Demenzheim

Die Kündigungen stapeln sich, die Behörden ermitteln: Was ist los im Marthastift?

Einst ein Leuchtturm-Projekt, kämpft das Basler Pflegeheim heute an allen Fronten mit Problemen.

Einst ein Leuchtturm-Projekt, kämpft das Basler Pflegeheim heute an allen Fronten mit Problemen.

Im Basler Demenzheim kommt es zu diversen Kündigungen. Die Behörden sind alarmiert, die Staatsanwaltschaft untersucht einen ungeklärten Todesfall.

Es ist eine schwer fassbare Mobilisierung, die da vor sich geht. In den vergangenen Wochen und Monaten meldeten sich immer mehr Leute aus dem Umfeld des Demenzheims «Neues Marthastift» bei dieser Zeitung.

Ihre Berichte gleichen sich: Es ist die Rede von desaströsen Arbeitsbedingungen, von Personalmangel, vernachlässigten Bewohnenden. Und einer überforderten Heimleitung, die mit Unverständnis und Härte auf Beschwerden reagiert. Die «Schweiz am Wochenende» sprach mit einem halben Dutzend Mitarbeitenden und Branchenkenner; konfrontierte das Gesundheitsdepartement und die Verantwortlichen des Heims. Das Bild, das sich verdichtet: Es herrscht ein offener Konflikt im einstigen Vorzeige-Heim.

Wahrscheinlich beginnt die Geschichte rund um die jetzt kritisierte Heimleiterin Monica Basler lange vor deren Einstellung. Das Marthastift hatte sich auf die Pflege von Demenzpatienten spezialisiert und Ende 2016 als erstes Heim der Nordwestschweiz ein eigens auf diese Menschen zugeschnittenes Zuhause gebaut. Mit kreisförmigen Gängen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder an den gleichen Räumen vorbeilaufen. An der Friedrich-Miescher-Strasse war ein Leuchtturmprojekt entstanden. Preis: 40 Millionen Franken.

Im März 2018 übernahm Monica Basler die Leitung des Heims. Der Stiftungsrat sehe in ihr die richtige Person, um einen Veränderungsprozess einzuleiten, hiess es im Jahresbericht 2018. «So konnte das Neue Marthastift bereits im Jahr 2018 eine Vielzahl an Massnahmen umsetzen, um die Stiftung betrieblich fit zu machen und für die Zukunft sicher und nachhaltig aufzustellen.» Die Rechnung ging auf. Per Dezember 2019 konstatierte der Stiftungsrat eine Kostensenkung und Prozessoptimierung. Und stellte gleichzeitig fest: Es sei immer schwieriger, die Bewohner personenbezogen zu betreuen. Im Jahresbericht steht der Satz: «Wir stehen deswegen vor der Herausforderung, jährlich im Entschädigungssystem vergessene Leistungen im allgemeinen Budget unterzubringen.»

Ständig neue Gesichter: Für Demente eine Belastung

Aus Sicht der Mitarbeitenden heisst dies: Sie finden kaum noch die Zeit, die Bewohnenden einzeln so zu betreuen, wie sie es für richtig halten. Stattdessen würden sie gezwungen, immer effizienter zu arbeiten – das Wohl der Bewohnenden leide darunter. «Es tut weh, die Bewohner so leiden zu sehen», sagt ein Mitarbeiter, der bereits seit mehreren Jahrzehnten im Marthastift arbeitet. Die aktuellen Zustände beschreibt er als «katastrophal». «Mir tun diese Menschen leid», sagt ein anderer. Er bricht in Tränen aus.

Unter den neuen Bedingungen wollten viele Pflegende nicht mehr arbeiten. Man muss wissen: In der Alterspflege ist die Fluktuation generell sehr hoch. Das Marthastift jedoch wurde von einer regelrechten Kündigungswelle überrollt. Zwischen 60 bis 80 Mitarbeitende, hätten das Heim in den vergangenen eineinhalb Jahren verlassen oder verlassen müssen – bei insgesamt 130 Angestellten, sagen sie. Die Heimleitung wollte zu dieser Frage wie auch zu anderen erst nicht Stellung nehmen. Erst auf Nachfrage bestätigte Basler: 2018 habe die Fluktuation elf Prozent betragen. 2019 gingen 20 Prozent der Mitarbeitenden. Das macht zusammen 39 Personen, die jüngsten Kündigungen im laufenden Jahr nicht eingerechnet.

Belegt ist auch: Das Marthastift bekundete Mühe, das verlorene Know-how zu ersetzen. Mitarbeitende berichten, immer mehr setzte die Heimleitung auf temporär Angestellte, manche davon auch mit fehlenden Qualifikationen. Eine Mitarbeiterin sagt: «Gerade für Personen mit Demenz ist das schlimm. Sie können sich nicht immer wieder an neue Gesichter gewöhnen. Der Betreuungsaufwand für uns, die geblieben sind, stieg damit stetig an.»

Heimleiterin Monica Basler bestätigt: «Wir mussten tatsächlich vermehrt temporär Personal zur Unterstützung unserer Mitarbeitenden und zur Aufrechterhaltung und Sicherstellung der Pflege- und Betreuungsqualität einsetzen.» Und: «Die Herausforderung bestand darin, diese temporär Angestellten, welche in der Regel im Umgang mit Demenz nicht geschult sind, hinsichtlich der dementspezifischen Pflege und Betreuung sorgfältig und dennoch effektiv einzuarbeiten.»

Unter den Pflegenden heisst es, Basler reagiere äusserst empfindlich gegenüber intern vorgetragenen Beschwerden. «Wir haben Angst», sagen gleich drei der kontaktierten Mitarbeitenden. Es sei auch schon zu Kündigungen gekommen, deren Hintergrund man nicht nachvollziehen könne. Gemäss Informationen der «Schweiz am Wochenende» mündeten mehrere solche Verfahren darin, dass sich die ehemaligen Mitarbeitenden juristischen Beistand holten. Mitarbeitende und Angehörige berichten weiter, der Personalengpass hätte sogar gesundheitliche Folgen für die Bewohnenden gehabt. Es sei zu mehr Stürzen gekommen. Dem widerspricht Basler vehement: «Nein, dies trifft nicht zu. Wir führen hierzu Sturzprotokolle.»

Ein ungeklärter Todesfall

Genau in diesem Bereich ist es schwierig, den Überblick über die Vorwürfe zu behalten. Die Enttäuschung und die Wut der Betroffenen bricht sich in immer neuen Anschuldigungen Bahn. Für sie steht fast alles in einer mehr oder weniger direkten Verbindung zur Heimleitung. Vor Kurzem etwa verstarb eine palliative Frau. Was stimmt: Die Staatsanwaltschaft bestätigt eine Untersuchung im Rahmen eines ungeklärten Todesfalls. Was auch stimmt: Die Staatsanwaltschaft muss allen allfälligen Unregelmässigkeiten in einem Todesfall nachgehen. Aufgrund der laufenden Abklärungen kann die Heimleitung nicht dazu Stellung nehmen.

Doch für das Heim brennt es auch in einem anderen Bereich. Inzwischen hat sich nämlich das Gesundheitsdepartement eingeschaltet und kreuzt zu unangemeldeten Besuchen auf, um sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Dies bestätigt Departementssprecherin Anne Tschudin. Auch Regierungsrat Lukas Engelberger ist involviert. Mit Verweis auf das Amtsgeheimnis sagt er nur zwei vielsagende Sätze: Es bestehe ein «intensiver Austausch» zwischen der Abteilung Langzeitpflege und dem «Neuen Marthastift», das Gesundheitsdepartement komme damit seiner Aufsichtspflicht nach. Engelberger schiebt nach: «Letzten Endes steht für uns das Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner im Fokus.»

Insidern zufolge gestaltet sich der Dialog zwischen dem Gesundheitsdepartement und dem Heim durchaus als schwierig. Das Verhältnis zusätzlich belastet haben dürfte die Corona-Krise. Das Marthastift war von der Epidemie besonders stark betroffen, 15 Personen starben – von bis dato 52 im ganzen Kanton. In der «Basler Zeitung» sagte Monica Basler, sie fühle sich vom Kanton im Stich gelassen und trat damit eine veritable Kampagne los gegen das Gesundheitsdepartement. Dabei funktioniert jetzt offenbar die Zusammenarbeit gerade bezüglich Corona ziemlich gut. Basler war es denn auch, welche eine Experten-Kommission für den Umgang mit Covid-19 in der Langzeitpflege mitinitiiert hatte.

Die Liste der ungenannten Vorwürfe ginge hier noch viel weiter. Wer den Angestellten zuhörte, bekam immer krassere Anschuldigungen an die Adresse der Heimleitung zu Ohren. So schwarz-weiss, wie in den ärgsten Schilderungen der Mitarbeitenden dargestellt, dürfte die Situation indes kaum sein. Es lässt sich aber auch nicht wegreden: Das Pflegeheim Neues Marthastift ringt an allen Fronten mit grossen Problemen.

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