Wenn sich Bonsaifreunde über Bonsais unterhalten, steht die Welt still und sie kommen aus dem Schwärmen und Rühmen und Himmeln kaum mehr heraus. Und sieht man sie dann, die Bäume, springt sie einem entgegen, die Ästhetik von, nun ja: Holz und Blattwerk. Dass nun aber Bonsais mehr sind als kleingeratene Bäume in knorrigem Wuchs, beweisen die über 50 Mitglieder der Bonsaifreunde Dreiländereck. Einmal je Woche, immer samstags, treffen sie sich zum zwanglosen Zurechtschneiden, Ausdrahten und Abmoosen. Dann bringen sie ihre Schalen mit ihren Bäumchen, ihre Skizzen, nach denen sie ihre Pflanzen «formen» – und ihre Werkzeuge.

Lieber einheimische Bäume

Ein Bonsaifreund wie Ueli Ritschard, 69, nennt über 20 verschiedene Zangen sein Eigen, daneben Bürsten, Scheren, Haken; Werkzeug, eigens für die Bonsaizucht entwickelt. Ritschard ist Präsident des Vereins, der sich auch Moyogi nennt, eine Grundstilart der Bonsaizucht. Vor 25 Jahren schenkte ihm seine Frau seinen ersten Bonsai, ein Tropengehölz, das nach drei Monaten die Blätter warf und den Geist aufgab. «Der Baum war tot», erinnert sich Ritschard, «aber die Leidenschaft entfacht.»

Was Ritschard damals noch nicht wusste: Ein Bonsaifreund hält wenig von tropischen Bäumen als Dekoration in Schweizer Stuben. Ein Bonsai, sagt Roland Müller, auch er bonsaibegeistert, dass die Funken sprühen, müsse alles spüren: das Austreiben im Frühling, die Blüte, das Entblättern im Herbst, die Kälte des Winters. Darum stehen ihre Bonsais ganzjährig im Garten. Wo sie auch hingehören. Sagen sie. Hoch im Kurs stehen darum einheimische Gehölze, Fichten etwa oder Ahorne, Kiefern, Lärchen oder Wacholder. Und bisweilen blühende Schönheiten wie Azaleen oder Glyzinien. Auch Alpenrosen lassen sich zu Bonsais formen, Obstbäume – «ja», sinnt Ueli Ritschard: «eigentlich alles.» Trotzdem dächten noch heute viele, Bonsai wäre eine japanische Baumgattung in Töpfen.

Nun könnte man die Bonsaifreude der Bonsaifreunde als Hobby bezeichnen. Aber eigentlich ist es mehr als das. «Bei einem Hobby kann ich sagen: Heute habe ich keinen Bock. Das geht beim Bonsai nicht!», sagt Roland Müller. Denn der Baum braucht sein täglich Brot in Form von Wasser, den optimalen Lichteinfall, Dünger, Hege. Ein Bonsai – und jetzt schwärmen die Bonsaifreunde in vollen Zügen – ist ein Gestalten in vier Dimensionen, wobei die vierte das Lebewesen Baum an sich ist. Darum ist ein Bonsai ein lebenslanges Projekt, in das zahllose Arbeitsstunden fliessen.

Ein meditativer Akt

Mit Kupferdraht bringt man das Geäst in Form, ein langwieriger Prozess, der über Jahre dauert. Denn was wächst, strebt dem Licht entgegen. Das Bonsaigeäst allerdings wird bis in die äussersten Spitzen in Richtung Boden gedrängt, Kupferdraht umschlingt das Holz und bringt es in Form. Das geht bis hin zur sogenannten Kaskadenform, bei der die Äste unter Topfniveau dahinzufliessen scheinen.

Die Zucht von Bonsais ist ein meditativer Akt, den ein jeder in seinem eigenen Garten begeht. Doch immer samstags trifft man sich im Clublokal in Reinach, um gemeinsam den Bäumen zu huldigen, den Grill anzuwerfen, das Getane mit einem Bierchen zu beschliessen, die Kameradschaft zu leben, vor allem: sich auszutauschen. Denn ein Bonsaifreund ist ein Schwärmer, und Schwärmer teilen gern. Lucas Huber