Sie sind gruselig. Für die meisten Leute die sogar ungeliebtesten, widrigsten und angsteinflössendsten Tiere. Wenn sie mit ihren acht langen, dünnen Beinen die Küchenwand hinunterkrabbeln, sorgen sie bei so manchen Köchinnen für einen lauten Aufschrei.

Marc Brandenbergers Empfinden ist ein anderes. Die Spinnen gefallen ihm nicht nur – er züchtet sie sogar im Zolli. Mit Vorliebe die Schwarzen Witwen. In einer Vitrine im Australia-Gebäude stehen verschiedene Gläser aufgereiht nebeneinander. In einem nur der Kokon der giftigen Spinnen, daneben eines mit winzigen soeben Geschlüpften, und im dritten hängt ein ausgewachsenes Weibchen an einem Ast. Unter ihr eine Fliege, die sie soeben ausgesaugt hat. Es sei ihre Erste, sagt Brandenberger. Bisher habe sie nur Fruchtfliegen bekommen.

Die Weibchen haben die Macht

Das Züchten der Schwarzen Witwen ist eine heikle Angelegenheit, denn das A und O dabei ist das Timing. Die Weibchen sind mit sechs Monaten – und nach mehreren Häutungen – geschlechtsreif. Die Männchen bereits nach vier. Und sterben dann, wenn die Damen für die Paarung parat wären. Das heisst für Brandenberger: «Ich muss den richtigen Moment für die Paarung erwischen.» Genauer: Er muss beobachten, wann sich die Geschlechtsteile der Männchen, zwei Boxhandschuhen ähnelnde Ballen, schwarz färben. Wirft er die Männchen den Weibchen nämlich zu früh vor, werden Erstere erbarmungslos gefressen. Stimmt das Timing, werden sie erst während der Paarung verzehrt. Denn bei den Schwarzen Witwen haben die Weibchen die Macht.

Derzeit ist sich der Tierpfleger nicht sicher, ob seine Zucht weiterhin funktioniert. Problem: Brandenberger weiss nicht, ob der letzte Kokon befruchtet ist. Wenn nicht, fehlen ihm Männchen. In den letzten neun Jahren, in denen er sich um die Witwen-Zucht kümmert, sei es schon mehrmals passiert, dass die Zucht eingegangen ist. «Dann habe ich Kontakt mit privaten Züchtern aufgenommen und mit ihnen Spinnen getauscht», erklärt er.

In seine eigenen vier Wände hat Brandenberger die Zolli-Witwen auch schon mitgenommen. «Zum Experimentieren», wie er sagt. Denn vor neun Jahren musste er sich selber beibringen, wie und zu welchem Zeitpunkt man Schwarze Witwen züchtet. Heute sagt man Zolli-intern, er habe ein Händchen für die Spinnenzucht. Aus diesem Grund wird er immer wieder für verschiedene Zuchtprojekte angefragt.

Seine Passion für die Spinnenzucht kommt nicht von ungefähr. Seit je interessiert sich der 35-Jährige für Reptilien, Amphibien und Insekten. «Mit elf Jahren hatte ich die erste Schlange zu Hause.» Zu Spitzenzeiten krochen gegen 150 Reptilien in seiner Wohnung umher. Heute hat er den Bestand bis auf drei Bambusnattern reduziert: «Weil ich mich schon bei der Arbeit um Reptilien kümmere, möchte ich zu Hause nicht noch einmal füttern und Terrarien putzen.»

Von Heuballen bis zur Pinzette

Der gelernte Landschaftsgärtner kümmert sich im Zolli neben Spinnen unter anderem um die Wildesel, den Malaienbär, Südhornraben oder Buschhühner. Jeder Arbeitstag bringe ihm etwas anderes. «Mal schleppe ich schwere Heuballen für die 250 Kilogramm schweren Wildesel auf die Anlage, am anderen Tag säubere ich die Innenanlage der Kängurus, und am dritten muss mich mit einer Pinzette in der Hand konzentrieren und ein Gramm schwere Schwarze Witwen sortieren.» Am Ende kann er dann aufatmen: Der letzte Schwarze-Witwen-Kokon ist befruchtet. «Man sieht schwarze Punkte drin», sagt er erleichtert. Mal schauen, wie viele Tiere schlüpfen – es können bis zu einhundert sein.