Religion
«Die Gräueltaten von Isis und al-Kaida vernebeln den Blick auf den Islam»

Der Ton gegen den Islam hat sich seit den Gräueln des IS verschärft. Islamwissenschafter Edward Badeen versucht, Vorurteilen Fakten entgegenzusetzen.

Thomas Brunnschweiler
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Edward Badeen, Professor für Islamwissenschaften, auf dem heimischen Sofa in Basel

Edward Badeen, Professor für Islamwissenschaften, auf dem heimischen Sofa in Basel

Roland Schmid

Seit den Gräueln des IS hat sich der Ton gegen den Islam verschärft. Pegida, Brandanschläge auf Moscheen, verbale Pauschalattacken: Es ist die Stunde der Scharfmacher. Wie geht ein christlicher Islamwissenschaftler mit der Situation um? Die bz hat mit Edward Badeen aus Basel gesprochen.

Herr Badeen, Sie sind Palästinenser, Christ und Islamwissenschafter – ein spannendes Profil. Wie geht es Ihnen derzeit, wenn Sie auf die Islamdebatte schauen?

Edward Badeen: Ich finde es sehr traurig, dass von Pseudo-Wissenschaftlern Äusserungen gemacht werden, um die eigene Tradition reinzuwaschen, indem sie etwa sagen, wir Christen hätten die bessere Religion. Es wird behauptet, die Menschenrechte stammten aus der judäo-christlichen Tradition. Das stimmt nicht, die christliche Tradition hat Antisemitismus und Inquisition hervorgebracht und die Menschenrechte sind Resultat der Revolution gegen die Herrschaft der Kirche. In den Konfessionskriegen des 17. Jahrhunderts kamen in Europa Millionen von Menschen um. Das waren weder Isis noch al-Kaida, sondern Christen gegen Christen. Zu sagen, der Islam sei eine böse Religion, ist total daneben. Apropos Toleranz: Wenn der Islam nicht tolerant wäre, gäbe es im Nahen Osten überhaupt keine Christen mehr. Umgekehrt wurde der Islam vom Judentum und vom Christentum nie anerkannt. Wenn man etwas kritisieren will, soll man die Taten verurteilen, aber nicht die Religion, die für politische Zwecke missbraucht wird.

Ein katholischer Pfarrer hat die These geäussert, es gebe keinen moderaten Islam, nur moderate Muslime. Was sagen Sie dazu?

Dieser Pfarrer sollte in Matthäus 7 lesen: «Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?» Wo war etwa das moderate Christentum in den Religionskriegen? Da hiess es: «Liebet eure Feinde, aber nicht, wenn es Katholiken sind» oder «Liebet eure Feinde, aber nicht, wenn es Protestanten sind.» Wir dürfen nie vergessen, dass die griechisch-römische Kultur, auf der die Moderne steht, durch die Übersetzungen der Araber in der islamischen Kultur bewahrt wurde. Man unterrichtete in Europa nach dem grossen Arzt Avicenna. Und Averroes begründete die analytische Theologie. Die moderne Mathematik und der Computer basieren auf den Erkenntnissen der islamischen Wissenschaften.

Es gab also Epochen, in denen der Islam zivilisatorisch dem sogenannten christlichen Abendland überlegen war?

Im Mittelalter herrschte im muslimischen Raum das goldene Zeitalter. Toleranz war selbstverständlich, wie es auch im Koran heisst: «Es gibt keinen Zwang im Glauben» (256,2). Christen und Juden zahlten als «Schutzbefohlene» (Dhimmi, «die in unserem Gewissen, unter unserem Schutz stehen») gerne Tribut, weil sie dadurch vom Militärdienst befreit wurden. Al Andaluz auf der iberischen Halbinsel war eine der grössten kulturellen Verbindungspunkte, wo Muslime, Christen und Juden studierten. Andere Zentren, in denen Mathematik, Astronomie und Medizin blühten, waren Kairo, Bagdad und Damaskus.

Man hat den Eindruck, angesichts des IS-Terrors werde der Diskurs einseitig von der Gewaltthematik bestimmt. Professor Martin Rhonheimer schrieb in der NZZ: «Die islamische Theologie besitzt keine argumentativen Ressourcen, um das Vorgehen des IS als ‹unislamisch› zu verurteilen.» Wie plausibel wirkt diese Argumentation auf Sie?

Absolut unplausibel. Offenbar beherrscht Rhonheimer das Arabische nicht, sonst würde er in Zeitungen lesen und im Fernsehen hören, wie islamische Gelehrte das Vorgehen des IS aus dem Koran heraus verurteilen. Solche Artikel sind raffinierte Versuche, das Christentum als überlegene Religion darzustellen. Die Gefahr besteht darin, dass einfache Menschen durch solche Äusserungen aufgehetzt werden. Eine ähnliche Wirkung erzielen Möchtegerne-Muslime, die alles an sich reissen wollen und im Namen Gottes sprechen. Jeder kann die Theologie einer Religion missbrauchen. Natürlich ist es normal, dass man angesichts dieser brutalen Taten wütend wird. Die Täter müssen bestraft werden. Aber deshalb darf man nicht alle Menschen einer Religion beleidigen. Das führt nur zu gegenseitiger Konfrontation.

Oft hört man die Meinung, dass sich die Muslime im Westen zu wenig von der Gewalt des IS distanzieren. Ist das wirklich so?

Man vergisst: Die meisten Opfer dieses Fanatismus sind selbst Muslime. Bei uns will man von allen Muslimen eine Entschuldigung nach dem Motto: «Ihr seid schuldig, weil ihr Muslime seid». Was soll das? Kann man von den Amerikanern erwarten, dass sie sich pauschal entschuldigen für das, was der Präsident im Irak an Ungerechtigkeit verursacht hat?

Gibt es in der Schweiz echte Gefahren, die von radikalen muslimischen Gruppierungen ausgehen und wie sollte sich die Mehrheit der Muslime verhalten, ohne sich für von anderen begangenes Unrecht rechtfertigen zu müssen?

Nehmen Sie die Minarett-Abstimmung. Obwohl das Minarett ein vom Christentum übernommenes Bauwerk ist, das bei den Wahhabiten als unzulässige Innovation verpönt ist, wurde es in der Schweiz verboten. Die rund 350 000 Muslime blieben ruhig. Das ist der Beweis, dass die Gefahr nicht von der Mehrheit ausgeht. Aber die winzige radikale Minderheit würde grösser, wenn die Muslime pauschal diskreditiert würden. Wenn man alle Muslime verteufelt, erhält man einen Freipass, Übergriffe gegen sie und ihre Institutionen zu begehen.

Welchen Wunsch haben Sie für den Umgang der Presse mit dem Thema in diesem neuen Jahr?

Bitte keine Religion personifizieren! Es gibt weder den Islam noch das Christentum noch das Judentum. Verallgemeinerungen wären ein Bumerang, der auf uns zurückfällt. Man soll die unmenschlichen Taten, aber niemals die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verurteilen. Hier ist Sensibilität gefragt.