Boom

Die Kreuzfahrt-Touristen nützen dem Basler Gewerbe kaum etwas

Willkommen in Basel: Schiffstouristen betreten am Steiger St. Johann nach der Rheinkreuzfahrt mit Lüftner Cruises den Basler Boden. Lange werden sie hier kaum bleiben.

Willkommen in Basel: Schiffstouristen betreten am Steiger St. Johann nach der Rheinkreuzfahrt mit Lüftner Cruises den Basler Boden. Lange werden sie hier kaum bleiben.

Das Kreuzfahrt-Business boomt. Bereits legen gegen 130’000 Besucher pro Jahr in Basel an – doch das lokale Gewerbe profitiert kaum.

Im Sommer gehören sie fast schon zum Stadtbild: Touristengruppen, die sich, angeführt von einem Reiseleiter mit blauem, roten oder weissen nummerierten Schild, die besten Sehenswürdigkeiten Basels ansehen. Im Schnelldurchlauf. In zwei Stunden geht es vom Münsterplatz zum Rheinsprung, steil abwärts zur Eisengasse und weiter zum Marktplatz, wo mit dem Rathaus im Rücken im Selfie-Modus das Erinnerungsfoto geknipst wird. Vielleicht reicht’s noch für den Spalenberg.

Die Touristen sprechen in den meisten Fällen Englisch mit amerikanischem Akzent, manchmal Russisch, Chinesisch oder Japanisch. Sie sind hier gelandet, weil sie eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein zwischen Amsterdam und Basel gebucht haben. Bei den grossen Anbietern wie Viking River Cruises, Avalon und Tauck, oder bei kleineren wie Lüftner Cruises. Es wird auf Boutique-Longships mit allem Komfort gereist.

Die Reedereien freuen sich seit rund einem Jahrzehnt über ein boomendes Geschäft und vergrössern ihre Flotten jährlich. Die Zahl der Liegetage hat gemäss der Schweizerischen Rheinhäfen von 2015 bis 2016 um 21 Prozent zugenommen, die Zahl der Betten von 154’000 im Jahr 2014 auf 224’000 im 2016.

Touristen werden nicht erfasst

Im selben Stil geht es im laufenden Jahr weiter: Ein Brancheninsider geht davon aus, dass die Zahl der Liegetage in diesem Jahr um 25 Prozent zunehmen wird. Das jährliche Total der Kreuzfahrttouristen, die in Basel am Steiger St. Johann, am Klybeckquai oder beim Dreiländereck an- oder ablegen, ist hingegen nicht bekannt; sie werden vom Statistischen Amt nicht erfasst. Beim Amt für Wirtschaft und Arbeit würden auch zukünftig keine entsprechenden Pläne bestehen, sagt Sprecher Samuel Hess – «wenngleich es sich um
eine spannende Gästegruppe handelt».

In ihrem Jahresbericht von 2015 schätzten die Schweizerischen Rheinhäfen die Zahl auf 100’000, dies bei einer angenommenen Auslastung der Schiffe von 85 Prozent. Angesichts der stark steigenden Bettenzahl und Liegetage kann in diesem Jahr von rund 130 000 Kreuzfahrttouristen ausgegangen werden. Tourismuschef Daniel Egloff sagt dazu: «Wir sehen in dieser Gästegruppe ein grosses Potenzial für Basel.» Sein Ziel: Dass diese Touristen ein paar Tage und Nächte in der Stadt am Rhein verbringen – und Geld ausgeben. Die Marketingbemühungen scheinen langsam zu fruchten; laut Egloff würden «zunehmend» solche Touristen in kleineren Gruppen in der Stadt verweilen, in grösseren Hotels wie dem Swissôtel oder dem Hyperion. Die meisten allerdings halten sich nur wenige Stunden in Basel auf, bevor sie weiter reisen oder eben rheinabwärts tuckern.

Unmut unter Ladenbesitzern

In den wenigen Stunden, welche die Kreuzfahrttouristen in Basel verbringen, bleibt fürs Konsumieren nicht viel Zeit. Unter den Ladenbesitzern der Innenstadt macht sich Unmut breit. Einer sagt: «Wenn’s hochkommt, kaufen sie beim Wanner am Spalenberg ein Souvenir oder eine Postkarte. Mir versperren sie meist nur den Eingang.» Ins gleiche Horn bläst ein Anwohner, der «zu gewissen Zeiten, meist freitags und samstags» Mühe habe, mit dem Auto vor die Haustüre zu gelangen, weil die Touristengruppen den Weg versperren. Seine Nachbarn würden ähnliches erleben. Auch unter den Beizern dürfte die Gästegruppe nicht die wertschöpfungsstärkste sein; sie ist zwar eine kaufkräftige – eine achttägige Kreuzfahrt kostet mindestens 2000 Euro – aber für ein ausgedehntes Mahl reicht die Zeit nicht. Gegessen wird ohnehin an Bord.

Trotzdem ist Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband «weit davon entfernt, mich zu beklagen. Es ist unangebracht, dies zu tun. Wir haben in Basel noch lange keinen Massenauflauf wie in Luzern.» Diese Gästegruppe sei wichtig, weil sie die Innenstadt belebe: «Das ist gerade in der heutigen Zeit hochwillkommen», sagt Ebneter. Aber er gibt zu, dass die Kreuzfahrttouristen «nicht zu den ausgabefreudigsten» gehören. Die gastronomischen Betriebe in Basel täten deshalb gut daran, Ideen zu entwickeln, wie sie die Schiffstouristen anziehen können: «Etwa, indem mit Labels wie ‹Traditional Coffee House› geworben wird», sagt Ebneter.

Noch scheint diesbezüglich zu wenig getan zu werden. Unlängst rief eine US-Touristin ihrem Mann zu, nachdem sie das Selfie vor dem Rathaus geknipst hatte: «Gehen wir noch einen Kaffee trinken? Da drüben hat’s einen McDonalds.»

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