Sooo weit weg ist das Mittelalter. Mindestens so weit, wie der legendäre Planet Coruscant aus dem Star-Wars-Epos. Oder der Holzstich der flachen Erdscheibe, an dessen Rand ein Wanderer ins Universum guckt. Solche Bilder haben unsere Vorstellungen vom Mittelalter – von knapp 1000 Jahren – geprägt. Und nicht nur die.

Hautnah erleben und schmecken und hören können wir das Mittelalter zumindest in der warmen Jahreszeit beinahe jedes Wochenende. Überall dort, wo Mittelaltermärkte Pilz spielen und ungefragt aus dem Boden schiessen. Das Eine hat so wenig mit dem Mittelalter zu tun, wie das Andere, kommt aber an – auch wenn diese Zeit vielleicht gar nicht interessiert, Hauptsache, wir schaffen’s mit dem Auto zum Event ...

Seit der Kindheit fasziniert

Aber: Da gibt’s diejenigen, die sich mit der Epoche auseinandersetzen – nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch. Und was die tun, das kommt eben auch an. Wie zum Beispiel Konzerte von und mit Benjamin Bagby. Der sitzt schon als 10-jähriger in seinem Bett in Evanston Illinois und liest den altenglischen Epos «Beowulf» auf Spätwestsächsisch. Das gibt’s wirklich.

Bagby macht noch heute Aufführungen in dieser Sprache und hat damit auf der ganzen Welt Erfolg. Aber der junge Benjamin liest nicht nur, er singt auch, er lernt Harfe, beschäftigt sich zusehends mit dieser Epoche, mit dem Leben, der Sprache, der Musik und ist von diesem Mittelalter immer stärker fasziniert.

Nach ersten Studien in den USA kommt der junge Mann in die Schweiz, nach Basel. Die Schola Cantorum, die Kaderschmiede für Alte Musik, versorgt ihn weiter mit dem Elixier Mittelalter. 1977, zum Abschluss seiner Studien, gründet er in Basel das Ensemble
Sequentia mit seiner Kollegin und langjährigen Partnerin, Barbara Thornton. Und diese Mittelalterband hat vom ersten Konzert an unglaublichen Erfolg. Die Musiker sprechen die Zuhörer an, und das nicht nur wegen der seltsamen Instrumente, die sie spielen.

Mittlerweile ist das alles gar nicht mehr so seltsam, auch die Musik, hat sich herumgesprochen, tut nicht weh, und inzwischen sind viele verschiedene Aufnahmen mit Sequentia entstanden. Geistliche Musik aus Klöstern zum Beispiel, oder eine komplette Aufnahme der Werke von Hildegard von Bingen, die nicht nur eine Drogerie betrieben hat.

Ein weiteres Thema, das Sequentia am Freitag, 17. März, in der Predigerkirche in Basel in einem Konzert behandeln wird, ist «Monks Singing Pagans», so heisst das Jubiläums-Programm zu 40 Jahre Sequentia. Das bedeutet übersetzt in etwa, Mönche singen Heidnisches: Lieder von Göttern, Helden und starken Frauen.

Wir erfahren: In den Klöstern wurde nicht nur die Bibel gelesen. Musik aus zirka 300 Jahren hören wir. Da gibt’s Verschiedenstes. Texte die von Odin und Christus erzählen, von Orpheus und dem Held Herkules. Oder Geschichten über Königin Kleopatra und die darbende Dido.

Ehrung für den Meister

Und nach dem Schlussapplaus darf nicht gleich der Mantel von der Garderobe geholt werden, denn dann bekommt Bagby für sein Lebenswerk einen kleinen, feinen Preis. Ihm wurde der Rema Early Music Award verliehen, ein Preis der vom Netzwerk für Alte Musik (Réseau Européen de Musique Ancienne) vergeben wird. Die sehr ansprechende und informative Dankes-
rede von Bagby ist bereits im weiten weltlichen Netz zu sehen und zu hören: vimeo.com/194966339 – da erzählt der Grandseigneur der ganz Alten Musik seine Sicht der Dinge, und wir merken, dass das Mittelalter sooo weit weg vielleicht doch gar nicht ist.

40 Jahre Sequentia: Freitag, 17. März, 19.30 Uhr, Predigerkirche, Basel.