Wahlkampf
Die Gleichstellungskommission hadert mit ihrer Wahrnehmung

Kommissionspräsidentin Anette Stade wollte sich in dieser Zeitung erklären – und dann doch wieder nicht.

Benjamin Rosch
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Das erbetene Interview darf nicht erscheinen: Die Autorisierung fehlt.

Das erbetene Interview darf nicht erscheinen: Die Autorisierung fehlt.

Kenneth Nars

Die regierungsrätliche Gleichstellungskommission von Basel-Stadt hat gemäss Verordnung das Ziel, die Chancengleichheit von Frauen und Männern voranzubringen. Ihr Auftrag ist es unter anderem, die Öffentlichkeit für Gleichstellungsfragen zu sensibilisieren. Im Hinblick auf die Gesamterneuerungswahlen hat sie deshalb eine Wahlplattform erstellt, auf der Grossratskandidierende bezüglich ihrer Haltung zu Gleichstellungsthemen bewertet wurden. Wer sich beispielsweise für mehr Geld für Kindertagesstätten aussprach, erhielt einen höheren Prozentscore.

Als die Kommission vor vier Jahren ein ähnliches Projekt lancierte, blieb jenes fast ohne Beachtung. Nun setzte es Kritik vor allem aus bürgerlichen Kreisen ab, bevor das Ranking überhaupt richtig beworben wurde. Der Vorwurf, wie ihn sowohl «Primenews» als auch die «Basler Zeitung» wiedergaben, lautet, es handle sich um einen Eingriff in den Wahlkampf mit Steuergeldern. Diese Zeitung berichtete am Donnerstag darüber, dass auch Nicole Amacher, selbst Mitglied der Gleichstellungskommission, an der Wahlhilfe teilnahm – und dabei die volle Punktzahl erzielte.

Der Wunsch nach einem kritischen Interview

Noch bevor diese Zeitung den Artikel publizierte, hatte sich ein Mitglied der Gleichstellungskommission gemeldet. Die Berichterstattung der Konkurrenzmedien sei polemisch, hiess es. Dabei sei die Frage durchaus wichtig, ob sich eine staatliche Kommission in den Wahlkampf einmischen dürfe. Darüber, so das Mitglied der Gleichstellungskommission, sei eine Grundsatzdebatte zu führen.

Dem Wunsch nach einem – explizit auch kritischen – Interview kam die Redaktion gerne nach. Die «Schweiz am Wochenende» traf sich am Donnerstag mit Anette Stade, Präsidentin der Gleichstellungskommission. Es wurde vereinbart, dass Stade über die standardmässige Autorisierung des Gesprächs hinaus die Möglichkeit erhält, Details nachzureichen. Knapp vier Stunden später war das Gesagte abgetippt und zur Autorisierung an Stade verschickt.

Nicht ohne den Hinweis: Es handle sich um ein stark gekürztes Transkript, die Möglichkeit zur Ergänzung bestünde nach wie vor. Gleichentags traf die autorisierte Version des Interviews auf der Redaktion ein. Im Begleittext äusserte Anette Stade ihr Bedauern, dass die ganze Thematik reduziert behandelt wurde. Dabei ist es normal, dass Interviews in Zeitungen in gestraffter Form wiedergegeben werden. Stade erklärte jedoch, unter diesen Umständen auf gewisse Aussagen zu verzichten, die nun ihrer Ansicht nach in der Verkürzung aus dem Kontext fallen würden. Dieses Vorgehen ist nicht unüblich: Bei einem mündlich geführten Interview ist es oft so, dass bei der Übersetzung in Schrift einige Unklarheiten entstehen. Inhaltlich hatte sich Stade auch in der autorisierten Form des Interviews auf den Standpunkt gestellt, die Kommission habe mit dem Ranking gar keine Wahlempfehlung ausgesprochen. Sinngemäss lautete ihre Überlegung: Ein Wähler oder eine Wählerin, die der Gleichberechtigung selbst einen geringeren Stellenwert einräumt, wäre von einem Kandidaten oder einer Kandidatin angesprochen, die ein tiefes Ranking ausweise. Diese Passage empfand Stade im abgetippten Interview als aus dem Zusammenhang gerissen. Im Verlauf des Gesprächs räumte Stade hingegen ein, dass die Präsentation der Umfrage nicht ideal sei und es kommunikative Mängel gegeben habe. Bevor die definitive Form des Interviews bereinigt werden konnte, verfasste Stade am Freitagmorgen ein weiteres Mail. Die kurze Botschaft: Sie könne nicht hinter dem Interview stehen, die Autorisierung sei zurückgezogen. Das Interview, worum die Gleichstellungskommission selbst gebeten hatte, erscheint damit nicht.

Die «Schweiz am Wochenende» bedauert den Vorfall, hat sich aber entschieden, die Geschehnisse transparent zu machen.