Hatice Sonu führt zwei Leben: Sie arbeitet zwar als Pflegefachfrau in Basel, in Wirklichkeit aber denkt sie jede Minute an ihr Volk im Nahen Osten. Mit zehn Jahren kam die alevitische Kurdin nach Basel, das ist bald drei Jahrzehnte her. In den letzten zwei Septemberwochen reiste die 38-Jährige zurück in ihre Heimat. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn es waren ihre Ferien. Schon früher verbrachte sie diese oft in den kurdischen Gebieten der Türkei.

Doch dieses Mal war alles anders: Im Gepäck hatte sie Spendengelder. «Wir Kurden in Europa sind alle zerstreut, unser Leben bleibt einfach stehen. In diesem Moment ist man so mit dem Thema beschäftigt, dass man nichts anderes realisiert», beschreibt sie den Gefühlszustand, in dem sich wohl viele europäische Kurden befinden.

Sonu gab bis vor einem Jahr Volkstanzunterricht und ist momentan im Vorstand des «Med Kulturzentrums», dem grössten kurdischen Verein in Basel. Im Vorfeld ihrer Reise sammelte sie mit Freunden, Vereinsmitgliedern und anderen Tanzlehrern Spenden für die kurdischen Flüchtlinge. Damals war Kobane noch nicht umkämpft. Es waren die Jesiden, die vom IS aus ihrer Heimat Shengal vertrieben wurden.

Zucker, Shampoo und Windeln

Ihre guten Kontakte vor Ort haben es Sonu ermöglicht, vorab zu klären, was die Flüchtlinge am meisten benötigen. Die Antwort der kurdischen Hilfsorganisationen war eindeutig: alltägliche Bedarfsgüter wie Tee, Zucker, Shampoo, Binden, Windeln und Kindernahrung. «Wir wollten vor Ort unsere Hilfe leisten, deshalb bin ich in die Türkei gereist.» Dort hat sie die Waren eingekauft und diese in das Flüchtlingslager bei Diyarbakir gebracht. Um die 5000 Flüchtlinge leben in der Zeltstadt, darunter 2000 Kinder. Wie die meisten Flüchtlingslager wird auch jenes in Diyarbakir von der kurdischen Gemeinde selbst organisiert: «Es war gut strukturiert, zweimal am Tag gab es warmes Essen. Das Lager ist in fünf Gebiete gruppiert», erklärt Sonu. Die Stadt Van habe beispielsweise ein grosses Essenszelt aufgebaut.

Die osttürkische Stadt erlebte 2011 ein grosses Erdbeben. «Deswegen hat Van diese Aufgabe übernommen. Die Gemeinde hat durch das Erdbeben selbst Katastrophenerfahrung gemacht und teilweise noch das Material.» Schon damals reiste Sonu zweimal mit einer Gruppe Basler Kurden in die Türkei, um vor Ort zu helfen.

Zelte sind das grösste Problem

«Auch jetzt ist das Hauptproblem, dass die Menschen in Zelten schlafen. Das war es auch in Van. Bald kommt der Winter und das ist das Schlimmste.» Nicht nur, dass es dann in den kurdischen Gebieten ausgesprochen kalt ist. In Van seien ganze Familien wegen in Brand geratenen Heizsystemen in den Zelten verbrannt. «Diese Gefahren bestehen auch jetzt», warnt Sonu. Bereits im September habe ein Sturm viele Zelte mit Wasser geschwemmt. Die kurdischen Vereine in Basel planen weitere Hilfsprojekte.

Um dem kalten Winter zu trotzen, wären Wohncontainer eine Lösung. Ob die Basler Kurden diese finanzieren können, zeige sich noch. Auch weitere wichtige Alltagsgegenstände wären als Hilfsgüter denkbar. Noch vor Weihnachten soll wieder Unterstützung von Basel in die Flüchtlingslager gelangen. Sonu selbst hat bis dahin keine Ferien mehr. Doch das Interesse, vor Ort zu helfen, sei gross: «Unser Ziel ist es, Leute zu motivieren, selber vor Ort zu gehen und zu helfen. Dort kann man mehr bewirken und hat das sichere Gefühl, dass die Hilfe wirklich ankommt.» Schon nur mit den Kindern in den Lagern zu spielen oder den Menschen zuzuhören sei wichtig.

Die Hilflosigkeit, die sie im Zeltlager antraf, hat sie schwer getroffen: «Die Menschen im Lager waren so hilflos, dass sie sich am liebsten vor mir verstecken wollten.» Es brauchte eine Vertrauensbasis, bis sie ihr ihre Gefühle beschrieben.

Tee trinken vor dem Zelt

Folgendes Erlebnis erzählt sie mit gerührter Stimme: «Ein Freund und ich haben eine Gruppe Jugendlicher im Lager gefragt, ob wir uns zu ihnen setzen dürfen. Trotz der schweren Umstände haben sie uns einen Tee angeboten. Sie sind die Personen, die leiden, aber die Gastfreundlichkeit verlieren sie nie.» Obwohl die Jesiden eine andere Herkunft haben, empfinde sie ihr Leid genauso schmerzhaft, wie wenn in ihrer Stadt etwas passiert wäre. Die Verbindung der unterschiedlichen kurdischen Gruppen beschreibt sie bildlich: «Sie ist wie ein Baum. Jeder ist an einem anderen Ast, aber wir kommen alle von der gleichen Wurzel. Das spürt man auch.»

Darüber, was die nächsten Wochen und Monate noch bringen, macht sie sich grosse Sorgen: «Die eigentlichen Probleme kommen erst noch.» Im Winter steige das Risiko für Seuchen, die sich in Massenlagern rasend schnell ausbreiten könnten. Was in den Köpfen der Menschen passiere, ein weiterer Punkt: «Jedes Trauma hat seine Phasen und die Realisierung der Erlebnisse, die kommt erst noch. Jetzt beginnt erst ein richtiger emotionaler Kampf für die Menschen und dann brauchen sie Personen, die sie dort unterstützen.»

Für Sonu und viele andere Kurden steht die humanitäre Hilfe mehr denn je im Zentrum. Während das internationale Interesse auf den Krieg und das kurdische Politikum gerichtet ist, denken sie darüber nach, wie ihr Volk ein weiteres Trauma überwinden kann.