Kommentar
Die MCH Group AG muss sich ändern: Das hybride Messekonstrukt hat ausgespielt

Das Verhältnis der öffentlichen Hand zur MCH Group muss grundsätzlich entflochten werden. Der Zwitter, der zwischen Kanton und privatwirtschaftlichem Unternehmen entstanden ist, hält die Entwicklung nur zurück. Ein Kommentar.

Christian Mensch
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Baselworld 2019 Patek Philippe
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Baselworld 2019: Direktor Michel Loris-Melikoff.
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Kenneth Nars

Der Sündenfall hat ein Datum: Am 29. Juni 2001 erfolgte der Börsengang der Messe Schweiz. Seither bewegt sich das Unternehmen in zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Als börsennotierte Firma hat es sich auf die Profitmaximierung zugunsten ihrer Aktionäre auszurichten. Doch 49 Prozent der Aktien werden von der öffentlichen Hand gehalten, von den Kantonen Basel-Stadt, Baselland, Zürich und der Stadt Zürich, die dem volkswirtschaftlichen Gemeinwohl verpflichtet sind.

Als knappe Minderheit haben sich die staatlichen Aktionäre den Regeln des Kapitals unterworfen, als vermeintlichen Interessensausgleich halten sie eine Mehrheit im Verwaltungsrat. Verharmlosend ist die MCH Group, wie die Firma seit 2009 heisst, dadurch eine hybride Konstruktion geworden. Faktisch wurden die Akteure auf schizophrenes Handeln getrimmt.

Die Janusköpfigkeit hat der MCH Group gute zehn Jahre hervorragend gedient. Jede kommerzielle Extravaganz etwa im Zusammenhang mit der Baselworld wurde von der Börse honoriert. Jeder Anspruch auf Subventionen war gleichzeitig durch den volkswirtschaftlichen Nutzen legitimiert, den das Unternehmen angeblich für die gesamte Region erwirtschaftet.

Dass dieses Konstrukt vergiftet ist, drängt erst ins breite Bewusstsein, seit die Firma tiefrote Zahlen schreibt, Konzernchef René Kamm entlässt, traditionsreiche Veranstaltungen in Serie liquidiert und Strategien panikartig über Bord wirft. Nun wollen es manche schon vorher besser gewusst haben. Sie brandmarken das neue Messezentrum als Inbegriff des Grössenwahns, wollen, dass die Politikerköpfe im Verwaltungsrat rollen. Die Bruchlinie war jedoch früher schon erkennbar.

Das Unternehmen weiss seit Jahren, dass seine Zukunft nicht im Bespielen von Messehallen liegt. In einer ersten Phase versuchte es, sein Geschäftsmodell zu stabilisieren, indem es seine Verwertungskette ausbaute, in Standbau und Veranstaltungstechnik investierte. In einer zweiten Phase kaufte es Eventveranstalter, zuletzt die US-amerikanische MC 2. Es wollte ein globaler Player werden. Nur verlief die Erosion des Stammgeschäfts schneller als der Aufbau des Neugeschäfts – und vor allem: Das Neugeschäft ist ohne volkswirtschaftlichen Nutzen für die staatlichen Grossaktionäre. Weshalb bloss sollen Kantone wesentlich im Besitz einer Firma sein, die Geld verdient, indem sie in den USA Showevents organisiert?

Die Politik und damit auch die Politiker im Verwaltungsrat der MCH Group haben Schwierigkeiten, sich von der Vorstellung zu lösen, dass nun geteilt gehört, was nicht zusammenpasst. Ihnen haftet weiterhin die Geschichte im Hinterkopf, die Messen in Basel wie in Zürich seien früher als Genossenschaften organisiert gewesen und hätten Messeinfrastruktur für die Region bereitgestellt.

Die Umwandlung in eine börsennotierte Aktiengesellschaft haben sie als Formalie wahrgenommen und damit die grundsätzliche Umwertung verpasst. Rührend mutet es deshalb an, wenn etwa die FDP Basel-Stadt meint, das Rad der Zeit könne einfach zurückgedreht und die Messe wieder als regionale Genossenschaft aufgestellt werden.

Eine saubere Trennung tut Not: Die MCH Group soll sich von ihren Gemeinwohl-Verpflichtungen lösen, um als kompetitive und international tätige Gesellschaft tun zu können, was sie wirtschaftlich erfolgreich macht. Die öffentliche Hand wiederum soll sich zurückziehen und sich auszahlen lassen. Sie soll übernehmen, was der Firma ohnehin nur Hypothek ist: die Messehallen.

Falsch wäre es, die weitgehend leerstehende Infrastruktur staatlich subventioniert der MCH Group wieder zur Verfügung zu stellen. Doch die Hallen liegen in Basel wie in Zürich an städtebaulich interessanten Orten mit potenziell hoher Wertschöpfung. Nicht an den Immobilien kann die öffentliche Hand Interesse haben, sondern am Boden, auf dem sie stehen. Dass damit zunächst auch Abschreiber verbunden sind, ist unausweichlich. Doch diese finden ohnehin statt: Beim Börsengang hatte die Messe eine Marktkapitalisierung von 150 Millionen Franken, derzeit liegt sie noch bei 100 Millionen.