Mordfall

Die ganze Familie sollte ausgelöscht werden

Der Täter muss lebenslänglich ins Gefängnis.

Der Täter muss lebenslänglich ins Gefängnis.

Ein 31-jähriger Türke muss lebenslänglich hinter Gitter, nachdem er seinen Schwiegervater mit einer Schusswaffe umgebracht hatte. Am Schluss wollte er wissen, was «lebenslänglich» eigentlich bedeutet.

«Sie wollten eine Bluttat begehen, um ihre verletzte Ehre und ihren Männlichkeitswahn reinzuwaschen.» Mit aller Deutlichkeit machte Gerichtspräsident Dominik Kiener klar, dass er nicht der Version des Täters, sondern der Opfer glaubte. Seit Montag steht ein 31-jähriger Türke vor dem Basler Strafgericht (die bz berichtete). Er soll seinen Schwiegervater ermordet haben. Auch die Schwiegermutter und seine Exfrau wurden getroffen – hätte die Pistole des 31-Jährigen keine Störung gehabt, wären sie heute wohl auch tot.

Am Freitagnachmittag fiel das Urteil, welches deutlicher nicht sein könnte: lebenslänglich. So grausam die Tat war, so simpel war das Strickmuster, dem sie folgte. Der Türke heiratete im Juli 2010 sein späteres Opfer und zog zu ihr nach Basel. «Wir gehen davon aus, dass es eine Liebesheirat war», sagte Richter Kiener dazu. Schon bald gab es Probleme. Die Frau hatte zwar türkische Wurzeln, doch verkörperte letztlich «westliche Werte». Der Mann, der kein Deutsch spricht und dem eine Dolmetscherin jeden Satz des Gerichts übersetzt hat, traditionell türkische.

Die verhasste Schwiermutter

Zwar machte sich der Angeklagte einen Namen als Bäcker für Baklava – eine türkische Süssspeise – doch die Nachfrage war nicht genügend gross. Zum Geschäft kamen private Probleme, der Mann wurde gewalttätig, das Paar trennte sich.

Am 9. Dezember 2012 schliesslich kam es zu den verheerenden Geschehnissen. Die Versionen von Angeklagten und Opfern vor Gericht gingen weit auseinander. Der Mann machte geltend, dass er von seinen Schwiegereltern angegriffen wurde, als er das Kind besuchen wollte. Das hielt das Gericht aber nicht für glaubwürdig. Dominik Kiener überführte den Mann zahlreicher Lügen. Viel eher spielte sich die Tat so ab: Der in seiner Ehre verletzte Mann klingelte an der Tür. Nachdem er hineingelassen wurde, brachte er erst das Kind und die Urgrossmutter in ein Zimmer. Dann eröffnete er das Feuer. Wahrscheinlich erst auf seine Exfrau, dann auf seinen Schwiegervater und schliesslich auf die verhasste Schwiegermutter.

Auch Tochter soll Geld bekommen

Der Schwiegervater wurde getötet, die beiden Frauen in die Füsse und Beine getroffen. «Die Tochter musste zuschauen, wie ihre Mutter drauf und dran war, exekutiert zu werden», hielt Richter Kiener fest. Als die Pistole nur klickte – der Defekt konnte von Experten nachgewiesen werden – flüchtete der Täter und liess sich später festnehmen. Zurück liess er zwei schwer verletzte und traumatisierte Menschen, die in der Folge auch finanziell Probleme bekamen. Die Schwiegermutter verlor ihren Ernährer, die Tochter konnte nicht zur Arbeit und kämpft heute um den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Sowohl der Schwiegermutter wie auch seiner Exfrau muss der Mann 50 000 Franken Genugtuung bezahlen. Hinzu kommen 30 000 für den nicht anwesenden Bruder der Exfrau sowie eine nicht festgelegte Genugtuung für die zum Tatzeitpunkt zehn Monate alte Tochter. Schadenersatzklagen werden noch folgen.

Der Angeklagte nahm das Urteil regungslos hin. Nur als der Richter sagte «Eine Vater-Tochter-Beziehung wird wohl nie mehr möglich sein», sackte er kurz zusammen. Nach dem Urteil fragt er die Dolmetscherin, was denn lebenslänglich eigentlich bedeute. Richter Kiener klärte ihn auf: «Das bedeutet, dass Sie nach 15 Jahren Antrag auf Entlassung stellen dürfen.»

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