Basel

Die Gedanken des Mässglöckners - trotz Absage der Herbstmesse wird er bimmeln

Seit 1989 läutet Franz Baur in der Martinskirche einmal jährlich die Basler Herbstmesse ein. Tausende Kinder warten sehnlichst auf das Geräusch, das zum Mässbeginn über dem Münsterhügel ertönt. Heute Samstag wär’s wieder losgegangen – wenn die Pandemie nicht wäre. Der Mässglöckner wird trotz der Absage heute wieder im Kirchturm stehen und bimmeln. Mit gemischten Gefühlen, wie er in seinem Essay und Rückblick auf 550 Jahre Herbstmesse schreibt.

Die Erinnerung ist frisch wie ein brutzelndes «Rosekiechli». Mittwochmorgen vor mehr als drei Monaten. 1. Juli. Ein heisser Sommertag kündet sich an. Und eine – noch – heissere Neuigkeit! Denn da klingelt das Telefon: «Du, d Mäss vo däm Johr isch abgsait!» Schock oder Bestürzung, Schrecken oder Entsetzen? Dutzende Gedanken zischen wie Blitze durch meinen Kopf. Also kein Ein- und Ausläuten! Keine strahlenden Kinderaugen! Keine «Mässmögge und Maagebrot»! Kein Einkommen für die Marktfahrer! Kein Riesenrad!

So langsam weichen die Emotionen wegen der Coronen und machen Platz für pragmatische Überlegungen. Ins Elend heulen, bringt ja nichts. Schliesslich wurde die Herbstmesse ja schon einige Male abgesagt. Anno 1721 und 1722 wegen der Pest, 1831 wegen der Cholera, 1918 wegen der Spanischen Grippe und jetzt eben wegen Covid-19. Nur fünf Absagen in 550 Jahren – eigentlich wenig. Zwar ein kleiner Trost für den Moment. Aber immerhin ein Trösterchen wie einst ein Marzipan-Härdöpfel auf dem Petersplatz.

Allein auf die wechselvolle Geschichte der Herbstmesse dürfen wir ja schon ein wenig stolz sein. Der Rat von Basel war damals eben innovativ und hatte eine gute Nase. Als der einstige Schreiber am Konzil in Basel (1431–1449), ­Aenea Silvio Piccolomini, zum Papst gewählt wurde, schickten die Basler eine Delegation nach Rom, um Pius II– so hiess jetzt Piccolomini – zu bitten, eine Universität gründen zu dürfen. Sie machten das taktisch so geschickt, dass ihre Diplomatie Erfolg hatte (wahrscheinlich hatten sie ihm zuerst ehrenhaft gratuliert und erst später – «bim schwarze Kaffi» – ihre Bitte vorgetragen).

Eigentlich waren es sogar zwei Bitten.

Unter dem Motto «Wenn schon, denn schon» machten sie ihn darauf aufmerksam, dass sie gerne Messen abhalten würden. Er könne doch beim zuständigen Kaiser ein gutes Wort für sie einlegen. Er legte es ein und sorgte dafür, dass Basel damals zu einer der wichtigsten Handelsstädte wurde. Denn nur elf Jahre nach der Gründung

der Universität (1460) bekam Basel von Kaiser Friedrich III am 11. Juli 1471 die Erlaubnis, jährlich zwei Messen abzuhalten.

Während die Frühjahrsmesse nur bis 1494 durchgeführt wurde und man sie 1917 – mitten im Ersten Weltkrieg – mit der Schweizer Mustermesse wieder aufleben liess, hat die Herbstmesse seit einigen Jahrhunderten ihren festen Platz im Basler Jahreskalender.

Muss das damals ein buntes Messetreiben gewesen sein. Gaukler und Sänger zeigten ihre Künste. Der Betrieb lockte viele auswärtige Händler an wie Seiltänzer und Taschenspieler, Marktschreier und Tierbändiger. Heute bietet die Herbstmesse – falls sie nächstes Jahr hoffentlich wieder stattfindet – immer wieder «verrückte» Fahrgeschäfte. Vom halsbrecherischen Freifallturm bis zur wilden Achterbahn.

Heute haben viele Baslerinnen und Basler ihre Lieblingsmesseplätze. Zum Beispiel den «Barfi», wo seit dem 19.Jahrhundert Waren feilgeboten werden. Apropos 19. Jahrhundert: Weil die Herbstmesse den Schulbetrieb auf dem Münsterplatz störte, wurde sie 1877 auf den Petersplatz verlegt. Nach der Jahrhundertwende fand 1913 erstmals eine Messe beim ehemaligen Badischen Bahnhof, am heutigen Riehenring, statt. Der Münsterplatz (wieder seit 1982) und die Kaserne (seit 1988) ­vervollständigen das aktuelle Platz­angebot.

Viele haben nicht nur ihre bevorzugten Messeplätze, sondern erinnern sich noch lange an unvergessliche Momente. Eindrücklich die kubenförmigen Kabinen. Rundum ein Gitter. Wer genug Kraft hatte, stemmte sich schwungvoll über den höchsten Punkt auf die andere Seite. Herrlich in den Nachkriegsjahren die Resslirytti mit den – damals – hochmodernen Autos, die heute kostbarsten Oldtimerstatus hätten. Vielleicht geht es Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, auch so wie mir Mitte der 50er-Jahre. Mir imponierte auf der Rosentalanlage die Mont-Blanc-Bahn.

Die roten Kessel rasten mit einer Geschwindigkeit im Kreis herum, dass sie niemand ohne Schwindelgefühle verliess. Ich hab das Gefühl, die Figur im Zentrum des Kreises beäugt mich heute noch mit ihrem ellenlangen Fernrohr...

Und der Besuch bei der «digge Berta»! Sie war 234 Kilo schwer. Als Knabe stand ich vor ihrem Wohnwagen am Clarahofweg, habe mein letztes Sackgeld auf den Kassentisch klimpern lassen und durfte zu ihr hinein. Da sass sie auf ihrem ultrabreiten Sofa und leierte ihr Verslein: «I kumme vo Oberegg i dr Oooschtschwiiiz und bi 234 Kilo schwer.» Völlig verunsichert wusste ich

nicht mehr, was ich sagen sollte. Blieb einen Moment stehen, brummte dann:

«Adie diggi Berta!» Und ging wieder. Mit einer Erinnerung für die Ewigkeit. Heute undenkbar. Die Zeiten haben sich zu Recht geändert.

Doch nicht alles hat sich geändert. Zum Glück. Vor allem die Tradition des Messeeinläutens wird heute noch gepflegt wie vor vielen, vielen Jahren. Seit 1989 darf ich jeweils am Samstag vor dem 30. Oktober – das ist das offizielle «Mäss»-Datum – von 12.00 Uhr bis 12.15 die Herbstmesse einläuten. Dass dies heute Samstag nicht der Fall ist, das ist schade.

ABER ich darf ja das Jubiläumsjahr einläuten, 550 Jahre Herbstmesse. (Auch wenn heute wegen Corona keine Gäste in die Turmstube hinaufsteigen dürfen.) Erklingen lassen werde ich das Jubiläumsgeläut mit grosser Freude. Und erst noch mit meiner Familie. Auf dass zu diesem besonderen Anlass ALLE Glocken der Martinskirche mitjubeln sollen – und nicht nur die beiden «Mässgleggli». Auch heute wird im Turmstübli oben vor dem 12-Uhr-Schlag jene Spannung herrschen, die fast unbeschreiblich ist. Sie ist höchstens vergleichbar mit dem Warten auf den Vierischlag am Morgestraich oder auf den ersten Böllerschuss am Vogel Gryff.

Weil ich ja in zwei Wochen keine Messe auszuläuten habe, werde ich heute wohl auch keinen Handschuh bekommen. Denn die Tradition will, dass der Messeglöckner beim Einläuten einen schwarzen, wollenen, linken Fingerhandschuh erhält. Und erst beim Ausläuten den Rechten. Ein «Danggscheen» an die Freiwillige Basler Denkmalpflege. Seit bald 100 Jahren übernimmt sie die Aufgabe, dem ­Messeglöckner das Geschenk zu ­überreichen.

Messeglöckner? Wie wird man das eigentlich? Während mehr als 30 Jahren durfte ich im Schulhaus Münsterplatz 18 Primarschulunterricht erteilen. Dabei war es mir stets ein Anliegen, den Stadtkindern das Basler Brauchtum zu überliefern. Jahr für Jahr stieg ich mit meiner Klasse die 117 Treppen der Martinskirche hoch, um das Ein- und das Ausläuten mitzuerleben. Ich erinnere mich, als wär’s gestern gewesen. Der damalige Glöckner, Alfred Röschard, fragte mich 1987, ob ich in der Silvesternacht bereit wäre, ihm beim Einläuten des neuen Jahres behilflich zu sein.

Spontan sagte ich ihm zu. Nach dem Läuten trafen wir uns noch in seinem Häuslein, «Hanns Duttelbach, des Thurmbläsers Huus» am Rheinsprung. Nach einem kräftigen Schluck aufs neue Jahr sagte er: «Du» – unterdessen hatte er mir das DU offiziell angeboten – «du, noch ein einziges Mal möchte ich die Herbstmesse ein- und ausläuten. Dieses Jahr zum 40. Mal. Möchtest du dann mein Nachfolger werden?» Eine einzigartige Stimmung. Ein besonderes Ambiente. Ein wirklich kleines, herrlich warmes ­Stüblein. Draussen tanzen feine weisse Flocken. Erste Stunde im neuen Jahr. Und DIESE Frage. Ich überlegte nicht lange und versprach ihm: «Gerne nehme ich dieses Amt an und werde es in deinem Sinn und Geist weiterführen. Am 12. November 1988 zog Alfred Röschard beim Ausläuten zum letzten Mal an den «Mässgleggli»-Seilen. Und am Samstag, 28. Oktober 1989, durfte ich meine Premiere als Messeglöckner der ehrenwerten Stadt Basel feiern. Wie es in alten Chroniken heisst...

Während all der Jahre erlebt der Messeglöckner manche Episode. Eine Person möchte zum Beispiel in die Turmstube hinaufsteigen. Doch nach ein paar Treppenstufen schluchzt sie. «Nein, da kehre ich um. Das ist mir zu steil.» Von meinem Vorgänger habe ich ein kleines Jagdhorn vererbt bekommen. Mit diesem mache ich mich vor dem Läuten am Turmfenster bemerkbar und zeige den Leuten auf dem Martinskirchplatz meinen Handschuh.

Alfred Röschard also erhielt einst von einem Kindergarten einen Brief: «Sehr geehrter Herr Röschard. Am letzten Samstag waren wir unten auf dem Platz. Als sie den Handschuh zeigten,

schauten wir nicht gerade nach oben. Könnten Sie sich nicht akustisch bemerkbar machen, damit wir diesen Moment in Zukunft nicht mehr verpassen. Mit freundlichen Grüssen…»

Er hatte Verständnis dafür, kaufte sich das kleine Horn und machte sich seither mit kräftigen Hornstössen bemerkbar. Dieses Ritual habe ich übernommen und pflege es Jahr für Jahr. So kann ein liebevoller Brief – gleichsam einer Kindergarten-Petition – eine wunderschöne Tradition auslösen. In den 1990er-Jahren wurde das Rathaus und auch dessen Turm restauriert. Also auch kein Läuten – kein Zeremoniell? Die Staatskanzlei erinnerte sich. Früher wurde der Rat ja mit den «Mässgleggli» zusammengerufen.

Sie fragte mich an. Und ich willigte sofort ein. So durfte ich in meinen Amtsjahren auch einmal eine Legislaturperiode des Grossen Rates einläuten. Nicht vergeblich steht auf einer der Glocken die Inschrift: «Ich lüt mit schalle und ruf dem Rat alle.»

Wenn also heute Samstag zwischen 12.00 und 12.15 alle Glocken der Martinskirche erschallen, vermischen sich Melancholie mit Freude, Trübsinn mit Frohsinn. Der zweiwöchige Messerummel fehlt. Kein fröhliches Schlendern von Messeplatz zu Messeplatz. Kein Einkommen für viele Schausteller. Kein «Soggeball». Also kein spätes Nachtessen (Beginn 22.30 Uhr nach Messeschluss) für die Angestellten an der Herbstmesse, für die Chipeinsammler, für die Schiessbudenfrauen und viele andere. Seit Jahrzehnten liebevoll organisiert von der Basler Bibelgesellschaft. Und sehr «Prix Schappo»-verdächtig. Kein Sonntagsgottesdienst auf dem Kasernenareal auf der Autoscooterbahn, wo die «Gläubigen» in den Botschauteli sitzen.

Dafür ein Jahr Jubiläum. Nicht nur zwei Wochen, sondern ein ganzes Jahr lang, herrscht irgendwo in der Stadt ein Hauch von «Mäss». Die Absage vom 1. Juli hat das Team von «Messen und Märkte» des Standortmarketings nicht etwa entmutigt, sondern eher noch beflügelt. Flugs lagen Vorschläge für ein coronakonformes Jubiläumsjahr auf dem Tisch.

Und diese wurden prima umgesetzt. Im Mittelpunkt steht das Jubiläumsfest vom 9. bis 11. Juli 2021. Irgendein Fahrgeschäft wird uns erfreuen: im nächsten Sommer auf dem Messeplatz, im Frühling auf dem Petersplatz, im Frühjahr auf dem Barfi und seit heute auf dem Münsterplatz. Hoch leuchtet es über der Stadt und verbreitet doch noch eine Prise «Mäss».

Doch noch ein Riesenrad!

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