Schammasch und der Basler Pop-Preis: Das passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Musikalisch ist der komplex arrangierte Avantgarde-Metal des Basler Quartetts wesentlich näher bei Ludwig van Beethoven als bei Popmusik – selbst wenn diese stilistisch grosszügig gefasst wird. «Wir fühlen uns geschmeichelt, und doch irgendwie deplatziert», sagt Schammasch-Leader C. über die Nomination für den Pop-Preis. Die Situation ist ja auch kurios: In ihrer Nische geniessen die Basler, die bei einem renommierten kalifornischen Label unter Vertrag sind, längst Heldenstatus. «Konzertbesucher haben uns geschrieben, unsere Musik habe ihr Leben verändert», berichtet der in Liestal wohnhafte C.

2016 spielten Schammasch am Roadburn-Festival im holländischen Tilburg ihre hochgelobte Triple-CD «Triangle» in voller Länge. In der alternativen Metal-Szene ist ein Auftritt am legendären Festival gleichbedeutend mit dem Ritterschlag. Für Anfang 2018 ist eine weitere Europa-Tour mit 20 Konzerten geplant. Im Juli zierte die Band das Cover des britischen Metal-Magazins «Terrorizer». Welche andere Basler Band hat Vergleichbares vorzuweisen? Dennoch sind sie in ihrer Heimatstadt eine Randerscheinung. Die Geschichte erinnert an die Zürcher Celtic Frost, die in den 80er-Jahren das Metal-Genre erneuerten und sogar von den ganz Grossen wie Metallica verehrt werden. In der Schweiz blieb die musikalische Revolution lange ohne adäquate Würdigung.

Schammasch mit Golden Light

Schammasch mit Golden Light

Die Band ist nominiert für den Basler Pop-Preis 2017.

«Zu schwarz für diese Stadt»

Im Falle von Schammasch hat es zumindest bei den Experten Klick gemacht. Die Band ist bereits zum zweiten Mal für den Pop-Preis nominiert und hat dieses Jahr laut Insidern gute Chancen, die 15'000 Franken Preisgeld tatsächlich abzuräumen. Es ist ein Wandel im Gange am Rheinknie. Erst vor Jahresfrist schrieb die «Tageswoche» über Schammasch und Co.: «Diese Musik ist zu schwarz für diese Stadt.» Gewiss: Der Soundtrack Basels ist seit Jahren der Indie-Pop in seinen unterschiedlichen Schattierungen. Mythologisch aufgeladener Weltschmerz, wie ihn die Black-Metaller von Schammasch verkörpern, wirkt fremd in der reichen Life-Sciences-Stadt mit seiner demonstrativ zur Schau gestellten Humanistentradition.

Doch mittlerweile lässt sich kaum mehr leugnen, dass Basel im Genre der langhaarigen Schwarzkutten internationale Klasse bietet. Schammasch-Kopf C. verweist auf Frederyk Rotter: Dessen Band Zatokrev bildet seit 15 Jahren ein Fundament der Szene. Als Chef des Labels Czar of Crickets ist Rotter zudem wohl dessen wichtigstes Bindeglied. Und dann ist da ja noch das gehypte Projekt Zeal & Ardor, das mit seiner aufregenden Mischung aus Metal und Gospel Farbe in die Szene bringt. «Ich würde heute nicht mehr sagen, dass Basel Metal-Wasteland sei. Die Szene ist viel aktiver als noch vor Jahren», konstatiert C.

Obwohl die harte Rockmusik längst in einen Mini-Kosmos an Spielarten und Herangehensweisen aufgefächert ist, hält sich hartnäckig das Klischee von Alkohol konsumierenden, Lärm produzierenden Proleten. Nun, Bier trinken C. und seine Kollegen gerne. Typisch Metal ist zudem, dass Schammasch die Welt eher mit düsterem Blick betrachten. «Was wir mit unserer Musik zum Ausdruck bringen, ist als Gesellschaftskritik zu verstehen», sagt C. Das Bandmotto «Expressing Light Through Darkness» bedeutet für ihn, Negativität als Chance zu empfinden. «Viele Menschen wollen sich nicht mit negativen Gefühlen beschäftigen, weil das unbequem ist. Ich finde: Wir sollten diese Gefühle umarmen, denn sie sind oft der Anfang von Veränderung und neuem Leben.»

Steht C. geschminkt und in der Mönchskutte auf der Bühne, sieht das nach einer morbid angehauchten Performance aus. Doch C. stellt klar, dass in ihrem musikalischen Schaffen Authentizität alles sei. «Wir machen kein Theater – in keinster Weise». Dass die Bandmitglieder von Schammasch öffentlich nicht mit ihrem richtigen Namen auftreten und auf der Bühne die Gesichter verhüllen, gehöre zwar zum Gesamtbild und zur Mystik, die sich die Band im Laufe der Jahre aufgebaut hat. «Unsere Namen haben keine Bedeutung. Wichtig ist, was wir tun.» Ihr Schaffen drehe sich nicht um Persönlichkeiten, sondern um eine Botschaft.

Anti-These zur Ich-Gesellschaft

Das Erscheinungsbild und das künstlerische Wirken von Schammasch lässt sich durchaus als Anti-These zur Ich- und Ego-Gesellschaft interpretieren, wie sie auf Facebook und Co. zum Ausdruck kommt. Darauf angesprochen, gerät C. richtig in Fahrt: «In den sozialen Medien ist nur noch von Bedeutung, was Du darstellst. Sie verschleiern alles, was Du als Mensch eigentlich bist.» Dies sei wohlverstanden keine Technologiekritik. Die sozialen Medien würden bloss die heutigen Wertvorstellungen reflektieren. Von der Selbstdarstellung in den sozialen Medien ist C. «angewidert», wie er sagt: «Es geht nur noch darum, wer am lautesten rumschreit.» Bandkollege J. formuliert es etwas poetischer: «Die Internet-Plattformen bieten die Möglichkeit, Dich als einzigartigste Schneeflocke zu präsentieren. Das Problem: Die ist schnell geschmolzen – und dann ist überhaupt nichts mehr da.» Schwarzmaler wollen die Musiker indes nicht sein: «In unserer Gesellschaft gibt es viele positive Veränderungen: Das Umweltbewusstsein ist gestiegen, die Toleranz gegenüber anders Lebenden allgemein grösser geworden.

Schammaschs Botschaften sind der berühmte Stachel im Fleisch. Es versteht sich von selbst, dass eine Band mit dieser unbequemen Haltung und diesem unkonventionellen Erscheinungsbild nie Mainstream wird. «Wir sind Underground und das wird so bleiben», sagt C. ohne Verbitterung. Exoten – die womöglich bald mit dem Basler Pop-Preis ausgezeichnet werden. Auch wenn das für Schammasch nicht die Welt bedeutet: Sie würden sich über die Anerkennung freuen.

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Voting: Basler Pop-Preis 2017