Der Schuh kam aus dem nirgendwo. Gerade eben hatte Agnès Mathis noch auf die Textfassung von «Dreigroschenoper» geschaut und die Einsätze der Schauspieler mitverfolgt. Und jetzt das: ein wuchtiger Schlag auf den Hinterkopf. Ein paar Sekunden lang wurde Mathis schwarz vor Augen. Als sie wieder zu sich kam, reichte ihr die Frau auf dem Sitz hinter ihr einen Schuh. Im Furor des Stücks war er einem Schauspieler vom Fuss geflogen, hoch an die Decke und – bäm! – auf die Souffleuse geknallt.

Agnès Mathis lacht, als sie die Geschichte erzählt. Das wird sie im Verlauf des Gespräches noch mehrmals. Ein herzliches, schallendes Lachen, das in Kontrast steht zur sorgfältigen Ruhe, die sie ausstrahlt wenn sie von ihrem Beruf erzählt.

Es sei eine Freude, ihr bei der Arbeit zuzuschauen, erzählt ein Stammgast des Theater Basel auf Anfrage. Mit welcher Leidenschaft Frau Mathis Souffleuse sei! Er kann das beurteilen, denn Mathis sitzt während der Stücke meistens in der ersten Reihe, mitten im Publikum. Dickes Textbuch vor sich auf dem Schoss oder Ständer, silbernes Köfferchen unter dem Sessel. Ihr Souffleusen-Koffer. «Darin ist alles, was ich brauche.» Sie klappt die glänzenden Verschlüsse hoch und zählt auf: Ricola-Bonbons für den Hals, Notizbuch, Stifte in verschiedenen Farben, Radiergummi, Bleistift, Notfalltropfen, Pflaster, Wasserflasche, Post-its, Handcreme, Kopfwehtabletten. Diese Frau ist auf alles vorbereitet.

«Agnès, ich brauch’ Wasser!»

Das muss sie auch, denn im Theater kann alles passieren. «Das ist das, was ich an diesem Beruf so liebe: immerzu im Augenblick zu sein und reagieren zu müssen.» Wie damals bei «Der Menschen Feind» im Schauspielhaus.

Der Menschenfeind stand auf der Bühne und schrie plötzlich: «Agnès, ich brauch’ Wasser, du hörst ja auch, ich bin heiser!». Die Besucher schauten sie entsetzt an. Agnes griff ruhig zur Wasserflasche, reichte sie ihm, er trank genüsslich. Dann schrie er: «Und jetzt Text!» Sie suchte die Passage heraus und merkte noch im Ansagen, dass er die bereits gesprochen hatte. Er schrie: «Ne, das hab ich schon gesagt!». Sie reagierte sofort. «Das ist mir egal. Du machst jetzt dort weiter, wo ich eingegeben habe!» Mathis lacht wieder. Spiel im Spiel, das liebe sie. Nach der Vorstellung sagte ihr der Schauspieler: Genial, mit dir kann man spielen.

Zum Theater kam Mathis spät. Souffleuse ist ihr fünfter Beruf, davor war sie Kindergärtnerin, dann Sozialpädagogin, hatte eine Grossfamilie, studierte Logopädie und anschliessend Dyskalkulie-Therapie und führte schliesslich eine eigene Praxis in Frick. Bis sie einmal im Zug sass und einen Artikel über die altgediente Souffleuse des Theater Basel las, die seit 27 Jahren am Haus ist. Darin betonte diese, wie schwierig es sei, Nachfolger zu finden. Souffleuse sei ein Beruf, den man nicht erlernen könne. Vielleicht wäre das ja was für mich, dachte sich Mathis. Sie hatte Lust auf etwas Neues und als ausgebildete Logopädin viel Erfahrung mit Sprache. Ausserdem ging sie schon immer gern ins Theater, von klein auf. Bereits bei der Eröffnung 1975 sass sie im Publikum von «Die letzten Tage der Menschheit» und wusste: In diesem Betrieb will ich einmal arbeiten.

Also bewarb sich Mathis auf die neue Intendanz unter Andreas Beck. Blind. Oder wie sie es ausdrückt: «Eifach dreist, fräch, muetig.» Sie war 55 Jahre alt.

Knochenharte Arbeit

Ihr Mut zahlte sich aus. Seit vier Jahren ist Mathis fester Bestandteil des Theater Basel, in einem Beruf, von dem sie sagt, er sei der Schönste der Welt. «Ich bin heute so belebt, wie ich das nie zuvor gewesen bin.» Und das obwohl die Arbeit knochenhart ist. Zur intensiven Vorbereitung (Lesen des Stoffs, Aneignen von Informationen über Autor und Umstände) kommen sieben Wochen Probezeit und dann natürlich die Aufführungen mit anschliessender Nachbereitung. Bei jeder Vorstellung notiert sie, wer wo ausgesetzt hat und schickt den Schauspielern die Notizen per Mail. Als Souffleuse ist sie alleinig für eine Produktion verantwortlich. Sie kommt auch, wenn sie krank ist – gefehlt wird nur, wenn sie keine Stimme hat. Denn die ist zentral.

Die Energie zwischen ihr und dem Ensemble auf der Bühne sei wie ein einziger Atemkörper, sagt sie. Ein Energiefeld, in das sich alle reinhängen. Ihre Aufgabe ist es, wahrzunehmen, wenn sich die Energie verändert. Schwankungen der Stimme, ungeplante Pausen, Zittern, kurzes Stocken. Einsacker, die dem Publikum kaum auffallen, Mathis aber sofort aufhorchen lassen. Dann motiviert sie die Schauspieler, blinzelt ihnen aufmunternd zu. Und setzt bei Bedarf ein. «Yyneko» nennt sie das. Ein Wort, zwei, drei Wörter, ein ganzer Satz, damit der Schauspieler oder die Schauspielerin wieder Boden unter den Füssen hat. Dabei sei sie selbst ganz tiefenentspannt. Diese Ruhe übertrage sich auf die Bühne. Die Souffleuse als Fels in der Brandung.

In den Pausen meditiert Mathis kurz, trinkt was Kleines (nicht zu viel, auf Toilette kann sie später schliesslich nicht) und legt sich rasch hin. Um danach wieder erfrischt ihre Position einzunehmen. Nach der Aufführung ist sie selten kaputt. Wie denn auch, sagt sie und lacht ein letztes Mal. Bei diesem Traumjob!