Hinter den Kulissen

Die Frau unter Strom

Diana Becker an ihrem neuen Arbeitsort, der Kaserne Basel.

Diana Becker steht ihre Frau in einer Männerdomäne des Kulturbetriebs. Sie sorgt dafür, dass es hell wird auf der Bühne.

Diesen Traum träumen alle einmal: im Rampenlicht stehen, während die anderen unten im Dunkeln sitzen. Für 15 Minuten sollte das jedem und jeder mal gegönnt sein, frotzelte Superstar Andy Warhol einst. Geblendet vom grellen Schein vergisst man jedoch meist, dass dieses Setting keine One-Man- oder One-Woman-Show ist. Da braucht es noch jemand anderen. Die Person nämlich, welche den Scheinwerfer aufhängt und richtet und dann den Schalter im richtigen Moment auf «on» stellt.

«Das ist genau die Position, in der ich mich wohlfühle», sagt Diana Becker. «Deswegen ist dieses Gespräch hier auch ziemlich aufregend für mich.» Wir treffen uns in den kühlen Katakomben der Kaserne Basel. Nach der Sommerpause wird die 32-Jährige hier zu fünfzig Prozent als Technikerin arbeiten. Die erste Frau in dieser Position in diesem Haus. Die verbleibende Zeit arbeitet sie selbstständig.

«Diana Becker, Fachkraft für Veranstaltungstechnik» steht auf der Visitenkarte ihrer Einfrau-Firma. Vollständig einbinden lassen in einen Betrieb, das wolle sie nicht. Unabhängigkeit und Abwechslung sind ihr wichtig, Alltagstrott ein Graus. Da drohe bloss Betriebsblindheit. Diana Becker hat sich in der Männerdomäne der Konzert- und Theatertechniker ihren Platz und ihren Traumberuf erarbeitet.

Von der Schulbank direkt hinter die Bühne

Am Anfang war die Suche und Ratlosigkeit. Noch ein halbes Jahr vor Schulabschluss wusste die junge Frau nicht, wie es weitergehen soll mit der Berufswahl. Nach der Kindheit in Schwerin ist sie mit den Eltern nach Waldshut gezogen. Das Schulbankdrücken begeistert sie nicht. Dafür die Idee, welche die Tante aus Schwerin einbringt. Sie arbeitet in einem soziokulturellen Zentrum und ermöglicht der Nichte ein kleines Praktikum bei einer Firma für Veranstaltungstechnik. «Ich wusste vom ersten Tag an: Das ist das, was ich machen möchte», erzählt Diana Becker.

Im Burghof Lörrach findet sie ihre Ausbildungsstätte. Vier Jahre lernt sie dort alles über Scheinwerfer, Tonanlagen, Videobeamer, Bühnenbau, Elektrotechnik. Sie betreut Tanz, Theater, Konzerte, Firmenfeiern. Schule gibt es in erträglichen Dosen, blockweise. Nach vier Jahren steht auf dem Diplom: Diana Becker, Elektrofachkraft für Veranstaltungstechnik.

«Am Anfang war ich schon nervös, wegen dem technischen Know-how und dem theoretischen Wissen, das dieser Beruf fordert», erzählt sie rückblickend. «Ich war ja kein Ass in Naturwissenschaften oder in Mathematik.» Wenn man aber logisches Verständnis mitbringe und etwas Flexibilität im Denken, dann komme man da ganz schnell rein.

Warum tut sich jemand diesen Beruf an?

Nach dem Burghof jobbt sie zwei Jahre selbstständig, dann zwei Jahre fest angestellt, danach wieder als Freie. Sie weiss mittlerweile, was es braucht, damit Anlässe, wie das Stimmen Festival, das Open Air Basel, oder das Theaterfestival Wildwuchs im rechten Licht erschienen und gut tönen.

Und sie ist immer noch begeistert von ihrer Berufswahl. Überlange Arbeitstage und -nächte, schweres Material rumbuckeln, endlos Kabel auf- und abrollen, Scheinwerfer in schwindelnder Höhe richten, unter Zeitdruck Lösungen finden, denn etwas funktioniert immer nicht, die Launen von Kulturmanagern und Künstlern ertragen, bei Wind und Wetter schuften, bis auch das letzte Stativ wieder im Truck verstaut ist, den Freunden klar machen, dass man am Wochenende meist keine Zeit hat, und dann, wenn die anderen arbeiten, die Verspannungen von der Schufterei salben. Warum tut man sich das an?

Da ist zum einen die Abwechslung, die den Trott vermeidet. «Jeder Job ist neu. Wir müssen flexibel sein, Lösungen finden, und das immer unter etwas Adrenalin, denn egal, was passiert: Die Veranstaltung beginnt zum festgelegten Zeitpunkt», erklärt die kräftige junge Frau und fügt gleich an, dass sie sich dank dem Job den Sport sparen könne. Und wie erholt sie sich? «Viel faulenzen!»

Da ist aber noch mehr, das die Faszination dieser Knochenarbeit ausmacht: «Das Erfolgserlebnis ist direkt. Arbeit und Stress schweissen die Teams zusammen. Man arbeitet teilweise das erste Mal mit Leuten zusammen, aber nach 14 Stunden Buckelei hat man den Eindruck, man kenne sich bereits 20 Jahre.» Das sei einfach ein schönes Gefühl.

Und wie ist das als Frau unter Jungs? «Man(n) sagt mir, eine Frau tue dem Arbeitsklima immer gut!» Oft ist sie aber die Einzige. Das liege sicher auch daran, dass die wenigsten Frauen sich für die Materie begeistern können. Systemtechnik zum Beispiel: So nennt sich das Erstellen von Strom- und Steuerungskreisläufen, vom Verteiler, über die Lampen bis zu den Steuergeräten. Auch ein Aufgabengebiet von Diana Becker.

«Da staunt man manchmal schon»

Und dann, wenn die Show beginnt, was macht die Frau am Strom? «In der Regel such ich mir ein stilles Örtchen, um etwas zu entspannen. Mit der Zeit musst Du nicht mehr alles gesehen haben.» Und der Umgang mit Künstlern und Stars, ist das aufregend?

Diana Becker relativiert: «Überraschenderweise haben mich diejenigen Künstler, auf die ich mich am meisten gefreut habe, eher enttäuscht. Sie will keine Namen nennen, aber sagt: «Da staunt man dann schon, wenn man mitkriegt, wie die teilweise mit ihren Technikern und Mitmusikern umgehen.»

Es ist eben nicht alles Gold, was im Scheinwerferlicht glänzt.

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