Ihre Arbeitsplätze sind die Bahnhöfe und belebten Plätze in der ganzen Schweiz. Bei Hitze, Regen und Kälte sind sie die Ruhepole inmitten gestresster Menschen. Jeden Tag versuchen sie aufs Neue, das Strassenmagazin Surprise an die Leute zu bringen. Es gibt ihnen eine Perspektive. Hilft ihnen, wieder auf die eigenen Beine zu kommen – Fuss zu fassen in einer Gesellschaft, in der sie irgendwann aus unterschiedlichen Gründen den Boden verloren haben.

Ihre Geschichten erzählt das Buch «Standort Strasse», das der Verein Surprise herausgegeben hat. Es porträtiert fünf Frauen und sechzehn Männer. Armut, Alkohol, Drogen, Krankheit und schwere Schicksalsschläge ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Geschichten. Aber auch Stolz, Kampfgeist und der Wille, es trotz sozialer Not zu schaffen, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen – abseits der staatlichen Hilfe. Ihre Geschichten haben sie «Surprise»-Mitarbeiter und Journalist Olivier Joliat erzählt. Ganzseitige Porträtfotos vom Basler Fotografen Matthias Willi ergänzen die Texte. Den Ort für das Foto haben die Menschen selber ausgesucht, weil er ihnen etwas bedeutet.

Wegstecken und weiterleben

Für Fotograf Willi war die Arbeit am Buch bereichernd: «Mich hat es fasziniert, dass sich die Leute nicht unterkriegen lassen.» Obwohl sie von Sucht- oder Geldproblemen aus der Bahn geworfen wurden, habe er positiv denkende Menschen kennen gelernt. Menschen, zu denen er im Alltag kaum Kontakt hat und deren Geschichten er nicht kannte. «Es waren sehr unterschiedliche Begegnungen», sagt Willi. «Aber jede auf ihre Art speziell.» Die Geschichten haben ihn zum Nachdenken angeregt. Darüber, wie gewisse Leute wegen Kleinigkeiten tagelang niedergeschlagen sind und wie es den «Surprise»-Verkäufern gelingt, schwere Schicksalsschläge wegzustecken. Weiter zu leben. Nicht aufzugeben. Wieder und wieder.

Aber auch die aktuelle Asyldebatte bekommt im Buch ein Gesicht: Willi erzählt vom Eritreer Ghide Gherezgihier. Er lebt seit sieben Jahren in der Schweiz. Arbeiten darf er nicht – auf die B-Bewilligung, die dies ermöglichen würde, wartet er seit sieben Jahren. Er muss akzeptieren, dass sein Schicksal und das seiner Familie nicht in seinen Händen liegt. Solche Geschichten warfen beim Fotografen Fragen auf, die er sich bisher nicht gestellt hat: Wie ist es, wenn man seit sieben Jahren arbeiten möchte und nicht kann? Wie fühlt sich jemand, der in ständiger Ungewissheit lebt?

Buchdruck dank Crowdfunding

Die 21 Porträts in «Standort Strasse» werden ergänzt durch Fotos und Texte von früher. So fügen sich die Lebensgeschichten der Porträtierten zu einem Ganzen zusammen. Zusätzlich kommen in Gastbeiträgen zum Beispiel Rapper und Moderator Knackeboul oder Journalist Daniel Binswanger zu Wort. Sie beleuchten den gesellschaftlichen Nutzen des Strassenmagazins oder hinterfragen den heutigen Lebensstil, der gewisse Menschen an den Rand der Gesellschaft drückt.

Dass das Buch überhaupt gedruckt werden konnte, liegt auch an den 169 Unterstützern, die auf der Crowdfunding Plattform wemakeit.ch für das Buch gespendet haben. 22 869 Franken sind so zusammengekommen.

«Standort Strasse» per sofort erhältlich, 152 Seiten, 29 Franken

Fotoausstellung heute Dienstag, 22. September, 18.30 Uhr, Stadthaus, Basel

Buchvernissage Donnerstag, 24. September, 18.30 Uhr, Projektraum M54, Mörsbergerstrasse 54, Basel