Suzanne Schweizer springt aus dem neuen lindgrünen Loungesessel auf und eilt zu einer Gruppe älterer Menschen im Kultkino-Foyer. Kommt zurück, entschuldigt sich für die kurze Gesprächsunterbrechung, springt nochmal auf. Es geht um eine Visconti-Filmvorführung, die sie speziell für diese kleine Gruppe im kleinsten Saal des Kultkinos Atelier organisiert hat.

Suzanne Schweizer ist keine Loungerin; sie ist eine Macherin, eine Ermöglicherin. Ständig scheint sie in Bewegung, körperlich und im Kopf. Zierlich und zäh. Dabei immer gut gelaunt, geduldig, geerdet. Seit einem Vierteljahrhundert sind Filme ihr Metier – und doch ist sie das Gegenteil einer Diva. Wollte sie nie selber in einem Film mitspielen oder einen drehen? «Nein, ich bin gerne hinter der Bühne, bringe gerne Publikum und Film zusammen, vernetzte Menschen und Institutionen. Ich bin gerne ein Katalysator im Hintergrund».

Unangenehme Filme oft die besten

Doch nun, nach 24 Jahren und Tausenden von Filmen, nach Kinoschliessungen und Kinoerweiterungen, gibt sie die Co-Geschäftsleitung der Basler Kultkinos Atelier und Camera ab: an Tobias Faust, den einstigen Tageswoche-Geschäftsführer. Suzanne Schweizer geht in den Ruhestand. Es fühle sich immer noch unwirklich an: «Ich muss es mir immer wieder sagen: In einer Woche gehe ich.» Bis dahin, bis Dienstag, sei sie aber noch 100 Prozent da. So sehr, dass sie sich noch kaum Gedanken, geschweige denn Pläne, für die Zeit danach gemacht hat. Es werde sich etwas Neues ergeben.

Sie verzahnt die Finger beider Hände ineinander und macht eine wellenartige Armbewegung. Im Nachhinein scheine alles stimmig. «Ich hatte Glück.» Jugendarbeit, Strassentheater, Kulturwerkstatt Kaserne, Pro Helvetia – eins ergab stets das nächste, bis der Gründer der Studiokino AG, Martin Girod, sie Ende der 80er Jahre darum bat, die damalige Studiokino AG zu leiten. Es hätte auch anders kommen können, sagt sie, als Cineastin mit Paralleluniversen vertraut: «Ich habe mich immer für furchtbar viel interessiert.»

Gerade Suzanne Schweizers Neugier auf ganz Unterschiedliches konnte die Arbeit mit Filmen befriedigen. Filme eröffnen so viele Themen, Welten, Ansichten, Macharten, Informationen, Gefühle. Sie bieten ihr Weiterbildung, Unterhaltung, auch Verstörung. Manchmal müsse sie sich Unangenehmes ansehen. Und stelle danach immer wieder fest, dass gerade das Durchstehen von ihr Unangenehmem im Nachhinein, bei der Reflexion darüber, am nachhaltigsten sei.

Sich Verstörerischem auszusetzen – und sei es, weil man einen Eintrittspreis dafür bezahlt hat und nun schon mal im Kinosaal sitzt, das muss die Internet-Streaming-Generation immer weniger oft. Suzanne Schweizer stellt es fest, ohne zu moralisieren. Kulturpessimismus liegt der Optimistin fern. Sie schaut sich im Foyer um: Ja, viele graue Haare hier. Doch mit neuen Vermittlungsprogrammen versuche das Kultkino auch junge Leute zu begeistern. Sie erlebe, wie diese, etwa nach Schülervorstellungen, das Kino mit Freude entdeckten und merkten, dass das ein ganz anderes Erlebnis sei als zu Hause vor dem Bildschirm – intensiver, gemeinschaftlich. «Sie müssen ans Kino herangeführt werden.»

Unberechenbares Publikum

«Brainstream» nennt Suzanne Schweizer die Kinosparte, um die sich das Kultkino kümmert. Vor allem Arthouse-Filme von unabhängigen Verleihern, rund 200 pro Jahr, laufen im Atelier und im Camera. Derzeit reicht das Spektrum von Toni Erdmann bis Captain Fantastic, von der Biographie Cézannes bis zu derjenigen eines indischen Yogis.

Und nie sei genau kalkulierbar, welcher Film weshalb genau wieviel Publikum anziehe. «Das ist immer wieder überraschend.» Wie eine Spielerin mag Suzanne Schweizer genau diese Unberechnbarkeit. Genauso wie die nicht kalkulierbaren Reaktionen auf einen Film, die faszinierend unterschiedlich ausfallen können. «Es gibt keinen einzigen Film, den man nicht kontrovers anschauen kann.»

Spielraum für Risiko

Das Kultkino hat Spielraum für Risiko. Es ist nicht auf Profit-, sondern auf Kulturmaximierung aus. «Als einziges Kino haben wir das sogar im Leitbild«, sagt Suzanne Schweizer. So kann sie es sich leisten, auch schwierige, ungewöhnliche oder unbekannte Filme zu programmieren. Zum Ausgleich braucht es aber immer wieder sichere Werte.

Seit das Kultkino Atelier vor einem Jahr von drei auf fünf unterschiedlich grosse Säle erweitert worden ist, können sie und Co-Geschäftsleiterin Romy Gysin den unbekannten Filmen länger eine Chance geben, ihr Potenzial zu entwickeln. Oder sehr beliebte Filme länger laufen lassen.

Eine wunderbare Anekdote hat Suzanne Schweizer noch auf Lager: Es lief der Dok-Film «Arme Seelen», im Saal eins sassen fast nur Frauen, interessiert an den Zeichen Verstorbener aus dem Jenseits. Da begann es an der Kinodecke zu klopfen. Die Zuschauerinnen erschauerten doppelt. Schauten die Geister der Verstorbenen, von denen im Film alle sprachen, sich den Film mit ihnen an? Als die Vorführung zu Ende war und sie nach draussen, ans Licht, wollten, wars dort im Foyer stockdunkel. Noch mehr Schrecken. Dabei hatte das Kino nur die Verdunkelung getestet, denn es war der Abend vor dem Morgenstraich. Und geklopft hatte eine Maschinenskulptur auf den gefrorenen Tinguely-Brunnen. «So wurde Kino gleichzeitig zur Theater-Performance», sagt Suzanne Schweizer.

An Geister glaubt sie nicht. Aber an den Geist des Kinos. Und dass er überleben wird. Denn das zu sagen ist ihr am Wichtigsten: «Ich glaube an das Kino.»