Avo Session

Die Möchtegern-Diva und der verhinderter Pionier an der Avo Session

Die Jazz-Legende Herbie Hancock wusste zu begeistern – bis er auf den iPads rumzutippen begann. Juri Junkov

Die Jazz-Legende Herbie Hancock wusste zu begeistern – bis er auf den iPads rumzutippen begann. Juri Junkov

Melody Gardot stolpert über die Eitelkeit, Herbie Hancock über die Technik: Die Künstler an der Avo Session haben so ihre Probleme. Trotzdem bescherten sie dem Publikum begeisternde Momente – wenn sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrierten.

Melody Gardot und Herbie Hancock liegen zwei Generationen auseinander. Die 27-jährige Sängerin aus Pennsylvania kam auf Umwegen zum Jazz, der 72-jährige Pianist lernte schon sehr früh von den Meistern der Nachkriegszeit. Beide traten an der Avo Session am gleichen Abend auf und hinterliessen gemischte Eindrücke.

Vor einer retro gestylten Kulisse interpretierte Melody Gardot vorwiegend Songs aus dem neuen Album «Absence», das im Gegensatz zum erfolgreichen Album von 2009, «My one and only thrill», das von erdrückenden Streicherarrangements geprägt war, nun einen schwer definierbaren Schwall von lateinamerikanischen und südeuropäischen Rhythmen bringt. Das ist in etwa eine Approximation an Fado, Samba und Tango und vermittelt gelegentlich auch einen leisen Hauch von Jazz, mit durchaus auch gelungenen Momenten, denn die variable Stimme der Gardot ist keineswegs durchschnittlich. Auch über Talent zum Songschreiben verfügt sie zweifellos, dafür lässt ihr Potenzial noch den Ausdruck einer gewissen Leidenschaft vermissen. Ihre Performance ist zu sehr auf das Image einer Diva aufgebaut, was bemühend wirkt. Dafür war das Konzert dramaturgisch gut aufgebaut und mündete in einem Finale, in dem die Zuschauer begeisternd mitklatschten.

Wohltuend – zunächst

Nach dieser eher gefälligen Darbietung waren die Improvisationen von Herbie Hancock über Wayne Shorters «Footprints» am Fazioli-Flügel zunächst ein wohltuendes Bad, zumindest so lange, bis er während eines romantischen Themas das erste Mal zaghaft auf einen seiner fünf iPad-Bildschirme tippte. Plötzlich begleitete ein dumpfer, unangenehmer Bass das Spiel des Tastenmeisters. Offensichtlich war ein beschädigtes Interface daran schuld, dass Hancock sich nicht auf das interaktive Spiel mit seinem Elektro-Park verlassen konnte.

Technik nicht im Griff

So blieb an diesem Abend unklar, was Hancock, um den keiner herumkommt, der sich mit Jazz – vor allem Fusion – im 20. Jahrhundert beschäftigt, mit diesem Experiment eigentlich beabsichtigte. Wer einst Hancock in seinen Keyboards und Synthesizern wie in einem Cockpit verankert gesehen hat, als er noch der innovative Leader der Headhunters war, musste feststellen, dass hier offensichtlich die Technik nicht mehr in den Griff zu bekommen war. Die je fünf iPads und Keyboards, die zwei Computer und einige technische Spielzeuge mehr bildeten einen Berg, der gerade mal eine lächerliche Maus gebar. Die abstrusen Klangcollagen und überdrehten Rhythmusmaschinen zum Klassiker «Maiden Voyage» waren weit entfernt von dem, was im gleichen Konzert unter den Fingern des Pianisten aus dem akustischen Flügel hervorklang. Und es wurde zunehmend schlimmer. Mit Ausnahme von ein paar funky Rhythmen kam nicht mehr viel Gewinnbringendes heraus, ausser Hancock tat das, was er konsequenterweise schon früher hätte tun sollen: Er setzte sich wieder an den Flügel und improvisierte über «Cantaloupe Island». Dann war sie wieder da, die Magie der Klänge, die ihm ganz eigene Sonorität, die Hancock seit mehr als fünf Jahrzehnten auszeichnet und auch Miles Davis verzaubert haben soll.

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