Basel

Die geteilte Stadt am Wasser

Das Rheinschwimmen wird zum politischen Statement – und kaschiert gleichzeitig die Grenzen, die Basel in zwei Teile spalten.

Das Rheinschwimmen wird zum politischen Statement – und kaschiert gleichzeitig die Grenzen, die Basel in zwei Teile spalten.

Im Sommer herrschen in Basel Friede, Freude, Freiheit. Dem Rhein und dem Rheinschwimmen sei Dank. Wir sollten uns aber nicht täuschen lassen: Basel ist eine geteilte Stadt. Hier die wirklich liberalen Kräfte, auf der anderen Seite vereint die Etatisten und die Moralapostel. Eine Tour d’Horizon.

Z Basel an mym Rhy. Mich hat das besitzergreifende Pronomen in diesem Liedchen schon immer sehr gestört. Was heisst schon «mym» im Bezug auf ein fliessendes Gewässer? Dieser Fluss wurde schon sehr oft von sehr verschiedenen menschlichen Strömungen vereinnahmt, und es waren meist keine guten Strömungen. Wo die Wacht am Rhein erklingt, jo, dert möcht i nit sy!

In den vergangenen Jahren habe ich mit noch empfindlicheren Ohren zugehört, wenn diese musikalische Ode an die Basler Selbstverliebt- und Selbstbezogenheit erklang. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Rhein als Lebensraum wieder entdeckt wurde. Er ganz «en vogue» ist. Wickelfische im Wasser, Fleischsalat am Ufer. Mediterranisierung. Nutzung des öffentlichen Raums. Die Hauptader der Stadt. Ein Schlagwort am anderen. Basels grosse neue Freiheit. Oder, um es nochmals mit Johann Peter Hebel zu sagen: «Nai, was seht me Herre stoh/Nai, was seht me Jumpfere goh».

Ich habe mich gefragt, und tue es noch immer: Stimmt das wirklich? Was verbirgt sich dahinter, wenn die Städterinnen und Städter, jegliche sozialen Unterschiede und solche des Alters negierend, sich wie in einem Wasserballett den Bach hinunter treiben lassen und halbnackt wieder das Ufer hinauf spazieren, um einen neuen Anlauf zu nehmen? Sind alle Dämme gebrochen, alle Unterschiede weg?

Stillstand in den Neunzigern, dann plötzlich eine Explosion

Als Student in den neunziger Jahren empfand ich Basel als lustlos, uninteressant, spiessig und irgendwie leer. Ausgepowert von den ideologischen Kämpfen der Achtzigerjahre, die Jugend entsprechend müde, der Kanton ständig klamm, die kulturellen Institutionen orientierungslos und die Stadt in der Zeit der Fusion der Ciba-Geigy und der Sandoz zur Novartis unsicher darüber, ob die chemische Industrie überhaupt eine Zukunft haben würde. Die Menschen am und im Rhein liessen sich an einer Hand abzählen. Geruch und Farbe von «Schweizerhalle» waren allen noch präsent. Wer sich als junger Mensch ins Nachtleben stürzen wollte, fiel wie in einen halbleeren Swimming Pool: Ein Sprung ins «Klingeli» oder ins «Gifthüttli», den einzigen Beizen mit Bewirtung zur späten Stunde, war hart und selten befriedigend.

Mittlerweile lässt sich dieses Bild des Stillstands in den Neunzigern immer mehr mit historischen und auch statistischen Fakten erhärten. Zum Beispiel mit der Stadtflucht. Zwischen 1990 und 2000 verliessen mehr als 10 000 Bewohner diese Stadt, die meisten wohl in Richtung Agglomeration. Der Anteil der älteren Menschen stieg an, neue Wohnungen entstanden kaum.

In den folgenden zwei Jahrzehnten dann der grosse Aufbruch. Wieder mehr Menschen zieht es in den Stadtkanton. Wohin sind wir seither aufgebrochen? Zu einer viel lebendigeren Stadt, deren Bevölkerung wieder auf über 200 000 Menschen angewachsen ist. Die immer internationaler wird, in der es Restaurants und Clubs gibt, die lange nach Mitternacht noch geöffnet sind. Wo gebaut und investiert wird und der Strukturwandel sich an den zahlreichen Entwicklungsgebieten ablesen lässt. Wo die Feldbergstrasse, beispielsweise, trotz Verkehr und Lärm nur so strotzt vor Innovation und Elan, mit einer Mischung zwischen jungen Designläden, türkischen Gemüsehändlern und gestylten Bars. Wo man mit Easyjet, wenn gewünscht und nötig, innert kürzester Zeit fast jede auch nur halbwegs bedeutende Destination in Europa erreicht – auch gute Fluchtmöglichkeiten tragen zur Qualität eines Orts bei. Und wo Alt und Jung eben im Rhein schwimmen geht.

Die Zweiteilung des Basler Jahreskalenders

Doch das ist nur die eine Seite der schönen, neuen Basler Stadtmedaille. Die Antithese dazu ist die Vorfasnacht, die Fasnacht und die Nach-Fasnacht. Wir reden, grob gesagt, von der ersten Hälfte eines Jahres. Eigentlich können wir von einer Zweiteilung des Basler Kalenders sprechen. Nach Weihnachten geht es los mit den ersten Vorfasnachtsveranstaltungen. Ab Januar treten sie gehäuft und sehr, sehr dicht auf, es folgt der Vogel Gryff und irgendwann der Aschermittwoch als höchster Tag der Grossbasler Herrenzünfte, und alle fiebern schon dem Morgestraich entgegen, den «Drey scheenschte Dääg». Dann, in der anschliessenden Katerstimmung, folgen noch die Bummelsonntage. (Als kleines Mimpfeli findet im Sommer noch das Basel Tattoo statt , aber von dem soll nun hier keine Rede sein).

Das ist Teil 1 des Basler Jahres, in sich gekehrt, auf sich bezogen und mit berechenbaren Ereignissen und vorhersehbarem Ergebnis. Diese Phase beginnt früher als früher, und das deutet darauf hin, mit wie viel Kraft die Tradition und das Brauchtum ihrem Gegenpart entgegentreten möchten. Ihr Ende kommt mit der Osterzeit, wenn die Tage wieder länger werden und das Wetter etwas stabiler ist. Die Traditionalisten ziehen sich dann in ihre Zunfthäuser und ihre Cliquenkäller zurück. Sie beginnen mit der Arbeit an Teil 1 des folgenden Jahres. Und draussen, in den Strassen und auf den Plätzen, in den Cafés und Parks und vor allem am Rheinbord, da beginnt Teil 2. Spätestens im Juni mit der Kunstmesse Art Basel.

Der Rheingraben zwischen Gross- und Kleinbasel

Dann sitzen auch wieder die Gäste des Trois Rois dicht gedrängt auf der einzigartigen Terrasse bei der Mittleren Brücke. Das nobelste Basler Gasthaus steht sinnbildlich für diese Zweiteilung des Basler Kalenders: Die Verkleidung der Drei Königsfiguren in drei Waggisse am Blumenrain jeweils im Februar oder März ist ein wahrhaft bedeutsames Ereignis für Traditionalisten; das weltgewandte Fünf-Sterne-Plus-Haus schrumpft für einige Zeit auf lokale Brauchtumsgrösse zurück.

Die Gäste, welche der Verkleidungsvernissage beiwohnen, sind keine hippen und trendigen Weltreisenden wie an der Art Basel, sondern 20. Jahrhundert-Kapazitäten vom Schlag eines Arthur Cohn, Thomas Borer oder Roger Brennwald, Urs Gribi senior. Es melden sich die Geister von Grossbasel, und ein paar Schritte weiter unten streckt der Lällekönig seine Zunge in Richtung «minderes Basel», auch wenn diese berühmteste aller Basler Zungen sich längst nicht mehr bewegen kann.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel findet sich eine ebenso sinnbildlich zu deutende Baustelle: Am Fischmarkt wird der Sitz des Amtes für Umwelt und Energie gebaut. Von der Stimmbevölkerung in einer Referendumsabstimmung gutgeheissen, also demokratietechnisch alles makellos gelaufen. Aber man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: «Amt für Umwelt und Energie». Klingt planwirtschaftlich, mindestens aber sehr technokratisch. Ist es auch. Es handelt sich um eine Dienststelle mit mehr als 70 Mitarbeitern, dem Departement für Wirtschaft und Umwelt angegliedert. Dort gibt es Leute, die für die Abfallbewirtschaftung zuständig sind, für die Abfallkontrolle, für den Lärmschutz, für die Rheinüberwachung und für alles, was mit Energie zu tun hat.

Die Wächterin über die Mediterranisierung

Es spricht Bände, dass dieses Amt von seinem jetzigen Sitz im Basler Hafen an den Fischmarkt zügeln wird. Etwas überspitzt formuliert ist das Amt für Umwelt und Energie die eine geheime Macht, die staatliche Wächterin über die Mediterranisierung der Stadt. Die wummernden Bässe der Clubs auf der Klybeck-Insel finden sich ebenso im Aufgabenheft wie die Kontrolle über die Mehrwegbecher der Stände am Weihnachtsmarkt in der Rheingasse. Und natürlich die Überwachung der Rheinwasserqualität. Nun zieht dieses Amt aus einem Entwicklungsgebiet mit grossem Potenzial (dem Hafen) in ein grossbürgerliches Umfeld (dem Fischmarkt), gleich gegenüber vom Spiegelhof, wo die Gesetzeshüter der Polizei ihren Hochsitz haben. Wenn das kein symbolischer Akt ist!

Er verdeutlicht eine grosse, ja die grösste Herausforderung dieser Stadt: Es wird alles dichter, enger, quirliger, vielschichtiger, unberechenbarer. Linke Etatisten und rechte Moralapostel fürchten um das Wohlsein in der Stadt und erreichen in einer unheiligen Allianz eine Politik der Reaktion. Quer über die Parteigrenzen hinweg. Oder anders, überspitzt gesagt: Vom Grossbasel aus wird die Entwicklung dieser Stadt, die vor allem im Kleinbasel stattfindet, zu kontrollieren versucht. Sicherheitspolitik, Regulierung, Umweltschutz. Es ist schon bemerkenswert und deutet auf Nachholbedarf, mit wie viel Power dieser staatliche Steuerungsprozess vorangetrieben wird.

Ein Blick in den «Kantonalen Teilrichtplan Energie», der erst vor wenigen Tagen in die Vernehmlassung geschickt wurde, zeigt das ganze Ausmass. Es ist ein Monster, welches selbst jenem Leser die Energie raubt, der eine Wende in der Energiepolitik hin zur völligen Erneuerbarkeit grundsätzlich befürwortet.

Für Investoren und Bauherren wird das aus dem Richtplan resultierende Regelwerk eine immense Herausforderung. In Kombination mit den so oder so schon komplexen Bauvorschriften und dem gut ausgebauten Mieterschutz wird sich vor jedem potenziellen Investor eine Wand aufbauen, die er nur mit viel gutem Willen und einer grossen Renditeaussicht einreissen oder überwinden kann. Selbstverständlich ist das alles wiederum bestens legitimiert und gut begründbar: Das Basler Stimmvolk hat seinem Wunsch nach mehr staatlicher Kontrolle in einem Markt, der sich in den vergangenen Jahren überhitzt hat, mit der Annahme von vier linken Initiativen deutlichen Ausdruck verliehen.

... dann hätte Basel ein wirkliches Problem

Aber es geht eben weiter, viel weiter. Da wird tatsächlich von linker Seite ein Vorkaufsrecht der öffentlichen Hand auf Immobilien gefordert – und die öffentliche Debatte bleibt weitgehend aus. Wie bitte? Entweder wird der Vorstoss aus den Reihen des Mieterverbands als komplett illusorisch und deshalb nicht der Rede wert betrachtet. Oder der Wunsch nach Steuerung der Wohnungspolitik ist so stark und tief verankert, dass dies für viele eine ernsthafte Option ist. Aber dann hätte Basel ein wirkliches Problem.

Die Transformation des ehemaligen Novartis- und BASF-Areals im Klybeck wird zeigen, ob die Behörde im Verbund mit Investoren eine gute Mischung hinbekommen wird. Eine Mischung, mit der die hier aufgestellte These der Teilung der Stadt dereinst überwunden werden kann: Eine Mischung aus öffentlicher Nutzung für Jung und Alt und privaten Rückzugsräumen, eine Mischung aus günstigem Wohnen und nobleren Residenzen, eine funktionierenden Mischung aus Gewerbe und Wohnen.

Welche Probleme hat das grosse Basel dagegen! Das Trauerspiel um die Neugestaltung und (Wieder-)Belebung der Freien Strasse ist symptomatisch für die Grossbasler Misere generell. Ob neue Bäume, ein neuer Strassenbelag oder irgendwelche zusätzlichen Verkehrsmassnahmen: Keiner dieser Eingriffe wird etwas bringen. Die einstige Einkaufsmeile ist strukturell kaputt, traditionelle Läden haben sich längst verabschiedet oder verabschieden müssen. Schuld daran sind gierige Immobilienbesitzer, deren Mietzinse sich nur Allerweltsketten leisten können, sowie das Internet und die damit verbundenen Einkaufsmöglichkeiten.

Ein Lichtblick wird sicher das neue Stadt-Casino. Seine Vergrösserung und die Verlagerung des Haupteingangs an den Barfüsserplatz werden für die nötige Belebung sorgen. Dann muss aber zwingend ein nächster Schritt folgen: So, wie sich heute dieser Platz präsentiert, könnte er gleich gemeinsam mit den legendären Telefonkabinen ins Historische Museum verlagert werden. Der «Barfi» ist achtziger Jahre pur: Die Sitzbänke sind siffig, Lampen und Geländer verklebt, Mauern verdreckt. Kein Grund, sich auch nur mehr als ein paar Minuten dort aufzuhalten.

Die Entscheidung für eine Seite des Flusses

Also fliehen wir doch zurück an den Rhein. Es ist herrlich, ins kühle Nass zu springen. In ein Element, das sich jeder Besitzergreifung durch Menschen entzieht. «My Rhy» gibt es nicht. Es ist unser aller Rhein. Eine Zeitlang überdeckt der Rheinspass die Tatsache, dass jeder sich irgendwann für eine Seite entscheidet oder entscheiden muss: fürs Gross- oder fürs Kleinbasel. Einige der Schwimmer auf unserem grossen Foto links haben sich, wenn man genau hinschaut, klar für eine Seite entschieden: Sie plädieren mit einer Aufschrift auf einer Luftmatratze dafür, dass grossbürgerlich motivierte Ozeanium des Zoologischen Gartens zu versenken. Hätte es noch eines besseren Beweises für die geteilte Stadt bedurft?

Am schönsten wäre es doch, sich einfach treiben zu lassen. So wie die Expats, deren Mehrheit sich nicht dafür zu interessieren scheint, was in der Stadt gesellschaftlich, kulturell oder politisch läuft. Doch so funktioniert eine Stadt – und diese insbesondere – nicht.

Die Übersteuerung eines Prozesses bedeutet dessen Ende

Wir sollten die beiden Seiten der Stadt mit ihren unterschiedlichen Jahreskalendern einfach als das sehen und nehmen, was sie sind: einander nicht ausschliessende Facetten eines lebendigen Gemeinwesens. Man muss den Akteuren nur die Freiheit geben wollen, das erfordert Grosszügigkeit und auch Furchtlosigkeit.

Noch scheint Basel nicht ganz bereit dazu. Auch wenn das bunte Treiben am Rhein die Differenzen einige Wochen lang überdeckt. Oder, um im Bild von vorhin zu bleiben: Teil 1, das grosse, mächtige Basel, der Verbund zwischen altem Grossbürgertum und linksliberal orientiertem Verwaltungsapparat am «rive gauche» tendiert zur Übergriffigkeit auf Teil 2, das «mindere Basel», das lebendige Basel. Das Basel, das manchmal vielleicht etwas gar ungeschliffen daherkommt und manchmal in seinen Bestrebungen nach möglichst viel Freiheit etwas übermarcht.

Wer einen Prozess aber übersteuert, würgt ihn ab. Diese Gefahr ist in den vergangenen Jahren realer geworden. Und die wohlhabende Stadt, die ihre kulturellen und natürlichen Reichtümer teilen sollte, würde langfristig geteilt bleiben. Das wäre ein Armutszeugnis.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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