Basel

Die Geschichte des Basler Erziehungsministers

..

Hans Georg Signer lässt sich bitten. Im August 2001 fragte Regierungsrat Christoph Eymann den Rektor des Gymnasiums Leonhard, ob er nicht neuer Leiter des Bereichs Bildung im Basler Erziehungsdepartement werden wolle.

Ein Amt, das seit über zwei Jahre faktisch verwaist war. Signer wollte, aber erst in einem Jahr. Eymann war einverstanden und hielt ihm die Stelle so lange offen.

Seit zehn Jahren dominiert Signer (61) seither das Erziehungsdepartement, umsichtig, beredt, kommunikativ. In zwei bis drei Jahren werde er demissionieren und nur noch ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, sagt Signer. Allein die Ankündigung zeigte Wirkung. Eymann liess sich von seiner Führungsriege ein Papier erarbeiten, welche Nachfolgemöglichkeiten sich anbieten. Klar ist allein: Durch eine einzige Person wird Signer nicht zu ersetzen sein. Wohl noch vor seiner Wiederwahl als Regierungsrat im Oktober muss sich Eymann dazu eine Meinung bilden und handeln.

Das Warten auf Signer hatte sich für Eymann gelohnt. Gemeinsam bilden sie ein kongeniales Gespann: Der LDP-Regierungsrat verwedelt bürgerliche Vorbehalte, in Basel werde ein egalitäres Schulsystems betrieben. Der Spitzenfunktionär mit SP-Parteibuch lässt Bedenken der Lehrerbasis ins Leere laufen, die Schule werde elitär. Im Minenfeld Schule sind Eymann wie Signer dadurch grosse Erschütterungen erspart geblieben. Signer organisierte, Eymann erntet die Lorbeeren. Und ging dann doch einmal ein Sprengsatz hoch, dann besorgte Pierre Felder, Leiter Volksschule, die Aufräumarbeiten.

Kurzzeitig, im Jahr 2000, sah es sogar so aus, als würde Signer anstelle von Eymann Erziehungsdirektor. Es ging um die Nachfolge des erkrankten Stefan Cornaz (FDP) beziehungsweise der abgewählten Veronica Schaller (SP). Signer, damals Rektor des Gymnasiums Leonhard, hatte sich als Projektleiter für eine Gymnasialreform bereits in die Rolle des Taktgebers im Erziehungsdepartement manövriert. Für die SP zog Signer jedoch nicht in den Regierungsrats-Wahlkampf, sondern in den Verfassungsrat. Dort präsidierte er die Gruppe «Religionsgemeinschaften und Bildung», was nichts anderes heisst: Signer hat in der neuen Basler Verfassung die Bildungsgrundsätze formuliert, die er als Leiter Bildung im Erziehungsdepartement dann umsetzte. In einem umstrittenen Punkt blieb er stur: Bildung ist und bleibt eine zentrale staatliche Aufgabe.

Auf einen politischen Kurslässt sich Signer jedoch nicht nageln. Linke pädagogische Ansätze etwa einer integrativen Schule sind ihm zwar nahe, doch Signer entwirft lieber Polaritäten, zwischen denen er pendeln kann. Kaum im Amt publizierte er ein Essay, das sein Konzept beschreibt: «Bildung ist der Zusammenklang von Differenz und Gleichheit, ist öffentliches und privates Gut, dem Einzelnen und der Gesellschaft verpflichtet.» Sein Mantra: Die Pole bildeten keine Gegensätze, sondern müssten zusammenspielen. Die Schule, so Signer, habe möglichst gleiche Chancen für alle zu bieten, doch auch die Förderung eines jeden Einzelnen zu gewährleisten.

Er könnte ein Schüler des mittelalterlichen Kirchenphilosophen Nikolaus von Kues sein, der etwa am Konzil von Basel auftrat und die Lehrsätze von der «Einheit in der Vielfalt» oder vom «Zusammenfallen der Gegensätze» prägte. Der rhetorische wie politische Vorteil dieser Gedankenwelt: Signer reibt sich an den Widersprüchen nicht auf, sondern macht sie fruchtbar. Dies imponiert im Erziehungsdepartement, das sich hinter ihm als Gescheitesten im Umzug scharrt.

Signer ist jedoch kein Philosoph. «Im Herz bin ich Lehrer», sagt er. Mathematik, Biologie und Physik waren seine Fächer, die er an der Universität Basel studierte und die er unterrichtete, bevor er den Karrierelift bestieg und auf den obersten Knopf drückte. Seine ersten Lehrerstunden gab er zwei Wochen nach abgeschlossener Matur in Appenzell, wo er auch aufgewachsen war. Das Virus, Lehrer zu sein, war damit gesetzt, die Pläne, Medizin zu studieren, begraben.

Bildung ist seine Welt. Er räsoniert über die Schule als «Puppenhaus», als Reduktion des eigentlichen Lebens, künstlich aufgeteilt in Schulfächer. Kulturprojekte an Schulen seien das Praxisfeld der Schülerinnen und Schüler für den Alltag. Deshalb engagiere er sich auch für den Verein Literatur Basel (siehe unten). Signer referiert über die Veränderungen der Moderne, wie sich die Berufe immer mehr ausdifferenzierten, immer mehr Berufsgruppen an Schulen beschäftigt seien; nicht nur Lehrer, auch Heilpädagogen, Sozialarbeiter, selbst Köche für die Kantinen.

Seine eigene Rolle redet er klein. Die eigentlichen Treiber in der Schulpolitik seien anderswo. Früher sei es die Rekrutenbefragung gewesen, heute seien es die Pisa-Studien. Die Steuerung verlagere sich zudem immer mehr auf Bundesebene, gleichzeitig werde die einzelne, teilautonome Schule immer wichtiger. Signer entwirft erneut eine Welt der Pole, in der er beschreibend dazwischensteht. Er kokettiert, kein Bildungsmanager zu sein, kein Macher, eher der Vermittler. Er sagt selbst, er sei wohl «anachronistisch» in einem solchen Amt. Und sagt damit: Einen neuen Signer wird es nicht geben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1