«Seelsorge im Tabubereich» heisst die 40-Prozent-Stelle, die die Arbeit des Ende 2013 aufgelösten Aids-Pfarramtes übernehmen soll. «Wir haben den Namen bewusst so vieldeutig gewählt», sagt der Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit in den beiden Basler Römisch-Katholischen Landeskirchen, Thierry Moosbrugger: «Wir wollten uns thematisch nicht wieder so detailliert festlegen wie beim Thema Aids.» Vorerst ist die Mission aber klar: Es geht darum, dass die Römisch-Katholische Kirche beider Basel wieder in das Rotlichtmilieu des Kleinbasels geht.

«Immer ein kirchliches Tabu»

Wer an Christen und Prostituierte denkt, dem mag als Erstes Maria Magdalena in den Sinn kommen, die «Sünderin» aus der Bibel, von der in ausserbiblischen Evangelien als Gefährtin Jesu die Rede ist und die im Mittelalter zur Prostituierten umgedeutet wurde. Jesus rettete sie vor der Steinigung mit dem berühmten Satz: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.»

Die Kirche habe den Auftrag, «immer wieder an den Rand der Gesellschaft zu gehen», erklärt Sarah Biotti, ebenfalls Theologin und zuständig für die Diakonie in beiden Landeskirchen, ganz in dieser neutestamentlichen Tradition. Dabei redet sie allerdings von jenen Prostituierten, die zu ihrer Arbeit gezwungen werden und darunter leiden.

Dass es aber Frauen gibt, die sich freiwillig und aus Spass prostituieren, sei eine Herausforderung für die Kirche, gibt sie unumwunden zu: «Das ist immer ein kirchliches Tabu.» Deshalb brauche es für die Stelle auch «wirklich eine starke Frau» – dass die Stelle weiblich besetzt werden sollte, ist fast selbstverständlich, wenn auch nicht ausdrücklich im Konzept festgelegt. Biotti selbst wüsste nicht, ob sie sich die Stelle zutraute. Denn gesucht wird keine weitere Sozialarbeiterin wie die Mitarbeiterinnen der einschlägigen Beratungsstelle Aliena. Gesucht wird tatsächlich eine Theologin, die als gläubige Christin Neuland betritt, wenn sie mit der Sünde in der Arbeit der Prostituierten umgehen muss.

Doch laut Biotti gab es bereits erste Anzeichen, dass sich die Katholiken beider Basel auch dem Gedanken der freiwilligen Prostitution öffnen können: Ende März sei auf einer Podiumsdiskussion eine Prostituierte aus Berlin aufgetreten, die ihren Beruf aus Leidenschaft ausübe. Laut Biotti waren die Erzählungen der Frau «eindrucksvoll».

Verzögerungen beim Entscheid

Das Profil der Rotlicht-Seelsorge wurde von Moosbrugger und Biotti zusammen mit den Theologen Peter Messingschlager von der Pfarrei Bruder Klaus in Liestal und Carsten gross von der Basler Heiliggeist-Pfarrei erarbeitet. Der Auftrag selbst kam laut Moosbrugger von den beiden Landeskirchenräten in Basel-Stadt und Baselland. Deshalb rechnete Moosbrugger bis jetzt mit einem schnellen und klaren Entscheid; Christian Griss, Präsident des Kirchenrates in Basel-Stadt, selbst habe den Zeitplan mit der Ausschreibung im Frühjahr 2014 genehmigt. Doch auf Nachfrage der bz erklärt Griss: «Die Mühlen der Demokratie mahlen langsam.»

Laut Moosbrugger sei bisher nur ein Votum der Pastoralkonferenz, quasi dem Pfarrer-Parlament, vorgesehen gewesen. Laut Griss müssten nun aber nach der Baselbieter Pastoralkonferenz im August die beiden Landeskirchenräte und beide Synoden angehört werden. Griss rechnet mit einem Entscheid erst im März 2015. Laut dem Baselbieter Landeskirchenrat Albert Equey habe die Baselbieter Kirche die alte Aids-Stelle im Budget belassen; sie müsste aber 2015 wieder verlängert werden. Deshalb habe es Stimmen gegeben, die bereits 2014 einen Entscheid forderten, damit der Baselbieter Kirchenrat 2015 nicht vor geschaffenen Tatsachen stehe.

Das «Seelsorge im Tabubereich» soll das Aids-Pfarramt fortsetzen, das vor 25 Jahren von den römisch-katholischen und reformierten Landeskirchen in beiden Basel gegründet wurde. Die Katholiken stiegen jedoch aus der Finanzierung aus, weil sie sich mit den Reformierten nicht auf eine Reform des Pfarramtes einigen konnten, das laut Moosbrugger zu einer «Langzeitkrankenberatung» geworden war. Mit einer kleinen Stelle im Prostituiertenbereich habe man vor einigen Jahren gute Erfahrungen gemacht, auf die man nun aufbauen könne.