Die Krätzmilbe mag Körperstellen mit einer dünnen Hornschicht besonders gerne – beispielsweise die Fingerzwischenräume. Dort bohrt sich der winzige Parasit unter die Haut und gräbt sich Millimeter für Millimeter einen Gang für seine Eier. Nach wenigen Tagen schlüpfen die Larven, die sich innerhalb von drei Wochen in geschlechtsreife Krätzmilben verwandeln und dann fleissig weiterbohren. Die Folge: Die Haut wird schuppig-krustig und es bilden sich Knötchen. Abgesehen davon juckt es. Ziemlich fest sogar.

Die Krätze war in der Schweiz lange kein Thema mehr. Mit den vielen Menschen auf der Flucht habe sich das verändert: «Flüchtlinge bringen die Krankheit mit in die Schweiz», sagt Philip Tarr, der Leiter der Abteilungen Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Baselland (KSBL). Die Kratzmilbe verbreitet sich nämlich besonders rasant, wenn viele Leute auf engem Raum und unter nicht optimalen hygienischen Verhältnissen zusammenleben. Menschen auf der Flucht leben in prekären Verhältnissen, haben oft keinen Zugang zu sanitären Anlagen und müssen über Wochen oder Monate in behelfsmässigen Unterkünften ausharren.

Ein bis zwei Fälle pro Woche

Am Universitätsspital Basel (USB) hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Krätze-Fälle leicht erhöht. Exakte Zahlen liegen nicht vor. «Aber aktuell werden bei uns durchschnittlich jede Woche etwa ein bis zwei Fälle behandelt», sagt Peter Itin, der Chefarzt Dermatologie des USB. Das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) verzeichnet keine «massive Zunahme», aber auch dort werden immer wieder Patienten wegen der Krätze behandelt: «Meistens handelt es sich um Zufallsbefunde, das heisst, die Kinder kamen wegen anderer Erkrankungen zu uns», sagt Mediensprecherin Deborah Wallrabenstein.

Vor etwa anderthalb Jahren ist die Krätze im Baselbiet aufgetaucht und war «sehr aktuell», sagt Kantonsarzt Brian Martin. Inzwischen seien die Infektionen zurückgegangen. Auch das KSBL stellt keine eindeutige Zunahme bei den Infektionen mit Krätze fest: «Im letzten Jahr waren es sechs bis sieben Fälle», sagt Tarr. Allerdings würden die allermeisten Patienten mit Krätze nicht hospitalisiert, sondern in der Infektiologie Sprechstunde behandelt.

Keine meldepflichtige Krankheit

Das Empfangs- und Verfahrenszentrum meldet Krätze-Fälle zwecks Monitoring regelmässig dem Basler Kantonsarzt Thomas Steffen: «Im zweiten Halbjahr 2016 waren es 41 Einzelfallmeldungen, seit Anfang 2017 sind weitere sieben dazugekommen.» Die Ärzte seien auf die Fragen rund um die Krätze sensibilisiert: «Bei Bedarf informieren wir die Betroffenen und ihr Umfeld direkt, beispielsweise mit einem Merkblatt.»

Die juckende Hautkrankheit ist in der Schweiz nicht meldepflichtig. «Sie führt auch zu keinen Problemen der öffentlichen Gesundheit», sagt Daniel Dauwalder, der Mediensprecher des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Infizierte Personen werden mit einer Salbe oder Tabletten behandelt. Weil sich der Parasit rasch ausbreitet, wird das Umfeld mitbehandelt, auch wenn noch keine Anzeichen der Krankheit sichtbar sind.

Zulassung fehlt weiterhin

Die Medikamente gegen Krätze sind in der Schweiz nicht zugelassen. Sie müssen aus dem Ausland importiert werden. Das heisst auch, dass die Kosten von der Krankenkasse nicht übernommen werden müssen: «Das ist eigentlich ein Missstand», drückt sich Itin vom Unispital Basel diplomatisch aus.

Vor knapp zwei Jahren berichtete die «Sonntags Zeitung» über die fehlende Zulassung. Das BAG versprach damals, dass eine Arbeitsgruppe das Problem angehen und den Zugang zum Medikament erleichtern werde. «Das Medikament ist weiterhin nicht auf dem Schweizer Markt verfügbar», sagt Dauwalder. «Aber die kantonsärztlichen Dienste wissen, wo und wie sie es beziehen können.»

Im Baselbiet können die Hausärzte die Medikamente bei der Apotheke des KSBL beziehen. Weil nicht alle Krankenversicherer für die Kosten aufkommen, übernimmt sie der Kanton. Die Ärzte, die Medikamente bezogen haben, melden mit einem Formular, wie viele Patienten sie behandelt haben. «Das hat sich bewährt», sagt Kantonsarzt Martin. «Die befristete Regel wurde auf Ende 2017 verlängert.»