Mit dem Monster in Philipp Stölzls «Frankenstein» – Adaption an den Basler Theatern machte er vor zwei Jahren Furore: Marius Kob. Jetzt hat er sich mit seinem Team aus Schauspielerinnen und Musikern in eine weitere Mythenwelt vorgewagt: In das nordische Volks-Epos, das «Kalevala». Das fängt mit der Schöpfung an. Und stellt auch die Frage, die diesen Abend prägt: Wie zaubert man aus toter Materie lebendige Kunst?

Die Mythenwelt der Finnen ist über 3000 Jahre alt. Die Gestalten der nordischen «Kalevala» sind es auch. Die Helden sind sehr wohl verwandt mit den griechischen Helden, und fast könnte ein Finne rufen wollen: Das haben wir erfunden! Jedoch sind die Protagonisten des «Kalevala»-Mythos wesentlich mehr mit den Naturgeistern verbunden. So hat das nordische Epos zu bieten, was auch andere Volks-Epen wie das kirgisische «Manas» oder das indische «Mahabharata » enthalten: Helden, Brauträuber und listige Kriegerinnen.

Improvisiertes Blödeln

Drei Figurenspieler und eine Spielerin haben sich für dieses Projekt als «Sektion Uffjäiden»in der Kaserne zusammengefunden. Mit kindlicher Spiellust stellt sich die Truppe ihrem nordischen Stoff – und Stoff ist hier nicht nur literarisch gemeint: Aus Stoffresten werden Schiffe, Kutschen. Kisten bilden Festungen und Grabstätten. Fellstücke und Stofffetzen stellen das Land der tausend Seen dar. Irgendwo im musikalischen Niemandsland zaubern die vier Spieler Ralph Tristan Engelmann, Marius Kob, Christian Pfütze und Lisa Wilfert die Brautwerbung zweier alter Geister aus der Materie: Flankiert von der Musik von Leo Hofmann üben sie sich im improvisierten Blödeln und streng geführten Figurenspiel. Es darf auch durchaus mal ein Witz erzählt werden.

Was der französische Philosoph Roland Barthes die «Doppelheit» der Geste nannte, wird in diesem Figurenspiel mit Puppen höchst vergnüglich sichtbar: Die Arbeit und die Kunst des Schauspielers stehen nebeneinander. Hinter dem Antlitz der empörten Figur sieht man das Gesicht der arbeitenden Spielerin. Vor unseren Augen lassen die Spieler aus den Materien Leben entstehen und verleihen mit subtilen Bewegungen der toten Maske lächelnde Gesichtszüge. Immer wieder wird klar: Der Zauber findet nur in unseren Köpfen statt.

In den schönen Augenblicken des Abends dominiert die diebische Lust am unheimlichen Schabernack. Dann werden aus Fellresten Monster. Aus Sattelstücken Wölfe. Hin und wieder versiegt der Fluss der Erzählung in allzu viel Nebenarmen. Doch im Kern bleibt der nonchalante Umgang mit der Erhabenheit der Sage immer ernsthaft: Faszinierend, wie die Bewegung aus Masken und Materialien plastische Räume zaubert – durch die Arbeit der Figurenspieler.

Tatsächlich führt die «Sektion Uffjäiden» in ihrer Performance das Theater auf eine archaische Wurzel zurück: Als die Figur noch ein Holzstück war, das vor das Gesicht gehalten wurde. Da helfen die feinen magischen Augenblicke über den Zeitgeist hinweg: Denn den vollendeten Zauber will die Truppe uns gewieft vorenthalten. Sie überlässt uns lieber - mit Andeutungen - gern ein wenig allein unserer Phantasie. So taugt dieses Spiel auch hierzu: Uns vor Augen zu führen, dass alles Theaterkunstgebilde doch nur ein flüchtiger Augenblick von Einbildung sei.

In der Kaserne Basel ist «Urbana Kalevala» noch von Sonntag bis Mittwoch, jeweils um 19.30 Uhr, zu sehen. www.kaserne-basel.ch