Wochenkommentar
Die Kantonsgrenze liegt falsch

Die diese Woche veröffentlichte Wanderungsanalyse zeigt, dass Basel in den letzten zehn Jahren um 1000 Personen pro Jahr gewachsen ist. Der Kanton hat aktuell 194 435 Einwohner. Wenn Städter wegziehen, bevorzugen sie den ländlichen Nachbarskanton.

Matthias Zehnder
Drucken
Teilen
Migranten, die nicht in der Einfamilienhäuschen-Doktrin aufgewachsen sind, empfinden die Stadt Basel heute als Raum mit hoher Lebensqualität.

Migranten, die nicht in der Einfamilienhäuschen-Doktrin aufgewachsen sind, empfinden die Stadt Basel heute als Raum mit hoher Lebensqualität.

Keystone

Diese Woche hat das statistische Amt der Stadt Basel zum zweiten Mal eine Wanderungsanalyse vorgelegt. Das Amt zeigt darin genau auf, wer in den Kanton Basel-Stadt zieht und wer wegzieht. In den letzten zehn Jahren ist Basel im Schnitt etwa um 1000 Personen pro Jahr gewachsen. Aktuell hat der Kanton Basel Stadt 194'435 Einwohner.

Interessant an der Analyse: Basel verliert am meisten Menschen an den Kanton Baselland. Technisch ausgedrückt: Der Kanton Baselland ist der Kanton, gegenüber dem Basel-Stadt seit 2003 den stärksten Wanderungsverlust aufweist. Zwischen 2003 und 2012 zogen insgesamt 10'158 Personen mehr in den Nachbarkanton weg als von dorther in die Stadt.

Seit den 50er-Jahren verliert die Stadt ans Land. Die neue Wanderungsanalyse zeigt jetzt aber zwei positive Anzeichen: Der Trend nimmt ab und die Senioren kehren eher in die Stadt zurück. Es herrscht nicht mehr Stadtflucht, immer mehr Menschen bleiben in der Stadt. Ein Indikator dafür sind die steigenden Geburtenzahlen.

Der städtische Raum ist im Aufwind. Das Lebenskonzept der 50er-Jahre, Einfamilienhaus plus Rasenviereck plus Autoeinstellplatz gleich Lebensglück, ist bei immer mehr Menschen passé. Migranten, die nicht in der Einfamilienhäuschen-Doktrin aufgewachsen sind, empfinden die Stadt Basel heute als Raum mit hoher Lebensqualität. Wer aus Indien kommt, sieht in Basel ein grünes Dorf.

Noch suchen viele Schweizer Städter die Lebensqualität auf dem Land. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Preis (Staus, Pendelzeiten, Fahrpreise) so hoch ist und der Unterschied zur Stadt so klein, dass sie in der Stadt bleiben.

Trotzdem: Die Stadt verliert immer noch Menschen an die Landschaft. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die Kantonsgrenzen keine Lebensrealität mehr abbilden. Wenn man die Grenzen der Stadt Basel da ziehen würde, wo auf einem Satellitenbild die Stadtgrenze liegt, dann hätte Basel wohl über 300'000 Einwohner und etwa die Hälfte der Abwanderungen würden innerhalb der Stadt erfolgen.

Die eigentlichen Bruchlinien bestehen nicht zwischen den Kantonen Basel-Stadt und Baselland, sondern zwischen einem städtischen und einem ländlichen Lebensraum. Ein Grund mehr für die beiden Halbkantone, sich zusammenzuraufen.

Aktuelle Nachrichten