Der Grosse Rat behandelt Mittwoch die Interpellation des Grünliberalen David Wüest-Rudin «betreffend finanzieller Schieflage der Messebetreiberin MCH». Nicht zum ersten Mal dient der schlechte Geschäftsgang des börsenkotierten Unternehmens Messe Schweiz als Anlass, den Rückzug des Kantons und der Politik aus der MCH Group zu fordern.

Denn der Kanton hält den grössten Aktienanteil, und mit Eva Herzog und Christoph Brutschin sitzen zwei sozialdemokratische Regierungsmitglieder im Verwaltungsrat der Messe Schweiz. So werden denn auch vermeintliche Interessenskonflikte der Politiker kritisiert.

Der Kanton als Stakeholder

Der reflexartige Versuch, der Krise durch Rückzug zu begegnen, mag aus Aktionärssicht plausibel erscheinen. Der Kanton Basel-Stadt ist jedoch weit mehr als ein Shareholder. Als Stakeholder steht er auch für die Bedürfnisse weiterer Anspruchsgruppen am traditionsreichen Unternehmen Messe Schweiz ein: der städtischen Bevölkerung, der Region als Wirtschaftsstandort, des schweizerischen und internationalen Messewesens selbst.

Damit verbindet sich ein auf längere Sicht angelegtes politisches wie ökonomisches Verantwortungsbewusstsein für die Region, das Tradition hat. Dies zeigt der Blick zurück in die über hundertjährige Geschichte des Unternehmens.

Regierung als Messegründer

Mitten im Ersten Weltkrieg traf der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt einen für das schweizerische Messewesen richtungsweisenden Entscheid. Er stimmte der Durchführung einer Mustermesse in Basel zu und setzte zu diesem Zweck ein Organisationskomitee ein. Mit der damals neuartigen Messe wollte die Regierung zusammen mit der hiesigen Handelskammer der unter dem Ersten Weltkrieg leidenden Schweizer Wirtschaft neue Impulse verleihen.

Die wirtschaftliche und soziale Not war in der Grenzstadt denn auch besonders hoch. Dabei musste sich Basel gegen Konkurrenten aus Lausanne und Genf durchsetzen. Gemeinsam mit dem Direktor der Basler Gewerbeschule und späteren Messedirektor, Jules de Praetere, waren es die Regierungsräte Hermann Blocher und Fritz Mangold, die das Vorhaben einer Messe in Basel tatkräftig vorantrieben.

Bereits im April 1917 konnte die erste Schweizer Mustermesse stattfinden. Die basel-städtische Regierung war somit Initiantin und Gründerin der Messe. Bis in die Gegenwart ist diese ein zentrales Instrument der lokalen und nationalen Wirtschaftsförderung durch den Kanton geblieben.

Tatsächlich erlebt die Messe Schweiz wie weitere Unternehmen der Branche eine tiefgreifende und schwere Krise. Neu ist diese Erfahrung jedoch nicht. Im Gegenteil. Der Weg der Schweizer Mustermesse zur MCH Group AG war wiederholt von Krisen bestimmt. So ist die Mustermesse ein Kind der grössten wirtschaftlichen Krise überhaupt, welche die Schweiz im 20. Jahrhundert erlebte.

Krisen als Begleiter

Bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus wirtschaftete die Messe während 30 Jahren defizitär und war auf Mittel aus der öffentlichen Hand angewiesen. Doch der langfristige volkswirtschaftliche Nutzen für die Region sowie die gesellschaftliche und kulturelle Ausstrahlung der Messe wurden stärker gewichtet als rascher wirtschaftlicher Erfolg. Zu Beginn der 1990er-Jahre stand gar der Wegzug der Messe aus Kleinbasel zur Debatte. Man sah keine Zukunft mehr für den veralteten Messestandort. Dank namhafter Beiträge des Kantons wurde die Messe modernisiert, und es folgte die bis zur aktuellen Krise wirtschaftlich erfolgreichste Phase, die zur Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und zur Fusion mit der Messe Zürich führte.

In den vergangenen hundert Jahren hat sich die Messe immer wieder neu erfinden müssen. Aus der Leistungsschau von Industrie und Technik wurden Konsumgütermessen. Aus nationalen Publikumsmessen gingen internationale Fachmessen mit wissenschaftlichen Fachkongressen sowie Eventmessen im In- und Ausland hervor.

Am Wendepunkt

Im Zeitalter der sozialen Medien sind nun völlig neue Formen von Messen gefragt: eine Mischung zwischen digitalen Angeboten und physischem Erlebnis vor Ort, so bezeichnete «hybride» Plattformen. Ob diese neuerliche Transformation gelingt, kann niemand voraussehen. Doch die Geschichte zeigt, dass gerade das Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft zum langfristigen Erfolg der Messe geführt haben.

Bereits bei der Gründung der Schweizer Mustermesse vor über hundert Jahren sagte Regierungsrat Hermann Blocher: «Wir sollten die Sache probieren.» Er meinte damit auch das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik.

   

*Prof. Dr. Patrick Kury lehrt neuere allgemeine und Schweizer Geschichte an der Uni Luzern und ist seit Herbst 2017 Co-Leiter der neuen Stadtgeschichte Basel. 2016 hat er zusammen mit Esther Baur die Publikation «Im Takt der Zeit – von der Schweizer Mustermesse zur MCH-Group» herausgegeben.