Laternen-Ausstellung

Die Laternen leuchten auf dem Münsterplatz – schön, aber auch bitterböse

Der Münsterplatz verwandelt sich während den drei schönsten Tagen in ein wahres Kunsthappening. Die Fasnächtler zeigen hier ihre Laternen. Diese leuchten in allen Farben und Formen – und ecken dank ihrer teils gewagten Motive auch mal an.

Sind es Ausstellungen in Museen und Galerien oder eines der zahlreichen Kunsthappenings, die Basel zu einer Kulturstadt machen? An den drei schönsten Tagen des Jahres aber bittet Frau Fasnacht zur Laternenausstellung und verlangt nach dem Kritiker-«Senf». Keine leichte Aufgabe. Denn tatsächlich macht sie vieles sehr gut und erst noch mit weniger Personal, weniger Kosten und mit mehr Erfolg.

So einfach ist es nie

Am Montagabend, kurz vor acht Uhr, da war der Münsterplatz noch fast leer. Nur rund zehn Laternen standen in voller Beleuchtung vor den für diesen denkwürdigen Anlass frisch gewaschenen Münstertürmen. Ein älterer, sehr strenger Herr, dick eingepackt und wenig gesprächig, lotste die einzelnen Laternen, die einzeln auf dem Münsterplatz eintrafen, an ihre Standorte, die er exakt festlegte. An den Heerscharen von Zuschauern und zahlreichen Fotografen schien er sich keine Sekunde zu stören und befassen wollte er sich mit ihnen schon gar nicht. Für meine Fragen nahm er sich exakt zehn Sekunden Zeit. Immerhin fand ich so heraus, dass seine Anordnung die Folge seiner Erfahrung und seines Gefühls sei, die ihm sagen, dass er für die rund 200 Laternen vier Reihen anlegen sollte, wobei die kleineren vor den grösseren Laternen zu stehen haben. Man stelle sich ein Museum vor, wo ein Kurator vor der Ausstellung sich von Hunderten von Zuschauern und zig nervösen Medienleuten über die Schultern blicken lässt. Undenkbar.

Vor dem Nervenzusammenbruch

Und man stelle sich einen Ausstellungsaufbau vor, bei dem jedes Ausstellungsexponat unter den Klängen von Piccolos und Trommeln in das Museum gefahren wird und die Zuschauer reihenweise die Ankunft mitverfolgen. Sicher würden die Basler Museumsdirektoren ob so viel Aufmerksamkeit in einen Begeisterungssturm ausbrechen, doch nur Anna Schmid, die Direktorin des Museums der Kulturen, ist hier und freut sich an dieser Kurzausstellung. Ihre Bürofenster gehen direkt auf den Münsterplatz hinaus und sie versicherte mir, wie grossartig sie die Ausstellung empfinde, weil sie nicht nur Ausdruck des kreativen Potenzials in dieser Stadt sei, sondern auch zeige, wie reibungslos eine solche Veranstaltung organisiert wird.

Inzwischen ist es halb zehn Uhr nachts geworden und der Münsterplatz ist voll von Laternen, die in den unterschiedlichsten Farben und Formen miteinander um die Wette leuchten. Das ist Kunstgeschichte pur. Ein Warhol mit der Queen von England - «60 Jöörli uffem Thron und no immer wartet ihre Soon» - neben einem Altarbild von Holbein worauf nicht nur «Baschtianus Dürranosaurus» und «Guyrinius Morenius» zu sehen sind, sondern auch eine überaus nackte Eva, deren Schlange eine ganz bestimmte der vielen baslerischen Zeitungen in ihrer Schnauze hält. Und darunter der launige Vers: «Vielleicht heisst die Eva jetzt Herzog weil der, der da herzog, sie auszog.» Gleich da neben ein Globi, der sich an die Münstertürme klammert und wie die Queen einen runden Geburtstag feiert.

Der Kunsthistoriker kann sich freuen, beispielsweise bei der Lampe der Glunggi, auf der die Verhaftung einer russischen Punkband thematisiert wird: Der russische Präsident Wladimir Putin mimt den Verlierer und hinter seinem Rücken schlüpfen die Girls von Pussy Riot aus einem grossen Ei aus der Fabrikation von Fabergé.

Vielfalt in Schlichtheit

Tausende von Motiven, Hunderte Grössen, Formen, Farben, doch weit und breit keine Pressetante, keine Aufseher, kein Bücherstand und auch keine Alarmanlage. Höchstens vielleicht ein Marronimännli und eine vorbeitrabende Clique. Wohltuend unkonventionell, inspirierend und gelöst wirkt die Stimmung - Zustände, die in unseren Museen Seltenheitswert haben und wie exotische Objekte behandelt werden.

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