Peter Bläuer, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Traumjob.

Den haben Sie als Direktor einer Kunstmesse: Ständig in der Welt rumjetten, Cüpli trinken, und all die jungen Galeristinnen und -galeristen liegen Ihnen dabei zu Füssen.

Ja, genau. (lacht) Tatsächlich sitze ich aber 90 Prozent meiner Zeit vor dem Computer. Das ist meine Realität. Hin und wieder darf ich reisen, aber das ist auch anstrengend: Viele Hände schütteln, zu vielen Leuten nett sein, allerdings auch tolle Menschen kennenlernen. Ich will nicht undankbar sein, ich habe einen Traumjob gehabt.

Und den geben Sie jetzt auf.

Ja, das wird meine letzte Liste als Direktor sein.

Abnutzungserscheinungen?

Nach 23 Jahren gibt es Aspekte, die einen neugierigen Menschen wie mich zu langweilen beginnen, und mit 66 Jahren Gründe, in Rente zu gehen. Ich möchte die Last, die Verantwortung, die eine solche Riesenkiste mit sich bringt, nicht mehr tragen. Ich merke, dass ich dünnhäutiger geworden bin und dass mir manchmal die Kraft fehlt, mich mit manchen Fragen herumzuschlagen. Wird ein heftiges Gewitter unser Zelt beschädigen? Solche Ängste  können nervenaufreibend sein. Das will ich nicht mehr!

Was war das Schönste am Job?

Ein Ermöglicher zu sein, das hat mir gefallen. Die besten jungen Galerien zu suchen und diesen eine Plattform zu bieten. Wir wollten ja mit der Liste nie noch grösser, noch verrückter werden. Sondern konzentrierten uns auf das Wesentliche, auf die Kunst! - das ist  auch der Grund für den Erfolg.

Einst grosse Messen in Basel bauen ab, von der Muba bis zur BaselWorld. Wird es die Liste in zehn Jahren noch geben?

Soweit vorausdenken kann man nicht mehr. Die Welt verändert sich rasant und ist z.Zt. sehr fragil. Zb. mit der Bankenkrise 2008 verschwand plötzlich eine ganze Gruppe von Sammlern. Die investierten ihr Geld nun anders.. Was wir als Messe stark zu spüren bekamen. Sowas ist nie vorhersehbar.

In den vergangenen Jahren sind auch viele Galerien zugegangen.

Ja, junge Kunst zu verkaufen ist schwieriger geworden. Wir haben die Situation, dass immer weniger Menschen in Galerien gehen, sondern an Events rennen. Deshalb sind die Galerien auf die Messen angewiesen. Man jettet dorthin, wo alle hingehen, daher eröffnet  auch statistisch gesehen jeden zweiten Tag eine Biennale. In New York, Paris, London hat man noch Besucher, aber in anderen Städten gibt es Tage, an denen niemand einen Schritt in die Galerie macht. An den Messen hat der  Sammler, die Museeumsleute viel Information auf einen Schlag..

Droht Gefahr durch die Digitalisierung, werden Kunstmessen in den virtuellen Raum verlagert?

Das glaube ich nicht. Man kann zwar am Computer Kunst einkaufen, aber es gibt immer noch das Grundbedürfnis des Menschen, sich zu treffen und auszutauschen. Zudem glaube ich an das Original und an den emotionalen Bezug dazu, dieses ist nicht durch Abbildungen zu ersetzen.

Die Liste ist die Nummer zwei neben der Art Basel. Hat das manchmal genervt, immer auch Sprungbrett zu sein?

Nein, Sprungbrett zu sein ist das Tollste. Eine sehr dankbare Aufgabe. Allein die Atmosphäre an der Art Basel ist eine ganz andere. Wir haben die Galeristen, die zum ersten Mal nach Basel kommen dürfen, deren Traum in Erfüllung geht. Das sorgt für eine ganz besondere Energie, voller Lust und Hoffnung. Das ist wie frisch verliebt sein, etwas Einmaliges.

Die Kunstmesse dauert eine Woche. Und danach: Macht der Direktor acht Monate Ferien?

(lacht) Nicht ganz. Aber tatsächlich ist das ein ganz grosser Vorteil an meinem Job: Ich musste nicht dauernd liefern, im Unterschied etwa zu einem Museumskurator, der stets die nächste Ausstellung plant. Ich leistete mir in den letzten Jahren den Luxus, sechs Wochen Ferien zu machen. Nach drei Wochen ist man erholt und dann ist der Kopf frei für neue Ideen, neue Fragen, neue Ansätze in der eigenen Arbeit. Umso grösser ist danach die Lust, wieder zu arbeiten.

Künstler hingegen können sich oft gar keine Ferien leisten, nagen am Hungertuch. Hat Sie je ein schlechtes Gewissen geplagt?

Das nicht, nein. Aber es wurde zum Sinn meiner Arbeit. Wir bemühen uns ja, Künstlern eine Plattform zu geben. Einige wurden an der Liste entdeckt, manche sogar berühmt und reich. Diese Erfolge haben auch mich angespornt. Von daher war meine Arbeit sinnvoll. Und das ist auch wichtig für die Zukunft der Liste. Diese wird ja in eine Stiftung übergehen. Die Stiftung beauftragt die neue Direktion, dafür zu sorgen, dass Galerien gefördert werden. Künstler werden in der Schweiz ja ordentlich gefördert, Galerien hingegen kaum. Aber ohne Galeristen können Künstler nicht leben, das sind ihre  Manager, die sich auch um die Verkäufe und damit das Einkommen der Künstler kümmern. Die Stiftung wird sich überlegen, wie man jungen Galerien helfen, sie unterstützen kann. Es gibt ja in dem Sinn keine Ausbildungsweg zum Galeristen. Vielleicht werden wir solcherlei unterstützen, vielleicht auch eine weitere Messe gründen, auf jeden Fall wollen wir der Galerienszene helfen. Ich habe viele junge Galerien erlebt. Da gibt es auch immer solche, die den richtigen Riecher haben für gute Kunst, aber schlechte Verkäufer sind.

Sie haben die neue Direktion erwähnt. Wer macht das Rennen?

Das wissen wir erst im Sommer. Diese Woche ist die Bewerbungsfrist abgelaufen. Ich kann nur verraten, dass tolle Bewerbungen eingegangen sind und ich schon mal ganz beruhigt bin. Das kommt gut.

Haben Sie selber eigentlich jedes Jahr ein Kunstwerk gekauft an der Liste?

In den ersten Jahren konnte ich mir kaum einen Lohn zahlen, geschweige Kunst kaufen. Aber später kaufte ich mir immer wieder mal ein Kunstwerk. Aber ich bin kein Sammler, ich mag es auch nicht, Kunst zu lagern. Ich möchte mit ihr leben. Aber meine Wohnung ist mittlerweile voll.

In einer Wohnung wird es ja schnell eng, wenn man Kunst kauft.

Wir haben eine grosse Wohnung. (lacht)

An welchem Kunstwerk hängen Sie besonders?

Mir sind jene am nächsten, die ich geschenkt bekommen habe. Der emotionale Bezug ist mir wichtiger als der Wert. In der Nacht nach der Schweizerhalle-Katastrophe sass ich in meiner Wohnung und fragte mich, was ich retten würde. Damals waren  das Werke von Silvia Bächli , die sie mir geschenkt hatte.

Jetzt wo Sie die Direktion aufgeben, können Sie es ja sagen: Was ist der nervigste Aspekt am Kunstbetrieb?

Der Schickimicki-Teil. Wo das Sehen und Gesehen werden wichtiger ist als die Kunst und jene reichen Leute, die meinen, sie können sich alles erlauben.

Zum Beispiel?

Ich erinnere mich an die Anfänge der Liste. Da spazierte ein Herr vor der Eröffnung ins Warteck hinein. Ich bat ihn, wieder rauszugehen, da die Messe noch nicht öffentlich ist. Er ging nicht darauf ein. Ich sagte ihm, dass ich der Direktor sei und darauf bestehe, dass auch er bis zur Eröffnung warte. Worauf er sagte: Dann kaufe ich einfach das ganze Haus.

Und dann?

Sagte ich ihm: Aber ich verkaufe es ihnen nicht. Ich will nicht schwarz/weiss-malen, die Liste ist ein lockerer Anlass geblieben, ohne dicken roten Teppich. Die Reichen haben immer schon zur Kunstwelt gehört, und haben sie gefördert. Früher war es der Adel und die Kirche, heute sind es Industrielle und Unternehmer. Leben kann die Kunstwelt fast nur davon. Für den Durchschnittsbürger ist die Kunst oft zu teuer.

Auch, weil Kunst eine Form des Investments geworden ist.

Natürlich sind die Preise so hoch, weil es Menschen gibt, die so viel dafür zahlen. Selbst die Museen können ja nicht mehr mithalten, die sind darauf angewiesen, dass sie Kunstwerke als Leihgaben erhalten. Zugleich ist es aber auch nicht Alltag, dass Gemälde Millionenpreise erzielen. Kürzlich sah ich eine Statistik, wonach 70 Prozent der Kunst, die gekauft wird, unter 2000 Franken kostet. Aber damit macht man keine Schlagzeilen.

Was war eigentlich ihr erster Traumjob?

Ich bin ein nach 68er. Als Jugendlicher war ich Pazifist, wollte die Welt retten. Gandhi war eine grosse Figur für mich. Mein erster Beruf war Sozialarbeiter. Davor wollte ich auch Schauspieler und Opernsänger werden.

Opernsänger?!

Ja, nur leider habe ich eine grauenhafte Stimme. Aber ich finde das Singen etwas Wunderbares. Es ist Balsam für die Seele.

Singen Sie unter der Dusche?

Ja. Ich war vor Jahren auch mal in einem Chor, aber mein Terminkalender erlaubte es nicht mehr, regelmässig hinzugehen, also gab ich es auf.

Welche Stimme berührt Sie besonders?

Janis Joplins Stimme wirft mich heute noch um. Und von aktuellen Künstlern, nun, da habe ich mir grad Tickets für das Konzert des Tenors Jonas Kaufmann gekauft. Er kommt im Januar ins Goetheanum, darauf freue ich mich jetzt schon.

Worauf freuen Sie sich als erstes, wenn Sie Ende Jahr den Schlüssel abgegeben haben?

Ich freue mich, innerlich freier zu sein und mehr Zeit zu haben. Zum Beispiel möchte ich Gesangstunterricht nehmen. Oder mal nur für eine Ausstellung nach Zürich fahren, und dort nicht noch drei weitere Ausstellungen reinzuziehen, weil ich muss. Vielleicht werde ich auch Rosen schneiden, obschon ich im Moment noch keine habe. Ein Garten würde mich reizen.

Also wirklich den Ruhestand suchen?

Ja, genau. Ich bin eher der hektische Typ Mensch. Ich hatte schon mal einen Garten. In der Erde grümschelen und sehen, wie etwas wächst, das tut mir gut.