Am Tag nach den Krawallen rund um das Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich beherrscht eine Frage die Diskussion: Wie ist es dazu gekommen? Niemand kann sich an eine solche Eskalation zwischen dem Basler Fanlager und der Polizei ohne Beteiligung Dritter erinnern – weder aufseiten des FCB, noch aufseiten der Basler oder Baselbieter Politik. Inzwischen ist klar: Es handelte sich um eine Kettenreaktion. Gestützt auf Videos, Augenzeugenberichte sowie Statements der Sicherheitsbehörden des FCB und Polizei lässt sich folgender wahrscheinlicher Hergang rekonstruieren.

Unruhe

Noch ist alles friedlich. Über Funk erfolgt der Ruf um Unterstützung beim Perron, die Gästefans aus Zürich sollen bald mit dem Extrazug abfahren. Krawalle zwischen den Fans werden befürchtet. Die Baselbieter Polizeieinheiten planen, nach Pratteln und Muttenz zu fahren. Dort kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, weil Gästefans im Zug die Handbremse ziehen und aussteigen. Eine Gruppe der Basler Polizei läuft unten die Birsstrasse entlang und nähert sich der Treppe. Dort steht ein Auto der Muttenzerkurve, welches beladen wird. Polizisten sind hier nicht gerne gesehen. Mehrere Fans pöbeln die Polizisten an, einzelne spucken, einer schlägt gar gegen den Schild eines Polizisten. Diese bleiben mehrheitlich ruhig, mindestens einer allerdings feuert Gummigeschosse ab. Die Polizei bestätigt diese Vorfälle. Der Schuss ist oben auf der Plattform zu hören.

Die Polizei gerät zunehmend unter Druck und marschiert über die Treppe auf die Eventplattform zu. Es ist auf dem bekannten Video nicht zu sehen, dass sie dabei sehr nah an den Fans vorbeigehen. Dennoch bleibt hier die Frage offen, warum sie nicht den kürzeren Weg über die Treppe hinter dem Scotty’s Corner nehmen, wo sich weitaus weniger gewaltbereite Fans befinden.

Eskalation

Noch stehen die Zeichen nicht auf Sturm. Es ist eine Bewegung der Masse zu erkennen, die sich bereits zur dritten Treppe in Richtung St. Jakobsstrasse abwendet. Ein der Polizei zugewandter Teil der Fans hingegen, alarmiert wohl durch die Schüsse, die zuvor unten fielen, beschimpft die Polizei und nähert sich der Gruppe aus etwa zwölf Polizisten. Plötzlich rennt ein Mann in einem weissen Oberteil zwischen die Polizisten und schleudert einen Ordnungshüter zu Boden. Danach rennt er sofort weg. Zehn Polizisten reagieren nicht erkennbar auf diesen Vorfall. Der zweitletzte im Glied hingegen feuert eine Salve Gummischrot ab, Ziel ist mutmasslich der Täter. Dieser ist jedoch längst in der Menge verschwunden.

Es ist zu sehen, wie mehrere Personen getroffen werden, manche offenbar unbeteiligt. Einer davon trägt ebenfalls ein weisses Oberteil. Eine andere Person in dunkler Kleidung scheint sich langsam zu entfernen, die Hände sind vor dem Gesicht. Dies ist aber nur undeutlich zu erkennen. Gerold Dünki, der langjährige Sicherheitschef des FC Basel, ist heute noch in beratender Funktion tätig. Er sagt: «Ich gehe davon aus, dass mit diesem ersten Schuss auf der Plattform ein Mann am Auge verletzt wurde.» Augenzeugen berichten, wie er blutet. «Zuerst kümmerte sich die Sanität um ihn, dann brachte sie ihn ins Spital», sagt Beat Meier, Sicherheitschef beim FCB. Dort wird er notoperiert.

Nach dem Spiel FCB-FCZ am 10.4.2016: Fussballfans wüten vor dem Basler St.Jakob-Park.

Nach dem Spiel FCB-FCZ am 10.4.2016: Fussballfans wüten vor dem Basler St.Jakob-Park.

Das Augenlicht, wie auch schon berichtet wurde, hat er nicht verloren. Dennoch ist er schwer verletzt. Die runden Gummigeschosse gehören gemäss Sprecher Andreas Knuchel auch zur Ausrüstung der Basler Polizei: «Es handelt sich um unterschiedliche Werfer. Derjenige mit den sechskantigen, grösseren Geschossen, wird grossflächiger eingesetzt als der andere.» Fast gleichzeitig zu diesen Ereignissen tritt ein Fan einen Polizisten in den Rücken, geschossen wird jetzt nicht mehr, die Polizei sortiert sich neu.

Rache

Die Polizisten laufen dann am Rand des Grosspeter-Turms oben auf der Plattform in Richtung der Perrons. Dort treffen sie wieder auf Fans, die filmen. Von vorne werden sie jetzt von einem grossen Mob angegriffen, es fliegen Petarden, Flaschen und Knallkörper, die in nächster Nähe der Polizisten explodieren. Auf einem Video, das die «Tageswoche» publiziert hat, ist eine Verhaftung zu sehen. Der Polizist scheint in dieser hitzigen Situation das Filmen unterbinden zu wollen und stösst den Filmenden mit dem Schild weg. Der zeitliche Zusammenhang lässt sich nicht genau bestimmen, allerdings deutet vieles darauf hin, dass sich die Videos teilweise überschneiden.

Die Polizisten werden von einem Mob mit Flaschen, Knallkörpern und Petarden angegriffen. (Youtube)

Unterstützung ist eingetroffen. Inzwischen greifen auch die Baselbieter Polizisten ins Geschehen ein, sie haben auf einen Einsatz in Muttenz verzichtet. «Das ist immer auch ein heikler Entscheid, ein Abwägen, wo man mehr gebraucht wird», sagt der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber. In diesem Gefecht werden acht Polizisten verletzt, alle sind Basler. Der Mob flieht nach der Schlacht über die Treppe. Dabei werden auch die Autos der Polizei an der Birsstrasse attackiert. Mehrere Dutzend, teils vermummte Personen rennen dann über die St. Jakobs-Strasse und zu den parkierten Einsatzfahrzeugen der Baselbieter Polizei. Ein 53-jähriger Verkehrspolizist wird dabei angegriffen und verletzt. Die Autos werden teils demoliert, teils angezündet. Hoher Sachschaden entsteht. Erst im Anschluss lösen sich die Unruhen auf.