und diese organisieren Nachhilfe.

In der modernen Pädagogik wird das «selbstständige Lernen» grossgeschrieben. Kritisieren Sie das?

Selbstständigkeit ist natürlich wichtig. Das Problem ist, dass die Förderung der Selbstständigkeit nicht an eine Methode delegiert werden kann. Wenn man ihnen Arbeitsblätter gibt mit Anleitungen, was sie tun sollen, dann machen sie oft Blödsinn, reden über Anderes oder widmen sich oberflächlich den Inhalten. Selbstständigkeit in einem kontrollierten Rahmen zu fördern, wo die Kinder sich anpassen und gehorchen müssen, ist widersinnig.

Das klingt konservativ.

Ich kritisiere ja nicht die Eigenständigkeit an sich. Aber wenn, dann sollen die Kinder wirklich in ihrer Selbstständigkeit gefördert werden. Ich halte nichts von Pseudoübungen. Die Schüler sollen völlig frei sein, einem Eigeninteresse nachgehen. Dass Kinder und Jugendliche selbstständig sein können, sieht man bei ihren Freizeitaktivitäten, zum Beispiel bei der Organisation von Pfadilagern.

Die «Schweiz am Wochenende» hat mit Schulleitern von der Primarschule und der Sek gesprochen, die kaum etwas über die Nachhilfeindustrie wussten. Sie glaubten nicht, dass ein grosser Teil der Schüler in den Nachhilfeunterricht gehe.

Das überrascht nicht, es gibt eine grosse Dunkelziffer. Ich habe mal auf der Sekundarstufe erlebt, dass sich alle Eltern an einem Elternabend der Schule gegen Nachhilfe ausgesprochen haben. In Tat und Wahrheit hat ein grosser Teil ihre eigenen Kinder in den Nachhilfeunterricht geschickt. Vor der Lehrperson wollten die Eltern es jedoch nicht zugeben.

Warum?

Wenn die Lehrperson weiss, dass ein Schüler einen Nachhilfeunterricht besucht, dann könnte dies die Beurteilung beeinflussen. Wenn man den Lehrer im Glauben lässt, dass ein Schüler wegen dem Unterricht des Lehrers sich in den Leistungen verbessert hat, dann gibt ihm das ein gutes Gefühl. Und dem Schüler eine bessere Note.

Einige Institute bieten gar für die Ferien Nachhilfe an. Was halten Sie davon?

Ich sehe das kritisch. Die Ferien sollten Ferien bleiben. Kinder sollen auch die Möglichkeit haben, nichts zu tun, selbstgewählten Tätigkeiten und der Muse nachzugehen. Zerstreuung ist ein wichtiger Wert, der verlorengegangen ist. Er erweitert die Imaginationskraft. Ich habe mehrere Schulen in China besucht, da geht das Ganze in eine gegensätzliche Richtung. Hier läuft alles auf Konzentration hinaus, die Schüler werden auf Leistungen getrimmt. Einige Schulleiter haben sich mir gegenüber beklagt, dass ihre Schüler abgelöscht wirken, keine eigenen Ideen entwickeln können. Sie haben schlicht keine Interessen, machen nichts aus Eigenantrieb.

Wer ist heute ehrgeiziger, Schüler oder Eltern?

Viele Schüler sind sehr ehrgeizig, aber nicht unbedingt, was den schulischen Stoff angeht. Viele haben andere Ambitionen, sie wollen Influencer auf Youtube oder Instagram werden. Das beginnt schon auf Primarschulstufe. Verständlicherweise hegen die Eltern meistens andere Ziele für ihre Kinder, sie möchten sie an das Gymnasium schicken.

Und greifen für die guten Noten ihrer Kinder tief in die Tasche, um Nachhilfeunterricht zu finanzieren. Arme können sich das nicht leisten. Ist das Schulsystem nur scheinbar sozial durchlässig?

Die finanziellen Möglichkeiten der Eltern haben einen Einfluss. Kinder von Eltern, die keine Nachhilfe bezahlen können, sind benachteiligt. Ob die Eltern Nachhilfeunterricht organisieren, hängt jedoch auch vom Wert ab, den man der Bildung gibt. Es gibt arme Eltern, die investieren sehr viel Geld in Nachhilfeunterricht und wohlhabendere Eltern, die finden das nicht nötig.

Was müsste sich ändern? Müsste man wieder zurück zum Frontalunterricht, damit man die schwächeren Schüler besser an die Hand nehmen kann?

Beim Frontalunterricht werden die schwächeren Kinder nicht besser gefördert. Es baucht jedoch in der Schule beides, Phasen des Frontalunterrichts und Einzelarbeit. Die beste Förderung geschieht jedoch durch die Lehrer, die sich für ihre Schüler engagieren, sich Zeit nehmen, zu ihnen eine Beziehung aufbauen und immer wieder bereit sind, ihnen den Stoff zu erklären und Aufgaben zu geben.