Im oberen Teil der Grabstele prangt eine Einbuchtung. Ein Fehler in der Produktion? Nicht ganz: Die kleine Unregelmässigkeit gehört zum Naturstein, aus dem die Grabstele geschaffen wurde. Der Stein kommt aus der Region, denn es handelt sich um Liesberger Kalkstein, den Lieblingsstein von Bernhard Haering. Der Basler ist einer der Bildhauer, die am Freitag auf dem Friedhof Hörnli eine der jährlich fünf Grabmalauszeichnungen des Kantons Basel-Stadt gewonnen haben.

Die Auszeichnung wird seit 20 Jahren verliehen, für Grabmäler, die sowohl künstlerisch als auch handwerklich aus der Masse hervorstechen. Ein ruhiger Wettbewerb, der einzigartig ist in der Schweiz. «Es ist ein Zeichen gegen Massenprodukte, ein Plädoyer für individuelle Grabmäler», sagte Regierungsrat Hans-Peter Wessels an der gestrigen Preisverleihung. Pro ausgezeichnetes Grabmal gibt es 500 Franken für die Bildhauer.

Über 250 Grabmäler bewertet

Die Jury bewertete jene Grabsteine auf dem Friedhof Hörnli, die der im Jahr 2013 verstorbenen Menschen gedenken. Die Jury, bestehend aus einem Bildhauer, zwei Künstlern und einer Architektin, nahm sich diesen Sommer einen Tag Zeit, um die über 250 zur Auswahl stehenden Grabmäler zu begutachten. 15 Grabmäler kamen dann in die engere Auswahl. Die Grabmäler sollen auffallen, aber nicht in einer aufdringlichen Art. Obschon individuelle und spezielle Grabsteine schon länger möglich sind, ist der Trend hin zu sehr individuellen Grabsteinen noch nicht sehr alt.

«Vor einigen Jahrzehnten war es noch wichtiger, überhaupt einen Grabstein zu haben. Sonst wurde man zum Gespräch anderer Leute. Ganz nach dem Motto: ‹Hast Du gesehen, der hat noch keinen Grabstein!›», erklärt Stefan Mesmer, Bildhauer und Jurymitglied. Heute gilt eine andere Devise: «Ein Friedhof ohne kreative Grabsteine ist wie eine Oper ohne Bühne», sagt Marc Lüthi, Leiter Bestattungswesen bei der Stadtgärtnerei.

Friedhof sorgt für Artenvielfalt

Auf dem Friedhof Hörnli findet man aber nicht nur viele einzigartige Grabsteine – auch der Friedhof ist einzigartig. Nicht nur, weil es sich um den flächenmässig grössten Friedhof der Schweiz handelt. Laut Angaben der Stadtgärtnerei zählt der Friedhof rund 37 000 Gräber – aber auch viele verschiedene Pflanzen. Deren Artenvielfalt wurde gerade erst kürzlich gezählt. So wachsen auf dem Friedhofsgelände 38 verschiedene Gehölze, von denen derzeit das Laub fällt. Und der Friedhof bietet auch viele Arbeitsplätze: 35 Mitarbeiter sind hier beschäftigt.

Doch heute ist es nicht mehr jedermanns Sache, auf dem Friedhof bestattet zu werden. Darauf wies auch Regierungsrat Wessels in seiner Ansprache hin. Er betonte, wie wichtig es sei, dass man für die Trauer einen konkreten Ort habe mit einem würdigen Grabstein. «Kürzlich habe ich mit einem Mitarbeiter gesprochen, dessen Mutter verstorben ist. Es war ihr Wunsch, dass ihre Asche in den Rhein gestreut wird», so Wessels. Eine schöne Bestattungsart, gerade in Basel. «Doch der Mitarbeiter hat einen konkreten Ort vermisst, an den er sich für die bewusste Trauer zurückziehen kann», so Wessels. Ein Ort eben, wie es ein Grabstein ist.

Die gestern ausgezeichneten Grabmäler werden nun auch in der neuen Broschüre «Beispielhafte Grabmäler» gezeigt, die die Stadtgärtnerei jedes Jahr herausgibt. «Mit der eigenständigen Formgebung fällt die Skulptur auf, ohne aufdringlich zu wirken», heisst es in der Broschüre zu der von Bernhard Haering gefertigten Grabstele. Mit der Broschüre will die Stadtgärtnerei zeigen, dass auch innerhalb der vorgegebenen Normen eine grosse Vielfalt von Grabmälern möglich sind. Und Normen gibt es in der Tat viele: Die Stadtgärtnerei muss jedes Grabmal bewilligen. Und die Friedhofsordnung des Kantons Basel-Stadt hält fest, dass als Materialien für Grabmäler neben Holz und Metall nur Natursteine europäischer Herkunft erlaubt sind.

Diese Vorgabe erfüllen die Bildhauer aber gerne: Sie lieben es, mit einheimischen Steinen zu arbeiten. Ein weiterer ausgezeichneter Grabstein ist zum Beispiel aus Muschelkalk gefertigt, der aus Mägenwil im Kanton Aargau stammt.

Die diesjährigen Gewinner der Grabmalauszeichnung des Friedhofs Hörnli:

Caroline Bachman, Steinmaur ZH und Raphael Hilpert, Riehen; Felix Forrer, Basel; Bernhard Haering, Basel; Niklaus Mohler, Rheinfelden AG; Monika Sandmeier, Möhlin AG.