Kunstraum Voltage

Die Grenzgängerin zwischen Kunst und Street Art: Ana Vujic ist gesellschaftskritisch

Ana Vujic zeigt zurzeit eine Gruppenausstellung in ihrem Atelier- und Kunstraum Voltage in Basel.

Ana Vujic zeigt zurzeit eine Gruppenausstellung in ihrem Atelier- und Kunstraum Voltage in Basel.

Die Freiheit der Kunst ist ein romantischer Traum: Frei von gesellschaftlichem Zwang frönen die Künstlerin und der Künstler ihrer Kreativität. Sie stehen ausserhalb gesellschaftlicher Normen und können deshalb ebendiese Normen kritisch hinterfragen.

Der Traum ist alt und er hat es in der Wirklichkeit schwer. Bereits der Jahrhundertkünstler Marcel Duchamp sagte in den 1960er-Jahren, der wahre Künstler der Zukunft werde im Untergrund arbeiten.

Ana Vujic kommentiert den Traum so: «Im klassischen Kunstbetrieb steht man unter sehr hohem Leistungsdruck. Schlimmstenfalls wird der Künstler zu einer Ich-AG –
inklusive Marketingagentur – um seinen Namen und sein Werk weiterzubringen. Das hat mit der Freiheit der Kunst nicht mehr viel zu tun.»

Die 38-jährige Serbin hat ihre eigene Strategie entwickelt, um ihre Freiheit zu bewahren. Sie sagt beim Besuch in ihrem Atelier in Basel: «Ich wollte nie von der Kunst leben.» Für sie soll Kunst nicht Geldströme, sondern Denkprozesse auslösen. Mindestens, denn sie sagt auch: «Kunst sollte nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft sein. Dann wäre sie ja nur ein Abbild der politischen und gesellschaftlichen Realität. Ich stelle sie mir mehr als einen Bagger vor, der die gängigen Denkmuster umgräbt.»

Aus der Besetzerszene in die Kunstwelt

Am Anfang ihres Lebens als Künstlerin stand aber dennoch die Über-Mutter des globalen Kunstmarkts, die Art Basel. Als Zehnjährige kam Ana Vujic aus einem serbischen Dorf nach Basel, von ihren Grosseltern zu ihren Eltern. Diese wohnten unmittelbar neben der Messe, und da es damals üblich war, dass die Anwohner Gratis-Tickets zur Art bekamen, erhielt die junge Ana Zugang zur Kunstwelt. Für ihre Eltern sei das eine total fremde Welt gewesen. Sie selbst ist dort durch politische und feministische Kunst angefixt worden.

Als Jugendliche verkehrte sie in der Häuserbesetzer-Szene. Anarchie lag in der Luft. Der Kapitalismus wurde zumindest an der Bar abgeschafft. Der Soundtrack dazu war der Punk. Vujic malte Konzertplakate, entwarf Tattoos, begann Schablonen für Street Art zu schneiden. Besetzte Häuser und Off-Spaces sind ihr auch heute noch wichtig. «Es braucht diese Freiräume, wo es um eine andere Art des Erlebens geht, das nicht kommerzielle Experiment.»
Sie selbst hat diesen Freiraum genutzt und sich mit ihren naturalistischen Motiven in der Street-Art-Szene einen Namen gemacht. Das theoretische Rüstzeug holte sie sich mit Studien in Medienwissenschaften, Kunstgeschichte und Pädagogik. Ihre Masterarbeit war politischer Kunst und Kunst ausserhalb von Institutionen gewidmet. Ihr Brot verdient sie als Kunstvermittlerin.

Vujic stellt ihre Arbeiten mittlerweile auch in Galerien und Kunsträumen aus. Es sind jedoch nicht dieselben Bilder, die sie illegal an Hauswände klebt. Für sie funktioniert der zurzeit modische Transfer von Street Art in Kunsträume schlecht. Es gehe darum, für Beides eine eigene Sprache zu entwickeln, sagt sie. «Im Aussenraum muss ich plakativ arbeiten. Für die Bilder im Kunstraum habe ich mehr Zeit. Und der gesamte Kontext des White Cube lässt auch mehr Komplexität zu.»

«Schliesslich geht es um die Freiheit der Kunst»

Vujic bewegt sich leichtfüssig zwischen Kunst und Street Art, auch wenn es recht verschiedene Welten sind. Der Kunstmarkt finde es super, dass sie auch Street Art mache, schliesslich schmücke man sich gerne mit etwas Underground. Die Kolleginnen und Kollegen von der Strasse jedoch sind gegenüber ihren Galerieauftritten kritisch. Die Szene findet, ihre Kunst verliere die subversive Kraft, sobald sie diese Schwelle überschreite.

Für Vujic sind es zwei Formen mit demselben Inhalt, auch wenn ihr Herz für die kollektive Aktion im öffentlichen Raum schlägt. Auf politische Wirkung zielen auch ihre anderen Arbeiten.
In der aktuellen Gruppenausstellung in ihrem Kunstraum Voltage (siehe Kasten) zeigt sie eine Arbeit zur Überwachungstechnik in China. Der Mensch als Datenträger und -lieferant, bewertet nach Social Skills. «Ich staune, wie wir solche Entwicklungen einfach hinnehmen, genauso wie ich darüber staune, dass eine mittlerweile grosse Partei in Deutschland vom ‹Entsiffen der Kulturbetriebe› reden darf, ohne dass es einen Aufschrei gibt. Schliesslich geht es um die Freiheit der Kunst!»

Vielleicht bewahrt sich Ana Vujic ihre Freiheit gerade auch deshalb: Auf Street Art hat die Politik keinen Zugriff.

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