Grenzverkehr
Die Grenzübergänge bei Basel sind nahe am Kollaps, doch alle schauen weg

Die Grenzübergänge bei Basel sind am Anschlag. Regelmässig staut sich am Morgen der Verkehr. Besonders schlimm ist die Situation, wenn sich Pendlerverkehr, Einkaufstourismus und Ferienverkehr überlagern. Niemand fühlt sich zuständig.

Moritz Kaufmann
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Ein normaler Morgen am Grenzübergang Saint Louis: Auf der Brücke stauen sich die Lastwagen, auf der Autobahn der Personenverkehr.

Ein normaler Morgen am Grenzübergang Saint Louis: Auf der Brücke stauen sich die Lastwagen, auf der Autobahn der Personenverkehr.

Moritz Kaufmann

Es ist ein ganz normaler Wochentag, kurz vor sieben in der Früh. Am Autobahnzoll Saint-Louis - dem dichtest befahrenen Grenzübergang der Nordwestschweiz - geht nichts mehr. Tausende von Autofahrern wollen in die Schweiz, viele von ihnen arbeiten hier. Sie bedrängen sich gegenseitig so sehr, dass es für niemanden mehr vorwärts geht. Verwaist ist dafür die Gegenrichtung nach Frankreich. Am Abend dreht sich das Bild: Wenn die französischen Pendler nach Hause fahren, bleibt der Verkehr in Richtung Norden stehen.

Verstopfte Zollanlagen

Folgende Grenzübergänge sind regelmässig von Staus betroffen:
Autobahnzoll Basel- Saint-Louis: Hier stauts morgens Richtung Schweiz und Abends Richtung Frankreich.
Autobahnzoll Basel-Weil: betroffen sowohl vom Pendler-, Einkaufstourismus-, als auch vom Transitverkehr.
Hiltalingerstrasse: Am beliebtesten bei Einkaufstouristen.
Hegenheimerstrasse: Leidet unter den Bauarbeiten am Luzernerring. (mkf)

Die Verkehrsachsen an den Grenzübergängen sind am Anschlag. Der Ausnahmezustand ist längst zur Regel geworden. Am meisten zu spüren bekommen das die Grenzwächter. «An den Zollanlagen haben wir keine Reserven mehr», sagt Grenzwach-Sprecher Patrick Gantenbein. Würden die Grenzwächter am Morgen noch systematische Kontrollen machen, würde sich gar nichts mehr bewegen: «Wir sind fremdbestimmt. Wir können nicht mehr tun als die Autos durchwinken», sagt Gantenbein. Prekär werde es, wenn es irgendwo in der Innenstadt einen Autounfall oder sonst eine Störung gibt und sich in der Folge die Autos rückstauen: «Dann steht alles still.»

Drei Ströme überlagern sich

«Früher hatten wir noch Margen», sagt Gantenbein. Der regelmässige Stau sei ein neues Phänomen. «Der Verkehr hat in den letzten Jahren zugenommen», meint der Grenzwächter. Drei Ströme zählt er auf:

• den Pendlerverkehr, der morgens in die Schweiz und abends aus der Schweiz hinausführt.
• den Einkaufstourismus, der am Freitagnachmittag und am Samstag am stärksten ist.
• den Ferienverkehr, der an diesem Pfingstwochenende sowie allgemein in der Sommersaison für verstopfte Strassen sorgt.

Schlimm wirds, wenn diese sich überlagern. «Es gibt gewisse Peaks, wo sich zwei oder alle drei Verkehrsströme überlagern», erklärt Gantenbein. Denn nicht nur die Grenzwache spürt die enormen Automassen, die täglich durch die Region Basel drängen. «Die tägliche Stausituation ist für die Polizei business as usual», sagt Meinrad Stöcklin, Sprecher der Baselbieter Polizei. «Es ist ein offenes Geheimnis: Es gibt immer mehr Fahrzeuge.» Er gibt unumwunden zu: «Wir sind oft nahe am Kollaps.»

Niemand fühlt sich zuständig

Richtig zuständig fühlt sich keine Behörde. Betroffen sind zwei Kantone und drei Länder. So sagt man in Basel-Stadt auf Anfrage: «Wir sehen kein Problem. Der Verkehr fliesst.» Beim Bundesamt für Strassen (Astra), welches die Verantwortung für die Autobahnen trägt, schiebt die Verantwortung zurück in die Region: «Der Verkehr auf den Autobahnen ist in Basel hausgemacht», sagt Sprecher Thomas Rohrbach. Es räche sich, wenn die Innenstadt für Autofahrer unattraktiv gemacht werde. «So verlagert sich der Verkehr auf die Nationalstrassen.»

Stauen tut es aber nicht nur auf den Autobahnen. «Der Autofahrer ist extrem sensitiv. Mit den GPS-Geräten weicht er schnell aus», sagt Gantenbein. Will heissen: Auch die Nebengrenzübergänge sind regelmässig verstopft. Eine weitere Schwierigkeit also für die Ordnungshüter: «Der Verkehr ist unberechenbarer geworden.» Eine praktikable Lösung für die alltägliche Stresssituation gibt es kaum, solange die Mobilität weiter zunimmt. «Man könnte anfangen, Ausfahrten zu schliessen, aber das ist extrem unpopulär», sagt Astra-Sprecher Rohrbach. Laut aussprechen will es niemand, doch insgeheim dürften alle wissen, dass die Ursache nur wirksam bekämpft werden kann, wenn die Autos öfter in der Garage stehen.