Basel Stadt

Die Klimabilanz — Architekturkollektiv fordert ein Umdenken

Beim Architekturmuseum läuft der Countdown: 9 Jahre und 32 Tage bleiben, um das Klima zu retten.

Beim Architekturmuseum läuft der Countdown: 9 Jahre und 32 Tage bleiben, um das Klima zu retten.

Bauen ist eine der grössten Umweltsünden überhaupt. Ein Basler Architekturkollektiv fordert nun ein Umdenken.

Noch neun Jahre und 32 Tage bleiben uns, um das Klima zu retten. Zu diesem Schluss kommt der Bericht des UNO-Klimarats. Und auf diese Dringlichkeit weist seit Januar ein digitaler Zähler hin, der über dem Eingang des Schweizerischen Architekturmuseums und der Kunsthalle Basel angebracht ist. Es ist die erste Aktion des neu gegründeten Architekturvereins Countdown 2030. Die derzeit rund zwanzig Mitglieder haben es sich zur Aufgabe ­gemacht, ihre Branche zur Verantwortung zu ziehen. «Die Architektur ist eines der grössten Umweltprobleme», sagt Gründungsmitglied und Architektin Sarah Barth. «Aber sie kann ein Teil der Lösung werden, wenn wir anfangen, anders zu entwerfen.»

Doch zuerst zum Problem: Der Bau, Betrieb und Rückbau von Gebäuden sind für rund vierzig Prozent des schweizweiten CO2-Ausstosses verantwortlich. Besonders ins Gewicht fällt die Produktion von Zement: Allein das Aufheizen der Öfen setzt enorme Mengen an Treibhausgase frei. Aber auch die schwindende Biodiversität hat die Baubranche durch die Versiegelung der Böden mit zu verantworten. «Im Privaten gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten, sich für mehr Klimaschutz zu engagieren», meint Sarah Barth. «In unserer Branche fehlt es noch an dem Bewusstsein.»

Alarmiert durch die Worte eines Klimaforschers

Bei diesem Bewusstsein will der Verein ansetzen. In wöchentlichen Treffen und im Austausch mit Experten wollen die Mitglieder mögliche Lösungsansätze in den Bereichen Raumplanung, Gebäude und Material definieren. Das gesammelte Wissen wollen sie mit diversen Aktionen in der Branche verbreiten und so als Übersetzer von Wissenschaft zu Architektur fungieren. «Das Umdenken muss jetzt stattfinden», sagt Barth. «Schliesslich haben architektonische Entscheidungen oft mehrere Jahrzehnte Bestand.»

Wachgerüttelt habe sie und ihre Kolleginnen und Kollegen das Zitat des renommierten deutschen Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber, der sagte, dass wir uns bis 2030 nicht nur von Verbrennungsmotoren und Kohle verabschieden müssen, sondern auch vom Zement als Baustoff. Ausgerechnet auf Beton, weithin als Baustoff der Moderne gefeiert, soll nun verzichtet werden? «Sicher, wir Architekten haben uns sehr an Zement gewöhnt, und es ist auch ein tolles Material», räumt Barth ein.

Lehm und Hanffasern als Baustoffe der Zukunft

Ganz so radikal wie Schellnhuber wollen es die Vereinsmitglieder denn auch nicht sehen. ­Vermeiden könne man Beton in naher Zukunft wohl nicht. «Es geht darum, ihn bewusster ­einzusetzen und an Alternativen zu denken», so Barth. Zum Beispiel an Holz. Claudio Meletta ist mit seinen zwei Kollegen von Stereo Architektur ebenfalls Vereinsmitglied von Countdown 2030 und hat schon einige Erfahrung mit Holzbauten gemacht. «Holz ist derzeit sehr gefragt und hat als nachwachsender Rohstoff eine gute CO2-Bilanz», sagt Meletta. Aber auch Lehm oder Hanfziegel, ein Gemisch aus Hanffasern und Kalk, könne zukunftsweisend sein.

In Basel-Stadt wurden im vergangenen Jahr 865 Neubauwohnungen erstellt. So viele wie noch nie seit 1981. Aktuell befinden sich 1500 in der Bauphase. Geht es nach dem Kollektiv, sollten wir den Trend der Ersatzneubauten in Frage stellen. «Wir müssen unbedingt mehr in Richtung Sanierung und Umnutzung denken», sagt Meletta. Pionierarbeit in diese Richtung habe zum Beispiel Barbara Buser geleistet, die viel mit bestehenden Gebäuden und recycelten Materialien arbeitet, wie im Gundeldinger Feld.

CO2-neutrale Gebäude sind jetzt schon möglich

Noch besteht der Verein vor allem aus jüngeren Architekturbüros aus Basel. Seit der Gründung gingen jedoch bereits viele Anfragen von Interessierten ein, darunter auch von grossen Namen wie Heinrich Degelo. Der Architekt, der etwa am Bau des Messeturms beteiligt war, machte jüngst mit dem Wohnatelierhaus in der Erlenmatt Ost von sich reden. Ein minimalistischer Bau ohne Parkett, ohne Zimmer und ohne Heizung. Für eine angenehme Temperatur sorgen die Abwärme von elektrischen Geräten, dicke Mauern und gesteuertes Lüften. «Es ist heute möglich, ein Gebäude so zu bauen, dass es CO2-neutral betrieben werden kann», sagt Degelo. «Und das sollten wir Architekten unbedingt tun.» Ausserdem müsse man jeden Bau auf seinen Lebenszyklus hin entwerfen. Da spiele das Material, aber auch die Ästhetik eine wichtige Rolle. «Ein schönes Gebäude wird eher wieder umgenutzt als eines, das unattraktiv ist.»

Mit den richtigen Argumenten habe man auch die Bauherrschaft auf seiner Seite, ist Degelo überzeugt. Das ist auch das Ziel des Vereins. «Sind die Architekten von klimafreundlichem Bauen überzeugt, können sie den Auftraggeber dahingehend beraten», sagt Sarah Barth. Und: «Findet man gar keine Einigung, muss man auch mal einen Auftrag ablehnen können.»

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