Hintergrund Fall Ilias
Die Hilflosigkeit von Psychiatrie und Justiz bei Querulanten

Täterin Alice F., eine Querulantin, gilt als schuldunfähig, weshalb sie keine Freiheitsstrafe erhält, sondern die ordentliche Verwahrung. Bei einer stationären Massnahme wäre die Therapie von Alice F. im Vordergrund gestanden. Aber weshalb bringt diese Möglichkeit bei der Querulantin nichts?

Christian Mensch
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Eine juristische Niederlage werde als persönliches Übelwollen eines Richters oder einer Behörde gewertet. (Symbolbild)

Eine juristische Niederlage werde als persönliches Übelwollen eines Richters oder einer Behörde gewertet. (Symbolbild)

pixabay

Alice F. und ihr verstorbener Lebenspartner Rolf R. sind Querulanten, wie sie im Lehrbuch stehen. Sie haben sich krankhaft ins Recht verbissen und sehen sich ins Unrecht versetzt. Der forensische Psychiater Thomas Knecht beschreibt, wie sich eine solche paranoide Persönlichkeitsstörung dynamisch entwickelt: Nach aussen werden die Drohungen immer massiver, nach innen überformt die Krankheit die Persönlichkeitsstruktur.

Rund ein Prozent der Bevölkerung habe eine entsprechende Veranlagung, sagt Knecht. Es seien jedoch nur einige wenige Extremfälle bekannt, in denen es wie im Fall von Alice F. zur Tat kommt. Knecht nennt diese eine «groteske Ventilshandlung».

Am Ursprung eines Ausbruchs stehe meist ein «rechtliches Missgeschick», das krankhaft verarbeitet werde. Eine juristische Niederlage werde als persönliches Übelwollen eines Richters oder einer Behörde gewertet. Die Erfolglosigkeit führe nicht zur Einsicht, sondern verstärke bloss die Überzeugung, dass sich alle Instanzen verschworen hätten. Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlich ausgehandeltem und normiertem «Recht» und subjektiv empfundener «Gerechtigkeit» wird unmöglich.

Psychisch erleben die Querulanten die juristische Niederlage als eine «narzisstische Kränkung». Knecht stellt fest, dass bei auffällig vielen Querulanten «überdurchschnittliche juristische Kenntnisse» vorhanden seien, die es ihnen erlaubten, Eingaben um Eingaben zu machen. Wahnhaft wird die Erkrankung gemäss Knecht, wenn sich eine «unkorrigierbare Überzeugung» entwickelt, die für den Betroffenen zur «lebensbestimmenden Wirklichkeit» wird. Sie isolieren sich von der Gesellschaft, da ihre Ansichten von den gesunden Menschen nicht geteilt werden.

Zeit gewinnen und Schlimmeres verhindern sind das Ziel

Der Experte Knecht rät therapeutisch zu einem «interdisziplinären Vorgehen». Für den Mediziner gelte es bei einer wahnhaften Störung, «den Patienten vom Nutzen einer neuroleptischen Behandlung in niedriger Dosierung zu überzeugen». Was heisst: Die Patienten seien medikamentös ruhigzustellen. Alice F. lehnt dies ab. Für Knecht ist dies nachvollziehbar: «Querulanten wollen nicht gesunden, sondern Recht erhalten.»

Den Behörden rät der Psychiater einen «risikoarmen Umgang mit der Querulanz». Besonders wichtig sei es, den querulatorischen Tendenzen des Betroffenen nicht «durch unsachgemässe Reaktionen zusätzlich Nahrung zu geben». Nicht «Gewinn bringend» sei es, sie mit ihren falschen Vorstellungen zu konfrontieren. Auch Psychiater könnten nur moderierend wirken und darauf verweisen, dass Gerichte gar nicht anders handeln könnten, als wie sie handeln würden. Auf jeden Fall soll ein «gesichtswahrender Ausgang» aus der Situation gesucht werden. Anders gesagt: Justiz und Psychiatrie hätten auf Zeit zu spielen. Knecht sagt es offen: «Es gilt, Schlimmeres zu verhindern. Und darauf zu hoffen, dass Querulanten Ruhe geben, wenn ihre finanziellen Mittel und/oder ihre körperlichen Kräfte erschöpft sind.»

Die theoretische Anleitung wird in der Praxis bestätigt. Ein Basler Richter sagt, er wolle sich nicht öffentlich zu Querulanten äussern. Denn jede Äusserung von ihm würde unweigerlich dazu führen, dass Querulanten Ausstandsgesuche stellen und damit den Justizapparat weiter belasten würden.