Stadtgeschichte

Die fromme Gangart auf dem Münsterplatz – Die Beobachtungen eines Zürcher Pfarrers aus der Basler Sicherungshaft

Ein Medaillon Lavaters.

Ein Medaillon Lavaters.

Der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater (1741–1801) beobachtet am 19. Mai 1799 am Fenster des Reischacherhofs (Café Isaak), wie sich Baslerinnen und Basler zum Gottesdienst ins Münster aufmachen.

Lavater ist es als bekannter Physiognomiker gewohnt, aus dem äusseren Erscheinungsbild auf innere Wesenszüge zu schliessen. «Ich bemerkte im Ganzen weniger Ernst und Feyerlichkeit bey diesem Hingehen als bey uns [in Zürich] üblich […] Es schien vielmehr Zerstreutheit und weniger Gedankensammlung aus dem Gange [...] der Meisten hervor zu leuchten.» Gleichzeitig konstatiert Lavater, die Frauenzimmer hätten «durchaus einen freyern Gang, ohne daß jedoch ein Verdacht der Uebelgezogenheit oder Frechheit auf sie fallen könnte.»

Lavater ist 1799 kein neutraler Augenzeuge, was Körperhaltung und Geschlechterordnung in Basel betrifft. Seit vier Tagen ist er in der Stadt, als Gefangener der Helvetischen Republik. Wie ist es dazu gekommen? Die Schweiz wird 1799 vom Zweiten Europäischen Koalitionskrieg heimgesucht, den Frankreich gegen Österreich und Russland führt; die politische Stimmung droht zu kippen, viele wünschen sich die alte Ordnung zurück. Die helvetische Regierung beschliesst in dieser brenzligen Situation, angesehene Bürger, die konterrevolutionär gesinnt sind, zu inhaftieren. Als Haftort dient auch Basel, das sich dank Peter Ochs den Ruf einer revolutionsfreundlichen Stadt erworben hat.

Die Gefangennahme Lavaters verwundert. Der Zürcher Pfarrer ist ein offener Geist, er diskutiert in gelehrten Gesellschaften über neue Staatsideen, zudem zeigt er anfänglich Sympathien für die Französische Revolution. Allerdings hat ihn die politische Gewalt ab 1792 ins Lager der Revolutionsgegner getrieben. Auch gegenüber der Helvetischen Republik äussert Lavater bald Enttäuschung: Schon im Mai beklagt er im «Wort eines freyen Schweizers an die grosse Nation» den französischen Raubzug auf Schweizer Gelder und die skrupellose Besetzung des Landes. Mit Predigerton hält er fest: «Noch sind wir Sklaven – Sklaven, wie wir nie waren!» Damit hat Lavater den Ruf als Revolutionsfeind auf sicher.

Als Staatsgefangener lebt Lavater vergleichsweise gut: Er erhält ein eigenes Zimmer am Münsterplatz, wo ihn Basler Bekannte besuchen und mit Geschenken erfreuen. Unter ihnen Jakob Sarasin, der reiche Basler Seidenfabrikant, mit dem Lavater schon lange korrespondiert, oder Johann Rudolf Huber, Pfarrer in Riehen, der die Ansichten des Gefangenen in seinem «Sonntagsblatt» veröffentlicht. Aber auch Anhänger der Revolution erweisen Lavater die Ehre, so Peter Vischer-Sarasin, der Präsident des Basler Kantonsgerichts, oder der Müller Johann Jakob Schäfer aus Seltisberg, ein Mitglied der Baselbieter Verwaltungskammer.

Im August 1799 ist Lavater zurück in Zürich und rekapituliert sein Exil in den «Freymüthigen Briefe über das Deportationswesen». Diese Briefe zeigen uns einen Zeitgenossen, der im persönlichen Umgang ein offenes Ohr für Revolutionsfreunde und -gegner hat: Von Angesicht zu Angesicht findet Lavater leicht zu einer gemeinsamen Verständigung. Für die Anliegen der politischen Masse aber hat Lavater weder Gespür noch Worte: Er spricht hier nur vom Handeln eines gesichtslosen Kollektivs, des «Pöbels», womit er das Schlagwort aufgreift, mit dem die damaligen Machthaber ihre Angst vor den neuen Bürgerinnen und Bürgern ausdrücken. Aus diesem Pöbel entsteht dann im 19. Jahrhundert eine demokratische Bevölkerung. Das aber dauert länger als einen Mai – ähnlich lang wie die Änderung der Basler Gangart beim Kirchgang.


Dominik Sieber, Historiker und Germanist. Die Serie «Stadtgeschichte(n)» entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein Basler Geschichte. Die bereits erschienenen Teile unserer Serie sind online nachlesbar unter www.stadtgeschichtebasel.ch

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