Es war ein schweres Jahr für die Freie Strasse. Alteingesessene Traditionsgeschäfte wie Monn, Kost Sport, Benetton oder Cigares Münsterberg mussten ihre Läden aufgeben, allesamt aus wirtschaftlichen Gründen. Kohler musste sein Geschäft zwar nicht aufgeben, musste seine Fläche und sein Angebot aber verkleinern.
Und auch in der Gerbergasse zeigt sich ein ähnliches Bild: Die beiden Schuhgeschäfte Botty und Deiss haben dicht machen müssen oder machen es im Fall von Deiss per Ende Jahr.

Trois Pommes bleibt doch

PKZ musste seine Filiale an der Gerbergasse 40 aufgeben und sein Sortiment an die Falknerstrasse 19 zügeln, wo bereits Feldpausch zu Hause ist, das zum selben Konzern gehört. Doch gegen Ende des Krisen-Jahres scheint sich die Situation zu bessern. Zum einen, weil die Schliessung des Luxus-Ladens Trois Pommes an der Freien Strasse abgewendet werden konnte. Ursprünglich hiess es, dass der Mietvertrag für die Liegenschaft ausgelaufen sei und man sich finanziell nicht mehr habe einigen können. Auf erneute Anfrage hiess es nun, man habe sich über die Miet-Modalitäten doch noch einigen können und bleibe somit im Haus zum Sodeck.

Doch nicht nur die Rettung eines der Aushängeschilder der grössten Basler Shoppingmeile sorgt für positive Stimmung fürs nächste Jahr. Wie die bz weiss, ist die Freie Strasse per Ende 2015 komplett vermietet. Sie wird zwar nicht vollständig belebt sein, weil etwa im früheren Benetton und Kost Sport momentan noch umgebaut und die Räume erst im Frühling beziehungsweise Sommer bezugsbereit sind. Aber vermietet ist alles.

Dasselbe gilt für die Ladenflächen von Botty und PKZ, die ebenfalls bereits wieder vergeben sind. Die Neuvermietung des Botty-Ladens steht kurz vor dem Abschluss, und bei der ehemaligen PKZ-Filiale ist bereits klar, dass sich nach dem Umbau ein grosser Sushi-Laden niederlassen wird.

Und auch für die Zukunft scheint man bestens gewappnet. Eine gut informierte Quelle, die nicht in der Zeitung genannt werden will, sagt, dass jede Top-Marke, die in Basel noch nicht vertreten ist, Schlange stehe, sollten in Zukunft weitere Läden schliessen und damit Flächen frei werden.

Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt, sagt der Freien Strasse eine positive Zukunft voraus. (Archiv)

Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt, sagt der Freien Strasse eine positive Zukunft voraus. (Archiv)

Herr Böhm, hat es in der Freien Strasse schon je einmal einen so grossen Wandel bei den Läden und Geschäften gegeben wie 2015?

Mathias F. Böhm: Da es keine genaue Statistik gibt, ist es schwierig zu sagen, ob der Wandel im Jahr 2015 der grösste ist, den es je gab. Es gab in den 60er- und 70er-Jahren bereits einmal einen grossen Wandel, als sich Gewerbe- zu Ladenlokalen wandelten. Das war eine normale städtische Umwandlung, wie sie jede Stadt erlebt. Im Ladenbereich gab es einen solch grossen Wandel aber noch nie.

Ist die diesjährige Häufung ein Zufall?

Auf der einen Seite ist es ein Zufall, auf der anderen aber auch nicht. Damit so ein Zufall zustande kommt, braucht es viele Einflüsse. Da sind zum einen der abgeschaffte Euro-Mindestkurs, die neuen Technologien, die Verlängerung des 8er-Trams aber auch die in die Jahre gekommenen Konzepte der Läden. Das ist nicht wertend gemeint. Aber viele Läden, die nun schliessen mussten, haben ein 30 bis 40 Jahre altes Konzept, das seither nur marginal angepasst wurde. Dass diese Konzepte irgendwann nicht mehr zeitgemäss sind, ist selbstredend. Es ist aber insofern ein Zufall, dass das alles jetzt zusammengekommen ist. Wenn man mich fragt, ob dieser grosse Wandel auch drei Jahre früher oder später hätte kommen können, dann sage ich ‹ja›.

Wie positiv oder negativ ist diese grosse Veränderung?

Das fragen wir uns auch immer wieder. Es gibt immer zwei Seiten. Natürlich ist es nicht positiv, wenn Läden schliessen müssen. Aber Entwicklungen kommen so oder so und ein Wandel hat immer auch positive Züge. Es hätte aber nicht so sein müssen, wie es jetzt gekommen ist. Es waren fast alles nicht geplante Rückzüge. Das verursacht länger leerstehende Flächen, was in einer eher kleinen Stadt wie Basel sehr schnell eine negative Wirkung hat. Dann gleich den Begriff ‹Ladensterben› zu verwenden, wie es viele Medien tun, finde ich schwierig. Denn es war ja nicht ein einzelner Grund, der die Schliessungen herbei geführt hat, sondern eine Kombination vieler verschiedener Faktoren. Ausserdem wird der Wandel, den wir momentan erleben, weiter gehen. Er hat erst angefangen. Wenn man nach Bern, Luzern oder Zürich schaut, sieht man dort ähnliche Veränderungen.

Welches sind die Hauptgründe?

Die Hauptgründe sind die neuen Kanäle, das veränderte Einkaufsverhalten der Leute und der Wohlstand, den wir hier haben. Wohlstand insofern, dass wir irgendwann alles haben, was wir brauchen, und nicht mehr einfach drauflos kaufen, sondern uns gezielt Mehrwert leisten. Ausserdem haben wir nur beschränkt Zeit zur Verfügung und überlegen uns genau, was wir damit anstellen wollen. Das ist eine sehr komplexe Geschichte. Hinzu kommt, dass neue Konzepte sich nicht mehr auf etwas konzentrieren, sondern beispielsweise Essen und Shoppen verbinden – Erlebniswelten schaffen. Und ausserdem kommen immer mehr Brands mit eigenen Läden hier her. Das ist ein struktureller Wandel, eine Neuorientierung, mitunter stark durch die Globalisierung geprägt.

Inwiefern ist der Standort Basels im Dreiländereck ein Faktor für die schnelle Veränderung?

Die regionalen und nationalen Komponenten, die dazu kommen, haben diese ganze Geschichte noch schneller gemacht. Dass die Produkte in der Schweiz teilweise teurer sind als in direkten Nachbarländern, dass der Franken so stark ist und – regional gesehen –, dass das 8er-Tram nach Weil den Einkaufstourismus vereinfacht hat. Das beschleunigt diesen ohnehin bestehenden Prozess.

Stehen die Freie Strasse und Basel in Zukunft schlecht da?

Nein, ich denke nicht, dass wir schlecht aufgestellt sind. Im Gegenteil. Wir sind sogar sehr gut aufgestellt für die Zukunft. Wir müssen aber schauen, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass es nicht plötzlich schlecht aussieht. Die Politik ist aber nicht gut darin, zu entwickeln und Entwicklungsräume zu schaffen, sondern eher darin, etwas zu verwalten. Das zeigt auch das Beispiel mit den Parkhäusern. Das ist ein alter Zopf, aber er zeigt das Problem auf. Parkieren ist in allen Grossstädten in etwa gleich teuer, egal ob Barcelona, Amsterdam oder Hamburg. Wir müssen aber im Moment nicht mit solchen Städten, sondern mit Weil und Lörrach konkurrenzieren.

Das heisst also, dass wir überhaupt nicht in Konkurrenz mit den europäischen Grossstädten stehen?

Doch, klar stehen wir auch in Konkurrenz mit Städten wie Barcelona, Amsterdam oder Hamburg, allein schon bedingt durch Easyjet. Aber Basel ist keine internationale Grossstadt. Wir sollten uns mit den mittleren deutschen Städten, holländischen oder den skandinavischen Städten wie Kopenhagen vergleichen. Dort passiert das gleiche wie bei uns, und das sind auch die gleichen Grössenordnungen.

Grössenordnungen hin oder her – die Freie Strasse sieht langsam ähnlich aus wie eine Einkaufsmeile in Barcelona oder Amsterdam.

Dass die Freie Strasse immer mehr zu einer globalisierten Meile wird, zeigt, dass es darum geht, was die Nutzer wollen. Offenbar wollen die jungen Leute nicht nur in anderen Ländern in den internationalen Häusern einkaufen, sondern auch hier in Basel. Wäre keine Nachfrage nach den internationalen Ketten da, würden sie auch nicht nach Basel kommen. Und das zeigt auch, dass der Mensch nicht bedauert, was wegfällt, denn sonst hätte er dort öfters eingekauft und dafür gesorgt, dass der Laden weiter bestehen kann, sondern dass er mit Veränderungen und vor allem mit der Geschwindigkeit, mit der diese Veränderungen kommen, überfordert ist. Aber eigentlich müssen wir uns auf die Schultern klopfen, dass solch grosse Marken überhaupt nach Basel kommen, dass wir auf ihrer Weltkarte existieren. Weltweit gefragte und aktuell führende Top-Brands in seiner Stadt zu haben, ist ja nicht schlecht.

Geht die Identität der Freien Strasse damit nicht verloren?

Die Frage nach der verlorenen Identität ist schwierig, denn die verändert sich immer. Was ist schon die Identität der Freien Strasse? Wenn man einen Grossvater fragt, dann ist die Identität der Freien Strasse ein Mix aus Gewerbe und Boutiquen. Dann kam Feldpausch und hat als erster Grosser die kleinen Boutiquen verdrängt. Dass dies damals ein Schweizer Unternehmen war, und es heute internationale Ketten sind, hat mit der Globalisierung zu tun. Das Prinzip ist aber dasselbe.