Hutmacherin

Die Hüterin eines sterbenden Handwerks

Modistin Maria Hiepler in ihrem Geschäft in der Barfüssergasse. Ihre Hüte kosten im Schnitt zwischen 300 und 600 Franken, die Günstigsten weniger als 200.

Modistin Maria Hiepler in ihrem Geschäft in der Barfüssergasse. Ihre Hüte kosten im Schnitt zwischen 300 und 600 Franken, die Günstigsten weniger als 200.

Ein Beruf stirbt aus: Maria Hiepler bildet dieses Jahr die allerletzte Hutmacherin der Schweiz aus

Es muss in den Achtzigerjahren gewesen sein, als Maria Hiepler zum ersten Mal für eine Engländerin gehalten wurde. Sie war in Paris und wurde auf Englisch angesprochen. Weil sie einen Hut trug. «Sogar in dieser Modestadt waren Hüte derart aussergewöhnlich, dass die Leute das Gefühl hatten, ich komme direkt vom Pferderennen in Ascot», erzählt die 78-Jährige. Sie sitzt in einem weiten, weiss-beigen Sessel in ihrem Hutgeschäft «Chapeau» mitten in der Basler Innenstadt. Vor 35 Jahren hat sie es eröffnet, vis-à-vis liegt das Literaturhaus, nebenan die Barfüsserkirche.

Im Hutbusiness ist Hiepler eine Koryphäe. Aus ganz Europa kommen Frauen zu ihr, um Hüte nach Mass anfertigen zu lassen. Auf Regalen sind Exemplare in allen Formen und Farben ausgestellt: Alltagshüte, Strohhüte für Männer, Haarreifen mit Blumen und Schleifen. Auf einem Regal hoch über dem Arbeitsplatz liegt ein blauer Hut mit weiter Krempe, geflochten aus einem unbekannten Material aus den Fünfzigerjahren. 1850 Franken kostet das Unikat. Es ist der teuerste Hut im ganzen Laden. Die Frau, die ihn erworben hat, ist eine Stammkundin von Hiepler. Sie bezahlt den Hut in Raten, abgeholt hat sie ihn noch nicht.

Interesse geht zurück

Ja, es gibt sie noch, die Leute, die für ein Accessoire derart tief in die Tasche greifen. Doch nicht nur die Nachfrage nach Hüten, auch das Interesse am Berufsfeld geht zurück. Diesen Sommer startet zum wohl allerletzten Mal in der Schweiz eine Frau eine Lehre als Modistin. Die achtzehnjährige Sara Lehmann hat sich die einzige Lehrstelle der Schweiz ergattert. Im August wird sie ihre Ausbildung bei Maria Hiepler in Basel beginnen. «Ein riesiges Wunder», so die junge Frau, «ich habe mich extrem über die Zusage gefreut.» Der Beruf fasziniere sie deswegen, weil sie eigene Ideen umsetzen könne: «Vor allem der kreative Aspekt der Arbeit gefällt mir. Jeder Hut ist einzigartig.»

Auch die aktuelle Lehrabgängerin Ksenia Shiryaeva kommt ins Schwärmen. Nach dem Wirtschaftsstudium in Russland zog sie für ihren Mann in die Schweiz. Nächste Woche schliesst sie ihre Ausbildung zur Modistin ab. Der Job erfülle sie mit Freude: «Ich vergesse alles um mich herum, die Zeit, alles. So etwas Schönes habe ich bei der Arbeit früher selten erlebt.»

Wer in Hieplers Hutladen eintritt, taucht in eine andere Zeit ein. Heute trägt auf offener Strasse kaum noch jemand einen Hut. «Wir hören immer wieder, dass den Menschen der Mut fehlt», sagt Hiepler. Und auch die Mode lasse den Hut aussterben. «Der schlampige Look von heute passt nicht zu einem schicken Hut.» Turnschuhe, Trainerhosen, zerrissene Jeans – die gegenwärtigen Trends lassen die Frau ratlos zurück. «Jeder möchte heute individuell sein. Aber wehe, jemand ist wirklich anders», sagt sie und lächelt.

Mehr Stilschule als Geschäft

Trotz der rückläufigen Kundschaft arbeitet die Modistin vier Tage die Woche. Kommt sie dann nach Hause, wird sie von ihrem Ehemann bekocht. Ob sie nicht noch etwas mehr Zeit für sich wolle? Sich noch ein bisschen zurücklehnen? «Ich arbeite mit einem Open End», sagt Hiepler dann. Und das Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Gibt es nichts, das sie lieber tun würde als arbeiten? «Die meisten Leute in meinem Alter sagen, sie möchten noch einmal verreisen. Aber ich bin ein Reisemuffel.» Dabei hat Hiepler eine der besten Zeiten ihres Lebens in Israel verbracht. Dort reiste sie hin, als sie 23 Jahre alt war. Neun Monate lang arbeitete sie in Küche und Speisesaal eines Kibbuz, einer ländlichen Siedlung in der Nähe von Nazareth. «Ich war jung und musste für niemanden Verantwortung übernehmen. Das war wunderbar», sagt Hiepler. Zum ersten Mal war sie weg von der Familie, von den Eltern und den vier Geschwistern.

Später lebte sie während neun Jahren in Deutschland, zog von Stuttgart nach Düsseldorf. In Deutschland kamen ihre zwei Kinder zur Welt, eine Tochter und ein Sohn. Vielleicht war auch das die schönste Zeit ihres Lebens, Hiepler kann sich nicht entscheiden.

Ein Ausgleich, der die Frau fit hält

Beide Kinder arbeiten heute in Kunstberufen. Dass der Sohn in Berlin lebt, sei manchmal schwierig, erzählt Hiepler. Nicht nur ihn, auch ihre Grosskinder sieht sie höchstens drei Mal im Jahr. Aber sie klagt nicht. Lieber konzentriert sie sich auf die Momente, die sie geniessen kann. Sie spielt leidenschaftlich gerne Klavier. Nachdem sie früher aus finanziellen Gründen gemeinsam mit der Schwester Klavierstunden besuchte, erweiterte sie ihr Repertoire fortlaufend autodidaktisch. Sitzt sie nicht am Klavier, singt sie in einem Chor. Ein Ausgleich, der die Frau fit hält. Sie staunt und beobachtet gerne. Damit wirkt sie gut zwanzig Jahre jünger, als sie tatsächlich ist: Ihre Stimme und ihre Energie sind die einer Sechzigjährigen.

Gemächlichkeit gibt es bei ihr nicht. Kommt jemand in ihr Geschäft, dann ist sie sofort zur Stelle. «Der ist sehr gut angezogen», flüstert sie anerkennend, als ein Herr den Laden betritt. «Schauen Sie, wie schön die Lederschuhe sind.» Sie liebt es, Komplimente zu verteilen.

Hiepler beherrscht nicht nur die Kunst, sowohl extravagante als auch alltagstaugliche Kreationen zu entwerfen. Sie ist vor allem auch eine meisterhafte Verkäuferin. «Chapeau» ist nicht bloss Hutladen, «Chapeau» ist eine Stilschule. Sie führt zurück zum Handwerk und zur Qualität, weg vom uniformen Design der Gegenwart.

Es ist eine Stilschule, von der besonders Frauen profitieren möchten. Manchmal kommen sie mit ihrem Mann zu Maria Hiepler. Dann nutzt sie die Gelegenheit und berät auch ihn: «Nicht selten verkaufe ich am Schluss auch dem Ehemann ein Modell.» Ihre Schüchternheit abzulegen, hat sie in Deutschland gelernt: «Die Leute waren nicht so zurückhaltend wie in der Schweiz. Das war eine gute Schule.»

Die Dreizehnte ist die Letzte

Die Gespräche mit der Kundschaft gehören genauso zu ihrem Job wie die Näharbeiten. Häufig kreisen sich die Unterhaltungen um Gesundheitsthemen. Mehrere Krebspatientinnen gehören zu Hieplers Stammkundinnen. Die Bestrahlungen rauben ihnen das Kopfhaar, aber nicht den Wunsch nach einem gepflegten Auftreten. Sie ziehen eine leichte Kopfbedeckung einer Perücke vor. Die IV zahlt den Patientinnen einen Haarersatz. Nur die wenigsten Frauen wissen, dass auch Kopfbedeckungen von der Kasse übernommen werden.

Drei Hutgeschäfte gibt es in Basel, mehr als in jeder anderen Schweizer Stadt. Und doch nimmt die Anzahl Kunden und Kundinnen seit der Jahrtausendwende ab. Nun begleitet Maria Hiepler zum letzten Mal überhaupt eine Frau auf ihrem Weg zur ausgebildeten Modistin. Ausgerechnet die dreizehnte Lehrtochter wird die Letzte sein. Trotz guter Miene zum bösen Spiel: Hiepler ist traurig, dass es so weit kommen musste. «Ich frage mich einfach, wo der Nachwuchs bleibt. Ich wünsche mir so sehr, dass der Beruf weiterlebt.»

Doch die schulische Ausbildung wurde aufgrund der geringen Ausbildungsplätze bundesweit stark eingegrenzt. Bereits 2003 wurde die Fachklasse für Modistinnen abgeschafft. Wer das Handwerk dennoch erlernen möchte, besucht zusammen mit Schneiderinnen den Unterricht. Und lernt Dinge, die mit der Hutmacherei gar nichts zu tun haben.

Trotzdem blickt Hiepler optimistisch in die Zukunft. Ausgerechnet der Klimawandel beschert ihr neue Kundschaft. «Mit den steigenden Temperaturen steigt auch das Bedürfnis der Leute, ihren Kopf zu schützen», stellt Hiepler fest. Und ab und zu, da kommen tatsächlich auch noch Frauen vorbei, die eine Reise nach Ascot planen. Die meisten von ihnen – Pariserinnen mögen staunen – sind Schweizerinnen.

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